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Helene Wecker – Golem und Dschinn

20 Nov

2015-11-04 - Wecker Golem und Dschinn

„Golem und Dschinn“ von Helene Wecker habe ich als Rezensionsexemplar über das Bloggerportal von Random House angefragt. Diese Entscheidung war das Blogger-Äquivalent eines Spontankaufs, denn das Buch stand nie auf meiner Wunschliste. Der Klappentext hat mich einfach neugierig gemacht. Ich suche immer nach neuen Ideen in der Urban Fantasy und bisher habe ich noch kein Buch dieses Genres gelesen, in dem ein Golem und/oder ein Dschinn die Hauptrolle übernehmen. Ein wenig skeptisch war ich trotz dessen, da der Untertitel „Eine Liebe nicht von dieser Welt“ nicht gerade meinem Beuteschema entspricht. Doch was wäre das Lese-Leben ohne Risiken?

Chavas Leben beginnt mitten auf dem Ozean, auf der Überfahrt von Polen nach New York, als ihr Meister sie erweckt. Chava ist kein Mensch – sie ist ein Golem, geschaffen von einem unmoralischen Rabbi, um zu dienen und zu gehorchen. Doch ihr Meister verstirbt noch bevor sie New York erreichen. Ihrem Daseinszweck beraubt, spürt und hört sie die Wünsche, Sorgen und Sehnsüchte aller Menschen um sich herum. Allein in einer fremden Stadt muss sie lernen, sich zurecht zu finden, ohne aufzufallen. Nie hätte sie erwartet, eine verwandte Seele zu treffen; jemanden, der sich ebenso verloren, einsam und anders fühlt wie sie. Ahmad ist ein Dschinn, lebendiges Feuer. Vor Jahrhunderten wurden ihm von einem mächtigen Zauberer seine Kräfte genommen. Eingesperrt in einer Kupferflasche trägt ihn das Schicksal in das syrische Viertel in New York.
Zwischen Millionen von Menschen versuchen Chava und Ahmad, gegen einen gefährlichen Feind zu bestehen und Liebe, Freundschaft und ihren Platz in einer Welt zu finden, in die sie eigentlich nicht gehören.

„Golem und Dschinn“ ist Juwel; ein unentdeckter Diamant in einem Genre, das von bedeutungslosen, austauschbaren Geschichten regelrecht überflutet wird. Literatur wie diese ist selten und deswegen umso kostbarer. Meine Skepsis war überflüssig, denn das Buch ist weder kitschig, noch übertrieben oder billig. Helene Wecker verfolgt ihren ganz eigenen Stil und beweist, wie viel Originalität die Kategorie der Urban Fantasy für diejenigen zulässt, die sich trauen, abseits der Massenware zu schreiben. „Golem und Dschinn“ ist sanft, leise und zärtlich; es ist ein Traum bittersüßer, behutsamer Melancholie. Die Autorin pflegt einen poetischen, blumigen Schreibstil, mit dem sie ihre Leser_innen im Handumdrehen in eine Welt voller kleinerer und größerer Schicksale entführt, deren Verbundenheit sich erst nach und nach offenbart. Ihre Liebe zu Details, zu den zahllosen winzigen Facetten der Leben ihrer Figuren ist herzergreifend. Sie vereint Nähe und Distanz, indem sie mit den Blickwinkeln spielt, ohne die Erzählperspektive zu ändern. Durch Chavas und Ahmads Augen erlaubt sie sich und den Leser_innen, die Menschheit von verschiedenen Seiten zu betrachten. Sie sehen Schönheit, Reinheit, Absurdität und Leid im alltäglichen Wahnsinn – Kleinigkeiten, die wir selbst nicht wahrnehmen. Ich fand es faszinierend, sie bei dem Versuch zu beobachten, sich zu integrieren, denn eben diese Kleinigkeiten bereiten ihnen die größten Schwierigkeiten. Dabei gehen sie ganz unterschiedlich damit um. Während Chava sich versteckt und furchtbare Angst davor hat, dass ihre wahre Natur offenbart wird, liebt Ahmad das Risiko und flüchtet sich immer wieder in spontane, waghalsige Unternehmungen. Sie sind wahrhaft gegensätzlich, ergänzen sich aber genau deswegen perfekt. Die Beziehung dieser beiden unheimlich realistischen Persönlichkeiten ist rein, unschuldig und ehrlich, denn nur mit einander können sie tatsächlich sie selbst sein. Sie geben sich gegenseitig Halt. Ich bin Helene Wecker so dankbar, dass sie der Versuchung widerstand, Chava und Ahmad in eine klischeebeladene Liebesaffäre zu zwingen und das Wesen ihrer komplizierten Verbindung stattdessen differenziert herausarbeitete. Den deutschen Untertitel des Buches finde ich daher etwas irreführend, denn Liebe spielt in Weckers Geschichte nur sehr subtil eine Rolle. Alle Lebewesen suchen nach Liebe, ob Mensch oder nicht. Triefende, schwülstige Romantik hat damit nicht das Geringste zu tun. Ich denke, genau diese Einstellung hat „Golem und Dschinn“ für mich zu einer außergewöhnlichen Lektüre gemacht. Ihre Suche nach Liebe ist für die Figuren die wahre Herausforderung in ihrem Leben, der Grund, warum sie sich Tag für Tag abrackern und jeden Morgen aufstehen, selbst wenn ihr alltäglicher Kampf aussichtslos erscheint. Ich konnte mich hervorragend mit ihnen identifizieren, weil ich mich in den Hindernissen ihres Daseins wiederfinden konnte. Käfige sind vielfältig und nicht alle kann man sehen. Die vielen kleinen Geschichten geben dem Buch seine besondere Atmosphäre – nicht traurig, aber auf gewisse Weise schwermütig, wie ein Seufzer, der aus tiefstem Herzen kommt.

Ich fand „Golem und Dschinn“ überraschend und berührend. Es ist eine wundervolle Geschichte vom Leben, von der Liebe, von tiefer Freundschaft und von den Konsequenzen des freien Willens. Letzterer bringt uns manchmal an gute und manchmal an schlechte Orte – die Frage ist, was man daraus macht. Chava und Ahmad beweisen, dass jede_r ein Recht auf ein eigenes Schicksal hat, auf eigene Entscheidungen und dass es nicht ausschließlich unsere Herkunft oder Veranlagung ist, die uns definiert. Wir haben unser Leben in der Hand und können jeder Zeit über uns selbst hinauswachsen.
Ich möchte euch „Golem und Dschinn“ nachdrücklich und vehement empfehlen. Das Buch ist seit langem das Beste, was ich aus der erwachsenen Urban Fantasy gelesen habe: originell, kreativ und bezaubernd. Es ist ganz bestimmt keine Durchschnittslektüre, sondern herzerwärmend und einzigartig. Es ist eine Geschichte, die sich wie Balsam um die Seele legt.

Vielen Dank an das Bloggerportal von Random House für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars!

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9 Kommentare

Verfasst von - November 20, 2015 in Fantasy, Rezension, Urban Fantasy

 

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9 Antworten zu “Helene Wecker – Golem und Dschinn

  1. loralee

    November 20, 2015 at 9:16 am

    Tolle Rezi! Das Buch verfolge ich schon eine Weile. Deine Rezi hat mich überzeugt es auch zu lesen.
    LG
    loralee

    Gefällt 1 Person

     
  2. Cindy

    November 20, 2015 at 10:41 am

    Wie schön, dass es die gefallen hat, und danke für diese tolle Rezension. Ich habe das Buch bereits seit einiger Zeit auf dem Ebook-SuB und das ist jetzt in meiner mentalen Reihenfolge ganz weit nach vorn gerückt.

    Ich bin allerdings sehr froh, dass ich jetzt erst die deutsche Ausgabe entdecke. Zum Glück habe ich es auf Englisch gekauft! Ich hätte nämlich wahrscheinlich noch ein wenig extremer als du reagiert: Der dämliche Untertitel hätte bewirkt, dass ich das Buch wahrscheinlich nie wieder angeschaut hätte. Wieso müssen die so was immer machen? Das erweckt bei mir genau den Anschein, dass es sich um eine dieser austauschbaren Geschichten handelt. Was es offensichtlich nicht ist. Also: Zum Glück noch mal gut gegangen! 😉

    LG, Cindy

    Gefällt 1 Person

     
    • wortmagieblog

      November 20, 2015 at 10:48 am

      Hey Cindy,

      ja, ich weiß auch nicht, was das soll. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Untertitel bewirkt, dass mehr Leute das Buch lesen wollen. Ich bin echt froh, dass ich mich davon nicht abschrecken ließ. 🙂
      Ich freue mich schon darauf, dann irgendwann deine Rezension zu lesen und drücke dir die Daumen, dass es dir genauso gut gefällt wie mir. 🙂

      Viele liebe Grüße,
      Elli

      Gefällt 1 Person

       
  3. Aequitas et Veritas

    November 20, 2015 at 6:17 pm

    Ich konnte in das Buch partout nicht reinfinden … Aber schön, dass es dir so gefiel.

    Gefällt 1 Person

     
  4. Thebookpassion

    November 20, 2015 at 10:41 pm

    Deine Rezi ist wirklich toll 🙂 Ich habe das Buch vor einen paar Tagen beendet und ich bin einfach so begeistert. Ich kann dir nur zustimmen, dass der Roman sich von der Masse abhebt und aus dem Einheitsbrei wirklich herausstricht. Die beiden Protagonisten haben mich einfach sehr berührt und endlich gab es mal wieder eine berührende Liebesgeschichte ohne zu viel kitsch.

    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

     

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