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N.K. Jemisin – The Hundred Thousand Kingdoms

02 Aug

Ich habe mir in den Kopf gesetzt, häufiger weibliche, erwachsene High Fantasy zu lesen. Mir ist aufgefallen, dass Frauen dieses Genres in meinem Regal völlig unterrepräsentiert sind. Gefühlt stammen alle großen HF-Romane von Männern: „Der Herr der Ringe“, „A Song of Ice and Fire“, „Das Spiel der Götter“, „First Law“. Ich glaube, dass Autorinnen, die epische Fantasy schreiben, zu wenig Beachtung erhalten. Also habe ich mir vorgenommen, diesen Umstand zumindest für mich selbst zu ändern und bewusst High Fantasy aus der Feder von Frauen zu lesen. Daher griff ich im Juli 2017 zu „The Hundred Thousand Kingdoms“ von N.K. Jemisin, der Auftakt der „Inheritance Trilogy“, der schon viel zu lange auf meinem SuB einstaubte.

Als Yeine Darr kurz nach dem rätselhaften Tod ihrer Mutter an den Hof ihres Großvaters Dekarta Arameri, Herrscher der Welt und Günstling des Lichtgottes Itempas, bestellt wird, vermutet sie bereits, dass an diesem Zwangsbesuch etwas faul ist. Niemals würde ihr Großvater sie zu sich befehligen, um die Familienbande aufzufrischen. Sie behält Recht. Der alte Gebieter will sie als potentielle Erbin einsetzen. Yeine ist schockiert, denn diese vermeintliche Ehre ist ein zweischneidiges Schwert. Als potentielle Erbin muss sie mit Verwandten, die sie nicht kennt und die ihr bezüglich höfischer Sitten und Intrigen weit voraus sind, um den Thron rivalisieren. Widerwillig richtet sie sich in der Himmelsfestung Sky ein und schwört, das Beste aus ihrem neuen Status zu machen. Sie begibt sich auf eine gefährliche Suche nach Antworten. Den Tod ihrer Mutter umgeben uralte, blutige Geheimnisse, die sie nur in Sky aufdecken kann, hier, in diesem Schloss im Himmel, in dem sich die Leben von Sterblichen und Göttern täglich berühren.

Als mir Yeine Darr, Protagonistin und Ich-Erzählerin in „The Hundred Thousand Kingdoms“, zu Beginn des Trilogieauftakts vorgestellt und beschrieben wurde, war mein erster Gedanke, wie sympathisch ich es finde, dass äußerlich gewisse Parallelen zur Autorin N.K. Jemisin bestehen. Je mehr Zeit ich mit Yeine verbrachte, desto stärker wurde mein Eindruck, dass sich Jemisin auch charakterlich intensiv mit ihrer Heldin identifiziert. Ich könnte mich irren, doch es gefiel mir, das Gefühl zu haben, eine Geschichte zu lesen, in der die Schriftstellerin die Hauptrolle spielt, vor allem, weil ich Yeine wirklich mochte. Die 19-Jährige bestach mich mit ihrer spröden, unverblümten und pragmatischen Persönlichkeit. Schade, dass sie hauptsächlich eine funktionelle Figur ist, die den Leser_innen als Anhalts- und Referenzpunkt dient, statt um ihrer selbst willen zur Geschichte beizutragen. Sie entwickelt sich im Laufe der Handlung kaum weiter, bleibt berechenbar und ist dadurch unglücklicherweise ein wenig langweilig. Sie ist ein Schlüssel, wodurch ihre Aufgabe und Daseinsberechtigung begrenzt sind. Es geht in „The Hundred Thousand Kingdoms“ nur auf den ersten Blick um Yeine, trotz ihrer fesselnden Mission, die wahren Umstände des mysteriösen Todes ihrer Mutter aufzudecken. Ihre Suche nach Antworten ist lediglich der oberflächliche Grund dafür, dass sie isoliert bleibt und niemals engeren Kontakt zu den Bewohner_innen von Sky sucht. In Wahrheit führt Yeine das Publikum an einen anderen Aspekt der Geschichte heran, weshalb Jemisin ihre Position als Einzelkämpferin um jeden Preis durchzusetzen versucht. Sie musste ihren Status als Vertraute der Götter untermauern. Yeine macht die Leser_innen mit den Göttern bekannt, die leibhaftig, versklavt und vom Lichtgott Itempas an menschliche Hüllen gekettet in Sky leben und dienen müssen. Ihr Leiden, ihre Interaktion mit dem faszinierenden, grausamen und ungerechten Universum, das Jemisin erschuf, ist der Kern von „The Hundred Thousand Kingdoms“. Was geschieht, wenn göttliche Omnipotenz in die makelbehafteten Körper von Menschen gezwängt wird? Wie viel Schaden kann eine allmächtige Seele durch menschliche Beschränkungen nehmen? Die Tiefe der göttlichen Figuren imponierte mir außerordentlich. Ihr jahrhundertealter Schmerz, ihre Trauer, die tägliche Demütigung ihrer Fesseln beschreibt Jemisin meisterhaft. Der bedeutendste unter ihnen ist Nahadoth, der Nachtlord und Bruder des Himmelsvaters Itempas. Er ist der Gott der Veränderung, des Chaos, der Dunkelheit und als selbiger die personifizierte Versuchung. Yeine kommt ihm gefährlich nahe und lässt sich auf eine riskante Beziehung zu ihm ein, die sie beide in einen Abgrund reißen könnte und die auf sexuellem Verlangen basiert. Es ist bedauerlich, dass zwischen ihnen nie eine substanziellere Verbindung erblüht, obwohl Nahadoth‘ komplexe, widersprüchliche, verletzte Persönlichkeit das Potential dazu bietet. Seine Sehnsucht nach Freiheit formt Yeines Schicksal, das Jemisin am Ende einer Wendung unterwirft, die ich zwar anhand greller Hinweise vorausgesehen hatte, aber trotz dessen toll umgesetzt fand.

Meiner Meinung nach spürt man die weibliche Hand hinter „The Hundred Thousand Kingdoms“. Es ist ein verführerischer, lustvoller Trilogieauftakt, der in meinem Kopf das Bild einer Rosenranke entstehen ließ, die sich langsam und unbemerkt um die Kehle eines armen Opfers legt. Stück für Stück zieht sich die Schlinge zu, drückt die Luft ab, während die Sinne des bedauernswerten Opfers von exotischen Düften berauscht sind. Besser kann ich euch die Atmosphäre dieses Buches nicht beschreiben. Es spricht eindeutig für N.K. Jemisins Schreibstil, dass ihre Geschichte eine so klare Assoziation inspirierte. Außerdem schätze ich die philosophische Ebene dieses ersten Bandes, die stark von einer aufregenden Mischung hinduistischer, christlicher und antiker Motive geprägt ist. Dadurch ergeben sich aufreizend viele Möglichkeiten für die Folgebände, die ich selbstverständlich sofort auf meine Wunschliste gesetzt habe. N.K. Jemisin macht den Frauen der High Fantasy alle Ehre. Weiter so, Schwester!

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10 Kommentare

Verfasst von - August 2, 2017 in Fantasy, High Fantasy, Rezension

 

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10 Antworten zu “N.K. Jemisin – The Hundred Thousand Kingdoms

  1. sahneplatten.de

    August 2, 2017 at 7:37 am

    Huhu,

    imteressanter Beitrag, vielen Dank! 🙂
    Ich habe einige Freunde, die im Fantasybereich vermehrt unterwegs sind und da finden sich auch kaum weibliche Autoren. Teilweise wurden diese in der Vergangenheit gar verpönt.

    Ich denke aber, dass sich hier in den letzten Jahren etwas getan hat und die Qualität gestiegen ist. Kannst du das so bestätigen?

    LG Torsten

    Gefällt 2 Personen

     
    • wortmagieblog

      August 2, 2017 at 8:19 am

      Hey Torsten,

      es fällt mir schwer, dazu ein Urteil abzugeben, weil ich selbst nur wenig Erfahrung mit weiblichen High Fantasy Autorinnen habe. Meinem Gefühl nach sind diese eher in der Young Adult – Sparte unterwegs. Da sind definitiv einige gute Werke dabei, aber eben auch – wie immer – jede Menge klischeebeladener Mist.

      Viele liebe Grüße,
      Elli

      Gefällt 1 Person

       
      • sahneplatten.de

        August 2, 2017 at 8:22 am

        Hey Elli,

        „klischeebeladen“ passt wie die Faust aufs Auge, wollte nur nicht zuerst die (klemmende) Genderschublade aufmachen….:D

        Dann bin ich mal gespannt auf die Erfahrungen, die du noch machen wirst…;)

        LG Torsten

        Gefällt 1 Person

         
  2. elizzy91

    August 2, 2017 at 8:17 am

    Wie immer ein super Beitrag! Ich tue mich noch etwas schwer mit HF aber lasse mich da gerne von dir zu neuen Büchern inspirieren!

    Gefällt 1 Person

     
    • wortmagieblog

      August 2, 2017 at 8:20 am

      Als Einstieg würde ich immer die Young Adult – Abteilung empfehlen, weil es auf diese Weise leichter ist, an epische Welten heranzutreten. 😊

      Viele liebe Grüße,
      Elli

      Gefällt 1 Person

       
  3. reisenderbuecherwurm

    August 2, 2017 at 8:34 am

    Hallo Elli,
    das ist ja witzig, dass du heute diese Rezi veröffentlichst. Ich wollte nämlich in den kommenden Tagen auch eine Rezension zu diesem, leider eher unbekannten Buch, schreiben.
    Ich gebe dir vollkommen recht, dass Frauen in der High Fantasy leider unterrepräsentiert sind. Mir fallen da schon ein paar Namen ein, aber Männer dominieren das Genre ziemlich. Ich denke aber das ist dabei sich zu ändern.

    LG
    Elisa

    Gefällt 1 Person

     
  4. amaunet0101

    August 2, 2017 at 10:04 am

    Danke für die tolle Anregung – ich werde „Die Erbin der Welt“ (so der deutsche Titel) sicher bald von meinem SuB befreien. Du hast mich echt neugierig gemacht.

    Gefällt 1 Person

     
  5. Nenatie

    August 7, 2017 at 5:33 pm

    Hallo Elli,
    klingt wieder sehr interessant 🙂 Autorinnen sind in der Erwachsenen High-Fantasy leider wirklich unterrepräsentiiert. Meist findet man sie unter Pseudonymen (siehe Robin Hobb). Weil leider scheinbar immernoch das Klischee gilt das Frauen keine gute erwachsene High-Fantasy schreiben können und doch besser Liebesgeschichten schreiben. Deshalb sind wohl die Chancen auch höher, das ein Young Adult High-Fantasy Roman einer Autorin verlegt wird. So zumindest das was ich bei den Diskussionen so mitbekomme.

    LG

    Gefällt 1 Person

     

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