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Heinz Buschkowsky – Neukölln ist überall

04 Sep

Ich lebe seit etwa 12 Jahren in Berlin-Neukölln. Ich ahne, dass einigen jetzt bereits ein kalter Schauer über den Rücken läuft und andere große Augen kriegen und fragen „Neukölln? Ist das nicht dieser Problembezirk? Mit der Rütli-Schule und so?“. Ja, ist es. Es ist ebenfalls der traurige Schauplatz, an dem ein junges Mädchen in einem Koffer verbrannt wurde. Das war gar nicht weit von meiner Wohnung.

Als ich hierherzog, hätte ich mir niemals vorstellen können, zu bleiben. Ich – das Kind aus dem Osten der Stadt, aufgewachsen in Marzahn, wo sich der Anblick von Plattenbausiedlungen quasi in meine Netzhaut brannte – zog damals in den vierten Stock eines Altbaus nahe der belebten Hermannstraße, zu meinem damaligen Freund. Meine Beziehung zu diesem Mann überlebte die Zeit nicht – meine Beziehung zu Neukölln hingegen vertiefte sich mit einer Intensität, die ich niemals für möglich gehalten hätte.

Als unsere Beziehung endete, suchte ich eine eigene Wohnung, die sich schon damals kaum finden ließ. Ich wollte eigentlich zurück in den Osten, weil ich mich dort verwurzelt fühlte und mir die in Frage kommenden Bezirke – speziell Prenzlauer Berg, Pankow und Friedrichshain – einfach so viel hipper und cooler erschienen als Neukölln mit seinem hohen Einwandereranteil und der daraus resultierenden Atmosphäre. Leider (oder glücklicherweise) wollte man mich im Osten nicht. Ich fand keine Wohnung. Ich suchte ein halbes Jahr und schraubte meine Ansprüche zähneknirschend immer weiter herunter. Irgendwann landete ich bei der Hausverwaltung meines Ex-Freundes. Sie hatten eine kleine 2-Zimmer-Wohnung im Angebot, im ersten Stock desselben Hauses, in dem mein Ex damals noch lebte (er zog später aus). Ich besichtigte die Wohnung, bekundete mein Interesse und erhielt den Zuschlag. Tja. Da war ich nun, wieder in Neukölln. Übergangsweise. Dachte ich.

Ich weiß nicht, wann es passiert ist. Vermutlich gab es keinen spezifischen Schlüsselmoment, wahrscheinlich war es ein gradueller Prozess, den ich gar nicht bewusst wahrnahm. Die Jahre vergingen und meine Pläne, den Bezirk wieder zu verlassen, rückten immer mehr in den Hintergrund. Ich begann, mich wohl zu fühlen. Ich lernte das pure Leben, das hier durch die Straßen pulsiert, die zentrale Lage, die unzähligen Spätis und Kneipen, das Tempelhofer Feld und die kulturelle Vielfalt zu schätzen. Ich erfreute mich an den grünen Oasen in meinem Kiez, die meiner Hündin so viele Möglichkeiten für Spiel und Spaß bieten. Ich fand einen Freundeskreis, wuchs Stück für Stück in diese Welt hinein. Und irgendwann wachte ich eines Morgens auf und stellte fest, dass ich nicht mehr gehen wollte. Ich hatte mich in Neukölln verliebt.

Diese Rezension zu Heinz Buschkowskys politischer Analyse „Neukölln ist überall“ ist für mich daher sehr persönlich. Buschkowsky war von 2001 bis 2015 Neuköllner Bezirksbürgermeister der SPD. Sicher ist er einigen von euch bekannt, denn er war stets eine popularisierende Persönlichkeit und eckte mit Zitaten wie „Multikulti ist gescheitert“ sogar in seiner eigenen Partei an. Wo immer er auftrat und sich äußerte, erregte er Aufsehen. Vor der Lektüre seines Buches war ich aufgrund der Medienberichte selbst kein Fan von ihm. Ich empfand seine Kritik an meinem geliebten Bezirk als zu harsch und als beleidigend. Natürlich hat Neukölln einige Probleme, aber die resignierte Frustration, die ich aus Buschkowskys Äußerungen heraushörte, wurde meiner Lebensrealität nicht gerecht. Von „Neukölln ist überall“ hatte ich ebenfalls nur Negatives gehört. Lesen wollte ich es trotzdem, aus dem kindischen Impuls heraus, Neukölln verteidigen zu wollen. Ich wollte Buschkowsky widersprechen, seine Thesen in der Luft zerreißen und das Buch mit dem guten Gefühl schließen, es besser zu wissen als dieser meckernde alte Mann.

Lesen ja, kaufen nein. Da ich ohnehin fest entschlossen war, alles, was darin steht, blöd zu finden, war ich nicht bereit, Geld für das Buch auszugeben. „Neukölln ist überall“ erschien 2012. Politische Werke haben grundsätzlich eine sehr kurze Halbwertszeit, sie verlieren schnell an Aktualität. Je mehr Zeit verstrich, desto unwahrscheinlicher erschien es mir, dass ich Buschkowskys Abrechnung mit meinem Bezirk überhaupt noch lesen würde. Sechs Jahre nach der Veröffentlichung hatte ich es im Grunde vergessen. Dann stolperte ich jedoch eines Morgens im Mai 2018 auf unserer Gassirunde über eine Kiste Bücher (nicht ungewöhnlich in Neukölln, noch ein Grund, diesen Bezirk zu lieben). Ich konnte nicht widerstehen, kramte mich durch und hielt plötzlich eine gut erhaltene, gebundene Ausgabe von „Neukölln ist überall“ in den Händen. Ich verstand es als Zeichen. Mein Bezirk wollte, dass ich das Buch lese, deshalb schenkte er es mir. Okay, dachte ich mir. Dann soll es so sein. Ich begann die Lektüre zwei Tage später.

Ich habe mich in Heinz Buschkowsky getäuscht. Er ist kein meckernder alter Mann. Er liebt Neukölln mindestens ebenso sehr wie ich, wenn nicht mehr. Während seiner Amtszeit setzte er sich unglaublich engagiert und furchtlos für die Menschen hier ein. Das rechne ich ihm im Großen wie im Kleinen sehr hoch an, denn die Neuköllner erleben Politik meiner Erfahrung nach meist als ferne Abstraktion. Buschkowsky versuchte immer, direkt zu helfen, weil er hinsah und genau erkannte, wo Hilfe benötigt wurde. „Neukölln ist überall“ ist sein Resümee der Jahre, in denen er mit vollem Einsatz dafür kämpfte, dass die Probleme des Bezirks angegangen werden, statt nur darüber zu reden. Seine Ausführungen sind völlig frei von Parteipolitik, was mir sehr gut gefiel. Im Gegenteil, Buschkowsky scheut sich nicht, die SPD zu kritisieren, wann immer es ihm angebracht erscheint. Obwohl ich mich erst daran gewöhnen musste, mochte ich auch seinen Schreibstil, der seinem typischen Mix aus intellektuellem Politikersprech und Berliner Kodderschnauze entspricht. Das Buch ist 100% Buschkowsky pur.

Inhaltlich analysiert der ehemalige Bezirksbürgermeister die Konfliktherde Neuköllns, die unbestreitbar stark mit der Einwanderung zusammenhängen, detailliert, treffend, schlüssig und nachvollziehbar. Buschkowsky werden oft Fremdenfeindlichkeit und Rassismus vorgeworfen – eine hanebüchene Anschuldigung. Buschkowsky ist einer der hingebungsvollsten Fürsprecher von Integration. Sein berühmtes Multikulti-Zitat bezieht sich nicht auf die zahllosen individuellen Beispiele erfolgreicher oder misslungener Integration, sondern auf Integration als politisches Konzept. Er beanstandet Unfähigkeit, Untätigkeit und Ignoranz des Berliner Senats, der für einen sozialen Brennpunkt wie Neukölln zu wenig effektive Strategien verfolgt, um Integration überhaupt erst zu ermöglichen. Er verflucht seine eingeschränkte Handlungsgewalt, die ihn darin hinderte, selbstständig einzugreifen und die weitreichenden Veränderungen durchzusetzen, die er sich wünschte. Offenbar besitzt ein Bezirksbürgermeister weit weniger Macht, als ich angenommen hatte. Er entschuldigt nichts, er beschönigt nichts und erklärt schonungslos, inwiefern die Menschen des Bezirks mit der Mammutaufgabe „Integration“ alleingelassen werden.

Besonders beeindruckte mich, dass Heinz Buschkowsky kein Schwätzer ist, der lamentiert, jammert und Alarm schlägt, ohne Konsequenzen daraus zu ziehen. Nein, Buschkowsky war sich nie zu fein, tief im Dreck zu wühlen, Lösungen für die Schwierigkeiten seines Bezirks zu entwickeln und die Konfrontation mit seinen Kritiker_innen zu suchen. Daher gefielen mir die Kapitel, in denen er seine Reisen in andere europäische Städte beschreibt, um sich vor Ort darüber zu informieren, wie sie die Thematik der Integration handhaben und praktisch umsetzen, hervorragend. Es war hochinteressant, die Situation in Europa, in Tilburg, Glasgow, Oslo, London, Rotterdam und Neapel, mit der mir bekannten Lage in Neukölln zu vergleichen. Ebenso spannend fand ich das Kapitel, in dem Heinz Buschkowsky einer Persönlichkeit einen Besuch abstattet, die ihm in Sachen Umstrittenheit wohl mindestens ebenbürtig ist: Thilo Sarrazin. Dessen Skandalveröffentlichung „Deutschland schafft sich ab“ konnte Buschkowsky natürlich nicht unkommentiert lassen. Es war deutlich zu spüren, dass er mit Sarrazins Theorien nicht das Geringste anfangen konnte und sein Besuch das nicht zu ändern vermochte. Ich glaube, in Buschkowskys Augen ist Sarrazin eben einer jener Schwätzer, die große Reden schwingen, statt die Ärmel hochzukrempeln. Außerdem habe ich die Vermutung, dass er seinen Parteigenossen nicht besonders mag. 😉

Ich stimme Heinz Buschkowsky in vielen Punkten zu, die er in „Neukölln ist überall“ diskutiert und erörtert, vor allem darin, dass Bildung der Schlüssel zu erfolgreicher Integration ist. In Neukölln wurde diese leider jahrzehntelang sträflich vernachlässigt. Bildung ist die Antwort auf die meisten Konflikte und Schwierigkeiten, die sich aus einer Gesellschaft mit hohem Einwandereranteil ergeben. Bildung schafft Perspektiven. Bildung schafft Alternativen. Bildung schafft Aufgeschlossenheit, Anpassung, Selbstbewusstsein, Freiheit, Toleranz. Ich wollte Buschkowsky durch die Seiten seines Buches hindurch zujubeln. Ich bin voll und ganz seiner Meinung.

Worin ich ihm hingegen widersprechen muss, ist seine Annahme, für Neukölln sei es bereits zu spät, um das Vorhaben „Multikulti“ zu realisieren. Sein Buch erschien ein wenig zu früh. Er hatte mit vielem Recht und einige seiner Ausführungen sind auch heute noch aktuell, er rechnete allerdings nicht damit, dass Berlin einen explosionsartigen, massiven Bevölkerungszuwachs erleben könnte, der Neukölln einer Art Zwangsveränderung unterziehen würde. Als die Bevölkerungszahlen der Stadt in die Höhe schossen, immer mehr Menschen herzogen und die Wohnungsnot zunahm, blieb vielen nichts anderes übrig, als Neukölln als zentralen Berliner Stadtteil mit vergleichsweise günstigen Mieten für sich zu nutzen. Die Durchmischung, die Buschkowsky all die Jahre vermisste, fand letztendlich doch noch statt. In meinem Kiez ist sie sichtbar. Junge Familien, Student_innen, Kreative und Unternehmer_innen veränderten das Gesicht des Bezirks. Mein Kiez ist friedlicher, entspannter, fröhlicher und vielfältiger als je zuvor. Man kann hier jetzt vegan und glutenfrei essen gehen, wenn man keinen Appetit auf Döner hat. Die Konfliktherde sind sicherlich nicht verschwunden, aber ich habe das Gefühl, wir sind auf einem guten Weg.

Ich bin sicher, dass es Heinz Buschkowsky freut, dass Neukölln irgendwie doch noch die Kurve kriegte. Es stört ihn bestimmt nicht, dass sein Buch deshalb nun an Aktualität einbüßte. Vermutlich sorgt er sich viel zu sehr um steigende Mieten und Gentrifizierung, um zu schmollen. Die Bevölkerungsexplosion brachte eben neue Probleme mit sich. Ihm liegt der Bezirk so sehr am Herzen, dass er wahrscheinlich niemals aufhören wird, nach gesellschaftlichen Veränderungen, nach Verbesserungen zu verlangen. Sollte er sich daher genötigt fühlen, weitere Bücher wie „Neukölln ist überall“ zu schreiben – nur zu. Ich fand seine politische Analyse lehrreich, interessant und leidenschaftlich, eine fesselnde Mischung aus Fachwissen und Emotionalität. Die Lektüre hat mir Freude bereitet, was bei einem politischen Sachbuch schon einiges heißen will.

Ich entdeckte meine unerwartete Liebe zu Neukölln bereits vor der Lektüre von „Neukölln ist überall“, aber es bedeutet mir viel, dass Heinz Buschkowsky sich die Mühe machte, den Menschen da draußen, Menschen wie euch, zu erklären, dass Neukölln mehr ist als sein mieses Image aus den Medien. Googelt heute mal die Rütli-Schule. Ihr werdet überrascht sein. Man kann die Probleme des Bezirks nicht wegargumentieren und das versucht Buschkowsky auch gar nicht. Vielmehr appelliert er an die Politik, nicht länger die Augen zu verschließen und in ähnlichen bundesweiten Brennpunktbezirken endlich aktiv zu werden. Ich kann mich diesem Appell nur anschließen und möchte euch Buschkowskys Buch ans Herz legen, wenn ihr Interesse daran habt, herauszufinden, wie Neukölln wirklich tickt.

Neukölln ist ein wunderbarer Bezirk. Trotz aller Probleme, politischer Versäumnisse und Konflikte. Die Neuköllner sind lebenslustig, aufgeschlossen, temperamentvoll und absolut einfallsreich. Mag sein, dass wir alle ein bisschen verrückt sind, aber vielleicht muss man das sein, wenn man hier wohnt. Wir stellen Gegenstände, die wir nicht mehr brauchen, an die Straße, kleben ein Schild mit der Aufschrift „Zu verschenken“ dran und machen uns aus dem Staub. Wir veranstalten einmal im Jahr ein 48-stündiges Kunstfestival (48h Neukölln). Wir grillen im Sommer auf den Hinterhöfen und fahren im Winter auf dem Tempelhofer Feld Schlitten. Wir lieben Hunde, Katzen, Papageien und den einen oder anderen Esel. Wir feiern die Wiederinbetriebnahme einer U-Bahn-Station nach Bauarbeiten mit Konfetti und Tröten bei der Einfahrt jedes Zuges. Wir sitzen vor und in Spätis und Kneipen, sprechen den Dönermann hinterm Tresen mit Vornamen an und brüllen uns in zahllosen Sprachen auf offener Straße an. Nicht immer im Streit. Neukölln ist bunt. Neukölln ist Leben. Neukölln ist meine Heimat. Hier schlägt mein Herz.
Ich lebe in Berlin-Neukölln. Und ich habe vor, zu bleiben.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 4. September 2018 in Non-Fiction, Politik, Rezension

 

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Eine Antwort zu “Heinz Buschkowsky – Neukölln ist überall

  1. amaunet0101

    5. September 2018 at 10:52 am

    Tolles Plädoyer für deinen Bezirk. Auch ich habe meine anfänglichen Schwierigkeiten mit Neukölln ganz und gar überwunden und bin, obwohl ich nicht da wohne, gern dort.

    Im übrigen fand ich das Buch genug informativ, um vieles von meinem Halb-Wissen zu überwinden. Buschkowsky hat, soviel ich weiß, vor nicht allzu langer Zeit ein weiteres Buch zu diesem Themenkreis veröffentlicht, das ich gerne lesen (allerdings nicht kaufen) würde.

    Gefällt 1 Person

     

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