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V.B. Marlowe – Moonlight, Moonlight

22 Jun

2016-05-29 - Marlowe Moonlight Moonlight

Ich bin fassungslos. Vor der „Shadow Pines Trilogy“ veröffentlichte V.B. Marlowe bereits einen Einzelband: „The Girl with the Blood Red Lips“. Da mich der Trilogieauftakt „Shadow, Shadow“ ungemein begeisterte, wollte ich mir diesen Roman ebenfalls zulegen. Leider ist er nirgendwo zu bekommen, weder neu noch gebraucht. Ich habe noch nie erlebt, dass es so gar keine Möglichkeit gibt, ein Buch zu kaufen. Selbst vergriffene Bücher sind doch immer aus zweiter Hand erhältlich. „The Girl with the Blood Red Lips“ hingegen scheint weltweit ausverkauft zu sein. Ich kann nur hoffen, dass V.B. Marlowe irgendwann so erfolgreich ist, dass ihr Erstling noch einmal neu verlegt wird. Vielleicht trägt die Fortsetzung der „Shadow Pines Trilogy“, „Moonlight, Moonlight“, ja dazu bei.

Harley, Brock und Gianna dachten, es wäre vorbei. Sie dachten, nachdem sie jeweils einen Menschen an die Schatten übergeben haben und Teaghan verschwunden ist, könnten sie wieder normale Leben führen. Doch die Schatten geben keine Ruhe und entwickeln sich zu einer ernsthaften Bedrohung. Als sich die Angriffe häufen, fassen Brock und Harley den Entschluss, die Stadt zu verlassen. Die Umsetzung ihrer Entscheidung gestaltet sich jedoch als schwierig. Niemand hat Shadow Pines jemals verlassen. Weder Brock noch Harley haben dieser Eigenart ihrer Heimat je mehr als einen flüchtigen Gedanken gewidmet. Nun bleibt ihnen keine andere Wahl, als zu akzeptieren, dass die Menschen Shadow Pines nicht einfach nur nicht verlassen wollen – sie können es nicht. Die Stadt umgibt ein Geheimnis nationalen Ausmaßes. Brock und Harley finden sich in einer Zwickmühle wieder. Bleiben sie in Shadow Pines, werden die Schatten sie umbringen. Überschreiten sie die Stadtgrenze, könnte dies ebenfalls ihren Tod bedeuten. Werden sie das Risiko eingehen und die Flucht wagen?

„Moonlight, Moonlight“ stellt eine drastische Richtungsänderung dar. Ich bin immer noch völlig geschockt. Ich habe vor der Lektüre nicht darüber nachgedacht, was ich von diesem zweiten Band der Trilogie erwarte, aber mit einer solch umfassenden Kehrtwende habe ich garantiert nicht gerechnet. V.B. Marlowe änderte das grundlegende Thema ihrer Geschichte und erwischte mich eiskalt, obwohl dieser thematische Umschwung meiner Meinung nach definitiv geplant war. Das war keine spontane Eingebung. Sie hat ihn vorbereitet. Während die Schatten im ersten Band noch der Mittelpunkt der Handlung waren, rücken sie in „Moonlight, Moonlight“ immer mehr in den Hintergrund. Stattdessen offenbart Marlowe die wahre Natur der Kleinstadt Shadow Pines. Sie erklärt, warum dort jede Kleinigkeit streng geregelt ist und niemand das Stadtgebiet verlassen kann. Ich muss zugeben, dass ich Schwierigkeiten hatte, diese Offenbarung zu akzeptieren. So toll ich die Idee fand, im Vergleich zu den Schatten erschien sie mir fast schon gewöhnlich. Die Umsetzung ist frisch und überzeugend, aber das Grundkonzept ist eben nicht neu. Ich fand es schade, dass Marlowe trotz all des Potentials, das die Schatten meiner Ansicht nach bieten, lieber einen zusätzlichen Aspekt ihrer Geschichte beleuchtete, anstatt mit dem zu arbeiten, was bereits vorhanden war. Sie musste die beiden Handlungsstränge nicht kombinieren, um eine Trilogie schreiben zu können, ganz im Gegenteil. Ich glaube, hätte sie ihre Ideen separat und unabhängig voneinander konzipiert, hätte sie sogar zwei Trilogien verfassen können. Möglicherweise ist es dieser Enttäuschung über die Abkehr von den Schatten geschuldet, dass ich der Logik in „Moonlight, Moonlight“ nicht immer folgen konnte. Ich konnte die Schlussfolgerung, dass Harley und Brock Shadow Pines verlassen müssen, nicht nachvollziehen. Ich habe nicht verstanden, warum sie sich entschließen, wegzulaufen, statt das Geheimnis der Schatten zu lüften. Sie sind nicht sicher, dass sie ihnen entkommen können – wäre es da nicht erfolgsversprechender, alle Energie darauf zu verwenden, herauszufinden, wie man sie aufhalten kann? Die Schatten sind doch keine unveränderlichen Entitäten oder Naturgewalten. Sie fanden einen Weg in diese Welt, also muss es eine Möglichkeit geben, sie wieder loszuwerden. An Harleys oder Brocks Stelle hätte ich versucht, ihrer Legende auf den Grund zu gehen. Gab es diese ominöse Sekte tatsächlich? Haben sie ein Ritual durchgeführt? Ich hätte alle Hebel in Bewegung gesetzt, um so viele Informationen wie möglich zu erhalten und eine Lösung zu finden. Ich hätte auch Gianna integriert, die V.B. Marlowe sträflich vernachlässigte. Sie ist die einzige Figur, die ich als blass und konturlos empfand, obwohl sie im Vorgänger eine wichtige Funktion im Gefüge der vier Kids erfüllte. Leider ist Gianna meines Erachtens nach genau das: ein funktionaler, zweckmäßiger Charakter, entscheidend in ihren Handlungen, aber nicht in ihrer Persönlichkeit. Ich bin betrübt, dass ich sie wohl nie näher kennenlernen werde. Es kristallisiert sich mehr und mehr heraus, dass die Geschichte der „Shadow Pines Trilogy“ Harley und Brock gehört.

Bedauerlicherweise reicht „Moonlight, Moonlight“ nicht an den Vorgänger „Shadow, Shadow“ heran. Es ist ein gutes Buch, das mich an die Seiten fesselte, büßte meiner Meinung nach jedoch den Großteil der ursprünglichen Originalität ein, weil V.B. Marlowe die Handlung in eine Richtung treibt, die kaum noch etwas mit den Schatten zu tun hat. Selbstverständlich ist es möglich, dass sie die beiden Handlungsstränge im Finale „Ember, Ember“ elegant zu einer untrennbaren Einheit verwebt – im Moment sieht es aber nicht danach aus. In Fällen wie diesen wünsche ich mir von Autor_innen wie Marlowe mehr Bescheidenheit. Will man zu viel auf einmal, leidet die Geschichte darunter (fast) immer. Das Risiko, sich in den Gräben zwischen den Ideen zu verlieren, ist einfach zu groß.

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