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Steven Erikson – Kinder des Schattens & Gezeiten der Nacht

25 Dez

2016-12-12-erikson-kinder-des-schatten-gezeiten-der-nacht-das-spiel-der-goetter-5

Lange Zeit lebten die Völker der Letherii und der Tiste Edur friedlich nebeneinander. Verträge legten ihre Territorien fest und bestimmten den Handel. Das Leid, das die Letherii den indigenen Stämmen antaten, berührte die langlebigen Kinder von Vater Schatten kaum. Aus der Ferne beobachteten sie die gnadenlosen Eroberungsfeldzüge, die weit häufiger mit Münze und Feder geführt wurden als mit Waffen und Soldaten; die perfiden Pläne, die die Stämme in die Abhängigkeit tricksten; Lügen, Verrat und Betrug. Erst als das gierige Auge Lethers auf die Gebiete und Rohstoffe der Edur fällt und die Kontrakte vorsätzlich gebrochen werden, sind sie gezwungen, zu reagieren. Der unausweichliche Konflikt ängstigt die Edur nicht, denn erstmals seit Generation sind sie unter der Führung des Hexenkönigs vereint. Doch auch die Letherii glauben fest an ihre Unbezwingbarkeit. Im Namen des Sieges entfesseln beide Völker schreckliche, unberechenbare Mächte, die niemand zu kontrollieren vermag. Tod, Schmerz und Verzweiflung sind die Banner der unfassbaren Gewalt zwischen Letherii und Tiste Edur, die eine gesamte Kultur auszulöschen droht. Eine uralte Prophezeiung sagt den nahenden Morgen eines neuen Imperiums voraus – wer wird sich aus der Asche des Krieges erheben?

Steven Erikson hat es wieder einmal geschafft. Mit jedem neuen Band von „Das Spiel der Götter“ nehme ich mir vor, auf alles gefasst zu sein und mich nicht von den unberechenbaren Wendungen aus dem Konzept bringen zu lassen. Es gelingt mir nicht. Erikson ist einfach zu gut. „Kinder des Schattens“ und „Gezeiten der Nacht“ überraschten mich in jeglicher Hinsicht, weil dieser fünfte Band all meine Annahmen zum Verlauf der Handlung der Reihe über den Haufen warf. Er führte mich an ein neues Setting, konfrontierte mich mit neuen Figuren und – der wohl spektakulärste Faktor – katapultierte mich offenbar rückwärts durch die Zeit. Trotz fehlender konkreter Hinweise, in welchem Verhältnis die Zeitrechnung der Letherii und Tiste Edur zur Zeitrechnung im malazanischen Imperium steht, glaube ich, dass es sich um ein Prequel handelt, das chronologisch vor den Ereignissen der vorangegangenen Bände angesiedelt ist. Ich wusste bereits, dass Erikson seinen Leser_innen gern Verwicklungen vorsetzt, die sich erst sehr viel später aufklären, doch mit einem so umfassenden Twist habe ich nicht gerechnet. Die Verbindung zu den bisherigen Bänden ist schmal, tatsächlich taucht lediglich eine Figur auf, die ich schon kannte: der Tiste Edur Trull Sengar, der mir im letzten Band als Ausgestoßener vorgestellt wurde. Dadurch hatte ich zugegebenermaßen Schwierigkeiten, in diesen neuen Handlungsstrang hineinzufinden, weil ich erst spät begriff, wie sich dieser vermutlich einordnet. Trulls Geschichte ist die Brücke zu dem Konflikt zwischen Tiste Edur und Letherii, der wiederum von Bedeutung für das gigantische Gesamtbild ist, da er von jahrhundertealten Mächten beeinflusst wird, die auch für das malazanische Imperium Pläne schmieden. Es erschütterte mich, wie unsagbar brutal dieser Krieg ausfällt. Erikson behandelt seine Figuren zwar niemals zimperlich, aber die überbordende, grenzenlose Gewaltbereitschaft, die in diesem Band zu Tage tritt, schockierte mich dennoch. Sowohl Tiste Edur als auch Letherii nehmen enorme Opferzahlen billigend in Kauf; die Situation eskaliert katastrophal, weil es in Wahrheit nicht um eine Auseinandersetzung über territoriale Ansprüche geht. Der Krieg zwischen Tiste Edur und Letherii ist ein Kampf um Bestimmung und Identität. Beide Völker sehen ihre verzweifelte Aggressivität durch einen höheren Zweck gerechtfertigt. Die Alternative wäre ein Leben in bewusster Bedeutungslosigkeit. Beide Völker verzehren sich nach einer Aufgabe, durch die ihre Kultur bestätigt wird und ein Ziel erhält, weil sie verloren sind und ohne Halt dahindriften. Die Edur glauben an uralte Lügen und mischen ihre faktische Geschichte mit Mythen und Legenden – die Letherii hingegen glauben an gar nichts außer dem Profit. Sie beten einen Leeren Thron an, ein hervorragendes Symbol für das Werte-Vakuum und Wesen ihrer Gesellschaft, die sich auf selbstgerechter, selbstzersetzender Gier aufbaut. Dieser fünfte Band ist voller ähnlich symbolträchtiger und sprachlich herausragender Metaphern und Gleichnissen, die die Handlung mit verschlüsselten Bedeutungen aufladen und Spannung zwischen Oberfläche und Metaebene erzeugen. Ich hatte das Gefühl, zwischen den Zeilen versteckte sich eine weitere, viel tiefere Geschichte, die besonders in kryptischen Traumsequenzen aufblitzte und sich mir möglicherweise absichtlich noch nicht offenbarte. Ich vertraue Steven Erikson, dass er mich zum richtigen Zeitpunkt einweihen und sich alles fügen wird.

„Kinder des Schattens“ und „Gezeiten der Nacht“ forderten mich mehr als die vorangegangenen Bände von „Das Spiel der Götter“. Nicht nur musste ich mich in einer völlig neuen Umgebung akklimatisieren und mich mit den Kulturen neuer Völker vertraut machen, ich empfand auch die inhaltlichen Entwicklungen als Herausforderung. Diese ins Verhältnis zur übergeordneten Handlung der Reihe zu setzen war schwierig, weil ich die Verbindungen selbstständig herstellen musste und keine Hilfe vom Autor erwarten konnte. Ich lief oft Gefahr, mich in Details zu verlieren, da mich all die kleinen und großen tragischen Schicksale dieses fünften Bandes dermaßen faszinierten. Ich war gezwungen, mich beim Lesen stark zu konzentrieren, was allerdings nicht bedeutet, dass ich weniger Spaß an der Lektüre hatte. Anderen Autor_innen würde ich den Mangel an Hintergrundinformationen vielleicht vorwerfen, aber ich kenne Steven Erikson mittlerweile gut genug, um ihm soweit zu vertrauen, dass er mir zu gegebener Zeit alles erklären wird, was ich jetzt noch nicht verstehe. Der Aha-Moment wird kommen. Ich weiß es.

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