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Jennifer McMahon – The Winter People

20 Mrz

Laut Jennifer McMahon sind Autor_innen wie Elstern: sie suchen permanent nach funkelndem Schnickschnack, den sie in ihren Büchern verwenden können. Die Idee zu ihrem Mysterythriller „The Winter People“ verdankt sie ihrer Tochter Zella, der sie das Buch auch widmete. Eines Tages wollte Zella mit ihr ein makabres Spiel spielen, in dem sie zwei Schwestern darstellten, deren Eltern in den Wald entführt wurden. McMahon fand diese Ausgangssituation schrecklich, doch Zella zuckte nur die Schultern und sagte „Sometimes it just happens“ – manchmal passiert es einfach. Heute sind diese nüchternen Worte eines Kindes die Einleitung zu „The Winter People“.

Die Shea-Farm ist verflucht. Seit 1908 die grausam zugerichtete Leiche von Sara Harrison Shea kurz nach dem Tod ihrer Tochter hinter dem Haus gefunden wurde, weiß jeder in West Hall, Vermont, dass auf dem Grundstück und dem umliegenden Land unheimliche Dinge vor sich gehen. Seltsame Geräusche dringen aus dem Wald heraus, Menschen verschwinden spurlos und in einer bizarren Gesteinsformation soll eine Hexe hausen. Die Leute nennen es das West Hall Dreieck. Ruthie hielt das Gerede stets für dummen Aberglauben. Das alte Farmhaus ist ihr Zuhause, das sie mit ihrer Mutter Alice und ihrer kleinen Schwester Fawn teilt. Erst als ihre Mutter vermisst wird und sie auf der Suche nach Hinweisen unter einer Bodendiele Saras Tagebuch entdeckt, beginnt sie, sich zu fragen, ob an den Geschichten vielleicht doch etwas dran sein könnte. Sara berichtet von übernatürlichen Ritualen und Toten, die unter den Lebenden wandeln. Was ist damals wirklich vorgefallen? War Sara verrückt oder war sie die einzige, die die Wahrheit erkannte? Um das Verschwinden ihrer Mutter aufzuklären, muss Ruthie ein 100 Jahre altes Geheimnis lüften, das ihr Verständnis der Realität für immer verändern wird.

Im Winter lese ich gern unheimliche Thriller. Sie passen wunderbar in die dunkle Jahreszeit und versüßen mir die langen Abende auf der Couch. Wenn es draußen kalt und ungemütlich ist, grusele ich mich gern. „The Winter People“ erfüllte diesen Zweck voll und ganz. Es war gruselig. Der Roman ist eine richtige Geistergeschichte. Die solide, schaurige Atmosphäre der geheimnisumwitterten Handlung bot mir genau den Nervenkitzel, den ich suchte und hielt mich mühelos an den Seiten fest. Jennifer McMahon konzipierte „The Winter People“ multidimensional. Die Leser_innen bekommen es nicht nur mit zahlreichen Perspektivwechseln zu tun, sondern switchen auch zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her. Kombiniert ergibt diese Struktur ein spannendes Gesamtpaket, das weit von plakativem Horror entfernt ist und suggestiv an die Vorstellungskraft appelliert. Ich habe ein bisschen gebraucht, um den Rhythmus des Buches zu durchschauen und mich daran zu gewöhnen, allen Akteuren das gleiche Maß an Aufmerksamkeit zu schenken und niemanden zu bevorzugen. Ihre gemeinsame Geschichte beginnt im Januar 1908 mit Auszügen aus dem Tagebuch von Sara Harrison Shea. Die junge Ehefrau und Mutter schildert die letzten Tage ihres Lebens, die vor allem von der Trauer um ihre kleine Tochter Gertie geprägt waren. Sara liebte Gertie mit an Obsession grenzender Hingabe; ihr Tod brachte sie seelisch völlig aus dem Gleichgewicht. Mehr noch als Saras eigene Worte halfen mir die Beschreibungen ihres Ehemannes Martin, zu verstehen, wie sie sich kurz vor ihrem Tod verhielt. Seine Sichtweise erweiterte den Horizont des historischen Erzählstrangs. Er porträtiert Sara als manisch-depressiv. Sie konnte und wollte sich nicht mit Gerties Verlust abfinden, weshalb sie einen gefährlichen Weg einschlug, der „The Winter People“ bis in die Gegenwart führt. Es war vor allem Ruthies Perspektive, die mich das Fürchten lehrte. Ebenfalls im Januar stellt sie eines Morgens fest, dass ihre Mutter Alice verschwunden ist. Keine Nachricht, die erklären würde, wohin sie gegangen ist oder wann sie zurückkehrt. Diese Situation ist an sich bereits beängstigend, wird jedoch durch die Abgeschiedenheit ihrer Farm in der Nähe eines tiefverschneiten Winterwaldes potenziert. Außerdem verursachte mir ihre jüngere Schwester Fawn, die die ganze Zeit eine unheimliche alte Puppe mit sich herumschleppt, mit der sie düstere Zwiegespräche hält, eine Gänsehaut. Während die beiden Mädels herauszufinden versuchen, was mit ihrer Mutter geschehen ist, entdecken sie Überbleibsel aus der Vergangenheit: das Tagebuch, viele kleine Verstecke im Haus und Hinweise darauf, dass auch Alice einige Geheimnisse wahrt. Jennifer McMahon legte sowohl für ihre Figuren als auch für ihre Leser_innen eine zunehmend beklemmende Spur aus Brotkrumen aus, die langsam zur Wahrheit führt, wodurch der Thriller die Spannung lange aufrechterhält. Leider fiel diese für mich kurz vor Schluss steil ab, da zu früh aufgedeckt wurde, was wirklich vor sich geht. Sobald ich die Auflösung schwarz auf weiß vor Augen hatte, verlor „The Winter People“ jeglichen Reiz. Allerdings betraf dieses Desinteresse und die daraus resultierende leichte Enttäuschung lediglich die letzten 40 Seiten, weshalb ich meine Empfindungen nur minimal in die Bewertung einfließen ließ.

„The Winter People“ ist eine Geistergeschichte ganz nach meinem Geschmack. Nicht nur integrierte die Autorin Jennifer McMahon einige meiner persönlichen Angstfantasien, sie behandelte in der Tiefe auch subtil das Thema Verlust, wodurch dieser Roman deutlich mehr erreicht, als zu erschrecken. Die Figuren laden dazu ein, sich in sie hineinzuversetzen und sich zu fragen, wozu man selbst unter der Last erdrückender Trauer bereit wäre. Die Atmosphäre griff mit eisigen Spinnenfingern nach mir, statt mich brutal zusammenfahren zu lassen. Ich habe mit dem Buch angenehm gespenstische Stunden verbracht und freue mich schon darauf, mich irgendwann noch einmal mit Jennifer McMahon zu gruseln. Vielleicht wieder im Winter. In langen, kalten Nächten schaudert es sich so schön.

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