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Ursula K. Le Guin – Erdsee

22 Aug

Obwohl ich kürzlich feststellte, dass Frauen in der erwachsenen High Fantasy unterrepräsentiert sind, gibt es doch den einen oder anderen bedeutenden weiblichen Namen, der mit diesem Genre verbunden ist. Ursula K. Le Guin sollte diese Namensliste möglicherweise anführen. Kaum eine andere Autorin kann sich auf die Fahnen schreiben, so viel für die weibliche Fantasy und Science-Fiction geleistet zu haben. Kaum eine andere Autorin wird ehrfurchtsvoll mit Tolkien verglichen. Ihre „Erdsee“-Saga wurde mir vor Jahren von meiner Mutter vermacht. Der Sammelband „Erdsee“ enthält die ersten drei Romane: „Der Magier der Erdsee“, „Die Gräber von Atuan“ und „Das ferne Ufer“. Ich beschloss, alle drei direkt nacheinander zu lesen.

Dies sind die Geschichten von Sperber, dessen wahrer Name Ged lautet. Es sind die Abenteuer eines jungen Ziegenhirten, der zum mächtigsten Zauberer in ganz Erdsee wurde. Eine Geschichte erzählt von seiner Jugend, in der er sich der Angst selbst stellte und sie in ihre Schranken wies. Eine weitere berichtet von seinen Wanderjahren, während derer er weit in den Osten reiste, um seinem Land Frieden zu bringen und eine junge Frau kennenlernte, die das Licht in sich trug, obwohl sie für die Dunkelheit geschaffen wurde. Die letzte enthüllt die Kunde seiner schwersten Stunde, als er auszog, das Gleichgewicht des Lebens wiederherzustellen und das Reich der Toten betrat. Es sind Geschichten von Mut, tiefer Freundschaft und unvorstellbaren Opfern. Lauscht ihren Worten und folgt Ged nach Erdsee, in eine Welt, die von Magie geformt wurde und in der Drachen noch immer lebendig sind.

Der Auftakt der „Erdsee“-Saga, „Der Magier der Erdsee“, wurde 1968 erstveröffentlicht. Liest man High Fantasy aus dieser Zeit, sollte man darauf vorbereitet sein, dass sie nach anderen Regeln spielt als die modernen Vertreter des Genres. Aktuell liegen handfeste Action und komplexe Intrigengeflechte im Trend; Leser_innen sollen aufgeregt auf der Stuhlkante balancieren und an ihren Fingernägeln kauen, während sie sich fragen, wer als nächstes stirbt. Figuren gewinnen Stück für Stück an Ambivalenz und Realismus, Charakterentwicklung steht im Fokus. Als Ursula K. Le Guin „Erdsee“ zu schreiben begann, herrschten in der spekulativen Fiktion andere Prioritäten. Es ist wichtig, diesen Fakt im Hinterkopf zu behalten, um die altmodische Konstruktion nicht als irritierend zu empfinden. Ich wusste glücklicherweise, dass „Erdsee“ alt ist. Die Erzählweise ist eindeutig anders, weniger auf mitreißende Dramatik ausgerichtet, aber da ich darauf eingestellt war, konnte ich den traditionellen Charme der Romane genießen und mich ihrem ganz speziellen Sog hingeben, der trotz des niedrigen Spannungsbogens entsteht. Die Lektüre erinnerte mich an die vielen Male, als meine Mutter mir selbst Geschichten erzählte. Sie vermittelte mir immer das Gefühl, über ein endloses Repertoire zu verfügen und genau diesen Eindruck weckt auch Ursula K. Le Guin. Es wirkte, als hätte sie „Der Magier der Erdsee“, „Die Gräber von Atuan“ und „Das ferne Ufer“ bewusst aus einer Vielzahl von Geschichten ausgewählt, um ihren Leser_innen einen Querschnitt von Geds Leben zu präsentieren. Es sind lediglich Episoden, die längst nicht alles berichten, was es über ihn zu erfahren gibt. Durch große Zeitsprünge beschreiben sie grob Geds Entwicklung: von einem naiven Jüngling, dessen arroganter Hochmut ganz Erdsee gefährdet, zu einem unerschrockenen Weltenbummler in der Blüte seiner Jahre, zu dem weisen, integren und verantwortungsvollen Erzmagier, der das Schicksal der Welt gestaltet. Jede dieser Geschichten verkörpert eine eigene, individuelle Botschaft – zusammen zeichnen sie das Bild eines bezaubernden, faszinierenden Universums, das – dem Prinzip des Nicht-Handelns des Daoismus folgend – wie kein anderes nach Harmonie und Gleichgewicht strebt. Es ist daher nicht überraschend, dass die Erzählungen aus Erdsee (fast) komplett gewaltfrei sind. Für mich war diese Erfahrung zweifellos ungewöhnlich, aber auch seltsam befreiend. Das Lesen war ohne Anspannung, ohne das Versprechen von Gewalt, angenehm sorglos. Le Guins gemäßigter, würdevoller, leicht zugänglicher Schreibstil unterstreicht diese solide, friedvolle Atmosphäre. Ich mochte die entspannende Ruhe, die „Erdsee“ ausstrahlt, zu der das konventionelle, schlichte Magiesystem, das die Macht der Sprache fokussiert, hervorragend passt. Trotzdem sehe ich das Worldbuilding nicht unkritisch. Es ist positiv, dass Le Guin eine interessante Mischung verschiedener Kulturen und Hautfarben vorstellt. Leider ist ihre Welt jedoch erschreckend sexistisch. Es gibt keine weiblichen Magier; Frauen werden nicht in der Magie geschult, ob sie nun talentiert sind oder nicht. Magisch begabte Frauen können maximal den fragwürdigen Weg einer Hexe einschlagen, was von einer weiblichen Autorin definitiv enttäuschend ist. Von der Grand Dame der spekulativen Fiktion hatte ich mehr erwartet.

„Erdsee“ ist unbestritten ein Klassiker der High Fantasy. Liebt man das Genre, sollte man Ursula K. Le Guins Romane meiner Ansicht nach unbedingt lesen, ebenso wie „Der Herr der Ringe“, weil diese Bücher die Anfänge einer literarischen Kategorie darstellen, die sich über die Jahrzehnte stark verändert hat. Es ist gut, zu wissen, welche Werke all die Geschichten von Magie, Drachen und fantastischen Welten, die wir heute kennen, ermöglichten. Obwohl „Erdsee“ wohl niemals zu meinen Lieblingsbüchern gehören wird, weil es nicht meinen persönlichen Ansprüchen an die HF entspricht, sind die drei Geschichten „Der Magier der Erdsee“, „Die Gräber von Atuan“ und „Das ferne Ufer“ mit ihren unmissverständlichen Botschaften und Motiven zeit- und alterslos. Natürlich mag ich es normalerweise lieber etwas aufregender, zupackender – aber es war nett zu sehen, dass die High Fantasy einst ohne fiese Intrigen und blutrünstige Schlachten auskam.

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8 Kommentare

Verfasst von - 22. August 2017 in Fantasy, High Fantasy, Rezension

 

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8 Antworten zu “Ursula K. Le Guin – Erdsee

  1. Sahneplatten

    22. August 2017 at 8:05 am

    Huhu,

    vielen Dank für die Empfehlung, die Saga war mir bis dato nicht bekannt.
    „Der Herr der Ringe“ ist ja über jeden Zweifel erhaben und Literaturgeschichte!
    Absolutes Lesemuss…:)

    LG Torsten

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  2. Buchperlenblog

    22. August 2017 at 10:19 am

    Ein Buch, eine Saga, die ich auch irgendwann unbedingt lesen will. Wann auch immer ich das alles schaffen werde 😀 (Die Verfilmung aus dem Studio Ghibli ist ja auch zauberhaft dazu ♥ )

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  3. reisenderbuecherwurm

    22. August 2017 at 12:28 pm

    Hallo,
    Erdsee wollte ich auch schon länger mal lesen. Das mit dem Status der Frauen enttäuscht mich ein bisschen. Gibt es denn wenigstes wichtige weibliche Charaktere?
    Falls du nach mehr Fantasy (oder auch SciFi) Autorinnen suchst, kann ich dir da gerne einige Namen nennen, auch welche die weniger bekannt sind.

    Gefällt 1 Person

     
    • wortmagieblog

      22. August 2017 at 2:05 pm

      Na ja, es gibt einen wichtigen weiblichen Charakter, allerdings dreht sich die ganze Geschichte von „Die Gräber von Atuan“ um sie und die matriarchalische Mikrogesellschaft, in der sie lebt. Frauen werden also nicht komplett ausgeblendet, aber es bleibt dabei, dass sie nicht die gleichen Chancen wie Männer erhalten und ihnen eben kein Zugang zur Magie gestattet wird.

      Gern, ich bin immer offen für neue Vorschläge, lass hören! 🙂

      Viele liebe Grüße,
      Elli

      Gefällt mir

       
      • reisenderbuecherwurm

        22. August 2017 at 4:08 pm

        Ich habe einige von denen nicht gelesen, aber hier ist eine Liste von Fantasy und Sci-Fi (viele schreiben in beiden Genres) Autorinnen:

        Die „alten Hasen“
        Robin Hobb
        Marion Zimmer Bradley (ich persönlich mochte die Nebel von Avalon überhaupt nicht, aber das ist eine unpopuläre Meinung und vielen schein es zu gefalle)
        James Triptree Jr. (hinter dem Männernamen verbirgt sich das Pseudonym einer Frau)
        Octavia Buttler
        Lisa Tuttle
        Katharine Kerr
        JV Jones (hatte anscheinend eine persönliche Kriese und hat deshalb jahrelang geschrieben, hat es vor kurzem aber wieder aufgenommen)
        Louis McMaster Bujold
        Lynn Flewelling

        Die neueren:
        Kameron Hurley (neben ihren Roman kann ich auch ihre Essaysammlung „The Geek Feminist Revolution empfehlen, darin schreibt sie über die Darstellung von Frauen in den Medien, und wie mit Frauen in der Geek Community umgegangen wird. Unter anderem adressiert sie auch, warum es nicht so viele Fantasyautorinnen außerhalb von YA gibt)
        Sarah Monette (schreibt auch unter dem Pseudonym Katherine Addison)
        Elizabeth Bear
        Nnedi Okorafor

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      • wortmagieblog

        22. August 2017 at 4:42 pm

        Ui, mit diesen Listen werde ich mich wohl mal in Ruhe auseinandersetzen müssen. Es sind auf jeden Fall eine Menge mir unbekannter Namen drauf und das ist ja schon mal ein gutes Zeichen. 😉 Ich danke dir! 😀

        Viele liebe Grüße,
        Elli

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  4. amaunet0101

    23. August 2017 at 10:25 am

    Erdsee war vor vielen, wirklich vielen Jahren eine meiner allerersten Begegnungen mit High Fantasy. Die Trilogie und der Nachfolgeband haben maßgeblich dazu beigetragen, dass es bis heute mein absolut bevorzugtes Genre ist.
    Du hast ja selbst recherchiert, dass die Erstveröffentlichung aus dem Jahr 1968 stammt. Zu der Zeit war es noch nicht weit her mit der Gleichberechtigung der Frauen. Ich denke, für eine „einfache“ Romanautorin wäre es etwas zu viel verlangt, als Vorreiterin für Frauenrechte in Erscheinung zu treten.
    Es freut mich, dass du die Trilogie trotz all deiner Krititk genießen konntest.

    Gefällt 1 Person

     

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