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Richard Schwartz – Die Macht der Alten

10 Apr

Havald zersplitterte. Der Nekromantenkaiser zerriss seine Seele. Nur mit Mühe gelang es ihm, sein Selbst wieder zusammenzusetzen. Nun teilt er seinen Körper mit all den Seelen, die ihm der Verschlinger und Seelenreißer überließen. Hunderte, Tausende aller Zeitalter leben in ihm weiter, während er von ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten profitiert. Die dunkle Gabe pulsiert in ihm. Mit seinem Schicksal hadernd zieht er sich zurück, versteckt sich im Hammerkopf, der Schenke, in der alles begann. Hier findet ihn Leandra. Einfühlsam überzeugt sie ihn, sich nicht abzuwenden. Illian und Askir brauchen ihn, denn noch immer bedroht Thalak die Königreiche, trotz des erfolgreichen Eingreifens von Xiang. Drachen wurden am Himmel gesichtet, primitive, furchtbare Wesen, die nicht mit der Majestät und Intelligenz Elsines vergleichbar sind und von einer Kriegsfürstin in weißer Lederrüstung kontrolliert werden: Farlin, Aselas Tochter. Havald kehrt nach Askir zurück und beginnt sofort, die Feldzüge vorzubereiten, die den Krieg ein für alle Mal beenden sollen. Seine unkonventionellen Ideen inspirieren nicht nur Zustimmung, doch seine engsten Freunde vertrauen seiner Führung. Leandra, Serafine, Zokora und Varosch begleiten ihn ins Blutige Land, um endlich das Geheimnis des Tarns zu lüften. Welche Macht haben die Alten ihren Nachfahren hinterlassen? Welche Opfer werden nötig sein, um den Krieg der Götter zu entscheiden?

Um es mit Erich Kästner zu sagen: da samma wieder. Alles beim Alten. Ein Schritt nach vorn, zwei zurück. Wisst ihr, nach der erfreulichen Lektüre des Zwischenbandes „Der Inquisitor von Askir“ hoffte ich von Herzen, dass Schwung in die Reihe „Die Götterkriege“ kommt. Schließlich habe ich lange genug darauf gewartet. Die Perspektivverschiebung hin zu dem charmanten Dieb Wiesel erschien mir wie ein Silberstreif am Horizont. Es sah wirklich so aus, als hätte sich Richard Schwartz endlich ausgekekst, weil Wiesel der Geschichte die Leichtigkeit verlieh, die sie dringend benötigte. Leider verfällt Schwartz in „Die Macht der Alten“ erneut in die alten, steifen Muster. Der fünfte Band ist einseitig, vorhersehbar und ziemlich langweilig. Schwartz ergeht sich in mikroskopischen Entwicklungen, statt endlich die epische Handlung anzuvisieren, die ich mir wünsche. Kurz vor dem Finale kommt er immer noch nicht zu Potte, weshalb es sich gar nicht so anfühlte, als steuerten wir auf einen explosiven Showdown zu. Die Inkonsequenz des Autors lähmt die gesamte Geschichte. Da er sich weigert, Charaktere sterben zu lassen, jongliert er mit zu vielen Figuren, wodurch sich wiederum zu viele Komplikationen ergeben, die Komplexität vorgaukeln. Er muss unheimlich weit ausholen, um inhaltliche Fortschritte zu erzielen, die allen Verwicklungen logisch gerecht werden. Die Altlasten der Reihe sind ein Klotz am Bein der Geschichte, der ihr Potential fesselt, einschnürt und daran hindert, sich zu entfalten. Ich hatte das Gefühl, Schwartz könnte längst fertig sein, würde er nur einmal auf überflüssiges, seitenfüllendes Geplänkel verzichten und seine Figuren nicht länger in bedeutungsarme Situationen schicken, die keinerlei Mehrwert bieten. Fokus, Herr Schwartz, Fokus. Er gestaltet jede Entwicklung frustrierend umständlich. Er rennt mit der Kirche, ach was rede ich, mit einem ganzen Dom ums Dorf. Deshalb schafft es „Die Macht der Alten“ nur noch knapp und dank viel guten Willens meinerseits auf drei Sterne. Ich bin enttäuscht. Besonders Havald ernüchterte mich maßlos. Warum erlaubt Schwartz ihm keinen einzigen Funken Düsternis? Warum muss seine Heldenrolle so pathetisch sein? Warum nicht mit dem Konzept des Antihelden spielen? Nach dem vierten Band „Die Festung der Titanen“ glaubte ich wirklich, er hätte an Ambivalenz gewonnen und wir hätten das nervtötende Verfluchen seines Schicksals hinter uns gelassen. Aber nein, Havald ist erstens ermüdend facettenlos und zweitens eine Dramaqueen allererster Güte. Er verfügt offenbar über endlose Ressourcen der Jammerei, was einfach traurig ist, weil ich ihn eigentlich gernhabe und Schwartz seine Ich-Perspektive glaubwürdig transportiert. Wie schmerzlich vermisste ich den witzigen, lockeren Wiesel, der zu meinem Leidwesen wieder völlig in der Versenkung verschwand. Immerhin befindet er sich auf dem Friedhof der aussortierten Figuren in bester Gesellschaft, denn dort tummeln sich auch Sieglinde und Janos, die bedauerlicherweise zu farblosen Komparsen degradiert wurden. Wann ist das überhaupt passiert?

Mir ist bewusst, dass es klingt, als könnte ich kein gutes Haar an „Die Macht der Alten“ lassen. Das stimmt nicht. Beispielsweise freue ich mich stets über die zahlreichen tonangebenden weiblichen Figuren in „Die Götterkriege“. Es ist erfrischend, dass Richard Schwartz keine Scheu zeigt, wichtige politische, militärische und religiöse Positionen mit Frauen zu besetzen. Das rechne ich ihm hoch an. Meine Negativität ist eine Folge meiner umfassenden Enttäuschung, die manchmal mehr zwickt als die bloße Feststellung, dass ein Buch schlecht ist. „Die Macht der Alten“ wurde meinen Erwartungen, meinen Hoffnungen nicht gerecht. Ich habe Schwierigkeiten, diesen Fakt zu verdauen, weil ich mich so gern begeistern lassen möchte und Schwartz eine Chance nach der anderen einräume, um genau das zu erreichen. Es gelingt ihm einfach nicht. Irgendwie kommen wir auf keinen grünen Zweig. Ich weiß natürlich, dass meine Messlatte für gute High Fantasy sehr weit oben liegt, doch wie man es auch dreht und wendet, „Die Götterkriege“ kann sich nicht mit Epen wie „A Song of Ice and Fire“, „Das Spiel der Götter“ oder gar „Herr der Ringe“ messen. Die Reihe ist zu kleindimensional, weil Richard Schwartz als Schriftsteller weder mutig, noch experimentierfreudig oder abenteuerlustig ist. Ich denke, ihm fehlt die Vision für seine Geschichte. Abwarten, wie er sie im nächsten Band „Der Wanderer“ enden lassen wird.

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9 Kommentare

Verfasst von - 10. April 2018 in Fantasy, High Fantasy, Rezension

 

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9 Antworten zu “Richard Schwartz – Die Macht der Alten

  1. fraggle

    10. April 2018 at 7:51 am

    Ausgekekst? 🙂

    Gefällt mir

     
    • wortmagieblog

      10. April 2018 at 7:52 am

      Fertig werden, sich entscheiden, zu Potte kommen, aus den Puschen kommen. 😀

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      • fraggle

        10. April 2018 at 7:57 am

        Das habe ich aus dem Kontext geschlossen – und dennoch einen, wenn auch erfolglosen, Google-Versuch unternommen. 😉

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      • wortmagieblog

        10. April 2018 at 7:58 am

        Du müsstest „auskeksen“ eintippen, dann liefert er ein paar Ergebnisse aus Umgangssprache-Wörterbüchern. 😉

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      • fraggle

        10. April 2018 at 8:00 am

        Oh …, ähm …, ja …, auf die Idee hätte ich eigentlich auch selbst kommen können. 🙂 Ach, es ist ja noch früh, da laufe ich zerebral manchmal noch nicht so rund.

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      • wortmagieblog

        10. April 2018 at 8:01 am

        Macht nix, dafür hast du ja mich. 😀

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  2. reisenderbuecherwurm

    10. April 2018 at 8:54 am

    Huhu..ich kann deine Kritik vollkommen nachvollziehen. Zudem finde ich es schade, dass die späteren Bände der Reihe kaum was von Janos und Sieglinde sowie den Charakteren aus den Einzelbänden zeigen. Ich werde die „der Wanderer“ nicht spoilern ich sage nur es gibt mehr Action. Wobei das nicht immer gut ist. Viele Probleme werden zu schnell gelöst und einige Sachen bleiben offen. Das Ende ist nicht schlecht, aber Richard Schwartz schafft es nicht alle von ihm gesponnen Fäden einzusammeln.
    Ich weiß nicht ob es stimmt, aber ich hatte gehört der Autor stand vom Verlag unter Zeitdruck die Bücher schnell zu schreiben. Finde das merkt man an der Qualität verglichen mit den ersten Bänden der Reihe. Hatte beim Lesen manchmal das Gefühl die Bücher wären nicht lektoriert worden.

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    • wortmagieblog

      10. April 2018 at 10:15 am

      Keine Sorge, ich habe „Der Wanderer“ mittlerweile ja schon gelesen. Die Rezension dazu kommt ebenfalls bald, dann können wir uns darüber noch mal unterhalten. 😉

      Ich bin während meiner Recherchen ebenfalls über einen Blogpost bei Piper gestolpert, in dem sie sich dafür entschuldigten, dass Schwartz für den fünften Band wohl länger brauchte. Kann ich mir also vorstellen. Und ja, ich habe auch das Gefühl, dass „Das Geheimnis von Askir“ um Längen besser war als „Die Götterkriege“.

      LG
      Elli

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  3. A. Disia

    12. April 2018 at 6:43 am

    Huhu,
    Schade, dass dir die Bücher nicht mehr so gefallen haben. Ich habe mich richtig gut von den Götterkriegen unterhalten gefühlt. 🙂
    Das Geheimnis von Askir gefiel mir – bis auf das offene Ende – allerdings noch besser.
    Liebe Grüße
    A. Disia

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