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Ben Aaronovitch – Schwarzer Mond über Soho

04 Apr

Ben Aaronovitch begann Ende der 80er, Drehbücher zu schreiben. Bis 1996 erlebte er eine Blitzkarriere. Danach wurde es still um den Briten. Er war gezwungen, als Buchhändler zu arbeiten, was er zutiefst verabscheute. Aus diesem Joch befreite er sich selbst 2011, als „Die Flüsse von London“ erschien. Mit dem unerwarteten Erfolg des Reihenauftakts änderte sich für Aaronovitch alles. Plötzlich konnte er vom Schreiben leben. Mittlerweile umfasst die Reihe „Peter Grant“ sieben Bände (Stand: April 2018) und Aaronovitch schwört, dass er erst aufhört zu schreiben, wenn er entweder keine Ideen mehr hat, niemand seine Bücher kauft oder er das Zeitliche segnet. Ich verfolge die Reihe daher locker und habe den zweiten Band „Schwarzer Mond über Soho“ volle vier Jahre nach dem Auftakt gelesen.

Constable Peter Grant, einziger Zauberschüler Englands, erkennt das Stück sofort anhand des Saxofonsolos: „Body and Soul“, einer der größten Jazzklassiker. Er hat es schon oft gehört. Von einer Leiche wurde es ihm allerdings noch nie vorgespielt. Die Magie, die den bedauernswerten Jazzsaxofonisten tötete, muss verheerend gewesen sein, um ein so starkes Echo zu hinterlassen. Peter beginnt zu ermitteln und findet heraus, dass in Sohos Clubs verdächtig viele kerngesunde Jazzmusiker tot umfallen. Ein Serienmörder mit einer Vorliebe für Jazz? Gerade, als Peter glaubt, skurriler könnte es nicht mehr werden, findet die Polizei die Leiche eines Journalisten, der brutal entmannt wurde. Die berüchtigte Vagina dentata versetzt Londons Männerwelt in Angst und Schrecken. Ist es Zufall, dass ihr letztes Opfer ein Schüler des finsteren Magiers war, der Lesleys Gesicht entstellte? Fest entschlossen, die Ordnung seiner Stadt wiederherzustellen, begibt sich Peter auf die Jagd. Und wenn er darüber Lateinvokabeln vernachlässigt und magische Übungsstunden bei seinem Boss Detective Inspector Thomas Nightingale versäumt, ist das sicher verzeihlich. Schließlich muss er Prioritäten setzen.

Man kann den Briten vieles vorwerfen, aber hysterisch sind sie normalerweise nicht. Vielleicht ist ihr Humor deshalb so herrlich trocken und ironisch. Dieser nüchterne Witz belebt „Schwarzer Mond über Soho“. Nach der Lektüre habe ich darüber nachgedacht, wie anders dieses Buch wirken würde, hätte Ben Aaronovitch kein Gespür für sarkastische Bemerkungen, die die Londoner als eigene, verschrobene Spezies durch den Kakao ziehen und die Handlung auflockern. Einerseits wäre es vermutlich zu brutal. Einige Szenen sind erstaunlich gewalttätig und die blutigen Details der Mordfälle ließen mich nur deshalb nicht schaudern, weil Aaronovitch ihnen eine gewaltige Portion Galgenhumor gegenüberstellt. Andererseits könnte man annehmen, der Autor empfände eine tiefe Abneigung für London. Durch seine geistvollen Scherze transportiert er seine verblüffend fundierte Kritik am Verwaltungsapparat und an der Metropolitan, Londons Polizei- und Ordnungsbehörde, ohne verbittert oder zynisch zu erscheinen. Stattdessen konnte ich spüren, wie viel Liebe er seiner Stadt entgegenbringt. Er porträtiert London als die wunderliche alte Lieblingstante, deren Haare lila gefärbt sind, die peinlich extravaganten Schmuck trägt, sich stets schmerzhaft gerade hält und durch exzentrische Gepflogenheiten auffällt, aber immer Bonbons für ihre zahlreichen Neffen und Nichten in den Taschen hat. Er verfügt über beeindruckend umfangreiches, konkretes Wissen über die Geschichte der Metropole, das er bereitwillig mit seinen Leser_innen teilt. Ein Fall für Peter Grant ist immer auch eine Lehrstunde zur Vergangenheit und Gegenwart Londons. Ich mag diese Mischung aus Geschichtsstunde und moderner Urban Fantasy sehr gern. Daher ist es für mich kein Hindernis, dass Aaronovitch meiner Ansicht nach kein besonders talentierter Krimiautor ist. „Schwarzer Mond über Soho“ ist ein Fall in einem Fall in einem Fall und geriet demzufolge reichlich kompliziert. Gegen Ende verstricken sich die einzelnen Komponenten zu einem gewaltigen Wirrwarr, das ich nicht mehr aufdröseln konnte. Die Suche nach dem „ethisch fragwürdigen“ Magier (Peters Alternative zu „schwarzer Magier“) erzielt Fortschritte, wird uns jedoch noch eine Weile begleiten, denn es handelt sich dabei um den übergreifenden Erzählstrang, der die Bände der Reihe miteinander verbindet und ihnen Fortsetzungscharakter verleiht. Dieser entsteht natürlich zusätzlich durch Peters fortschreitende Ausbildung als Magier. Er kann mittlerweile kleinere Zauber wirken, ohne sich selbst in die Luft zu sprengen, ist meiner Meinung nach allerdings noch viel zu unerfahren, um es mit den farbenfrohen übernatürlichen Gestalten der Londoner Unterwelt aufzunehmen. Er schlägt sich gut, doch er ist beinahe schutzlos und durch seine mangelnde Kontrolle über seine Zauber sogar gefährlich. Eigentlich dürfte er noch nicht auf die Welt losgelassen werden und die Welt nicht auf ihn. Aber vielleicht erhält er ja bald Unterstützung. 😉

Ich kann damit leben, dass „Schwarzer Mond über Soho“ kein brillant konstruierter übernatürlicher Krimi ist. Ich lese die „Peter Grant“-Reihe nicht wegen der Kriminalfälle, sondern weil mich Ben Aaronovitchs britischer Humor begeistert und ich die Vorstellung, London könnte heimlich von zahllosen nicht-menschlichen Wesen bevölkert sein, spannend finde. Außerdem mag ich Peter, da er mich immer wieder überrascht. Es ist für mich nicht so wild, dass die kriminalistische Ebene etwas stockt und holpert. Meine Prioritäten sind anders verteilt. Wem ein lückenlos logisch gestalteter Kriminalfall hingegen wichtig ist, sollte „Schwarzer Mond über Soho“ vielleicht mit Vorsicht genießen. Ich rate nicht grundsätzlich von der Lektüre ab, doch ich denke, beinharte, strenge Krimifans sollten möglicherweise ihre Erwartungen runterschrauben. Ben Aaronovitch schreibt keine Krimis. Er schreibt Urban Fantasy, in denen ermittelt wird.

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4 Kommentare

Verfasst von - 4. April 2018 in Fantasy, Rezension, Urban Fantasy

 

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4 Antworten zu “Ben Aaronovitch – Schwarzer Mond über Soho

  1. reisenderbuecherwurm

    4. April 2018 at 8:44 am

    Huhu,

    interessanter Gedankengang zu dem Buch. Ich habe 6 Wochen den ersten Teil gelesen und fand da schon, dass die Krimihandlung stellenweise sehr verworren war. Insgesamt fand ich das Buch aber ganz gut und werde die Reihe weiterlesen. Band 2 liegt schon auf meinem SuB.

    LG
    Elisa

    Gefällt 1 Person

     
  2. Buchperlenblog

    4. April 2018 at 9:30 am

    Huhu Elli!
    Ich sehe das recht ähnlich wie du: die Fälle bei Peter Grant sind immer wieder reichlich verschachtelt, so dass ich am Ende ebenfalls den Überblick verliere, was jetzt genau wohin gehört. Aber der trockene Humor macht so vieles wieder wett! Ich liebe Peters Kommentare, mit denen er alle inkl. Sich selbst verunglimpft einfach 😄 ich sollte auch bald mal wieder zu der Reihe greifen, auf mich warten noch 3 Teile 🙂

    Liebe Grüße!
    Gabriela

    Gefällt 1 Person

     
  3. A. Disia

    4. April 2018 at 4:19 pm

    Den ersten Band der Reihe habe ich erst kürzlich gelesen und auf ihn treffen deine letzten 2 Sätze absolut zu. Schön zu wissen, dass es genauso weiter geht. Persönlich lese ich reine Krimis kaum, aber mit einem Spritzer Magie liebe ich die Geschichten.
    Und ich glaube, du hast recht, dass der Humor für die Geschichte essentiell ist. Mir fällt gerade erst auf, wie brutal zumindest der erste Teil doch eigentlich ist.
    Viele Grüße
    A. Disia

    Gefällt 1 Person

     
  4. sanne1978

    5. April 2018 at 5:02 pm

    Hallo Elli,

    schön, dass es hier ein Buch bzw. eine Reihe gibt, die wir beide gern lesen. Obwohl eher kein Fantasy-Fan, stehe ich total auf die Peter Grant-Reihe von Aaronovitch. Zum einen mag ich Peters Humor und seine freche Freizügigkeit. Und zum Anderen habe ich den ersten Band gelesen nachdem ich in London war und mich in die Stadt verliebt habe.
    Ich sehe es ähnlich wie Du: die Kriminalfälle sind verbesserungswürdig, aber der Lesespass ist grandios.

    Liebe Grüße
    Sanne

    Gefällt 1 Person

     

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