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Sara Farizan – If You Could Be Mine

14 Okt

2015-09-06 - Farizan If You Could Be Mine

„If You Could Be Mine“ ist ein weiteres Buch, das ich auf der Young Adult – Bestenliste des Rolling Stone entdeckte. Die Autorin Sara Farizan ist die Tochter iranischer Einwanderer, wurde allerdings in den USA geboren. Außerdem ist sie lesbisch. Normalerweise ist mir die sexuelle Orientierung von Autor_innen egal, doch in diesem Fall spielt sie eine wichtige Rolle, weil „If You Could Be Mine“ wohl nicht entstanden wäre, wäre Sara Farizan heterosexuell. Ihre iranischen Wurzeln bedeuten ihr viel, sie gehören zu ihrer Identität, daher kam sie nicht umhin, sich während der Zeit ihres Comingouts zu fragen, wie ihr Leben aussähe, wäre sie im Iran aufgewachsen und nicht in den USA. Ihr fehlte Literatur, die genau diese Frage behandelte – also entschied sie als Erwachsene, das Buch zu schreiben, dass sie sich als Teenager wünschte.

Seit sie sechs Jahre alt war, liebt Sahar Nasrin. Damals begriff sie noch nicht, was diese Liebe bedeutet. Sie wusste nicht, dass es verboten ist, ein anderes Mädchen zu lieben. Heute weiß sie, dass ihre Gefühle ihr Leben bedrohen. Denn im Iran wird Homosexualität noch immer mit der Todesstrafe geahndet. Sahar ist bereit, ihre Liebe geheim zu halten, sich stetig zu verstecken, nur um mit Nasrin zusammen sein zu können. Doch Nasrin sieht mit Sahar keine Zukunft, obwohl sie ihre Gefühle erwidert. Als sie sich mit einem Mann verlobt, bricht für Sahar eine Welt zusammen. Soll sie nur zusehen, während die Frau, die sie liebt, einen anderen heiratet? Verzweifelt fasst Sahar einen gefährlichen Entschluss. Homosexualität mag im Iran ein Todesurteil sein, Transsexualität ist es jedoch nicht. Ließe sie sich zu einem Mann operieren, könnte Sahar Nasrin sogar heiraten. Wird sie ihre eigene Identität für die Liebe opfern?

Ich habe bisher keine Erfahrung mit Literatur aus dem LSBTTIQ-Bereich. „If You Could Be Mine“ ist mein erster Roman, der Homosexualität bzw. Transsexualität als Hauptthema behandelt. Da ich selbst heterosexuell bin, kann ich nur schwer beurteilen, ob Sara Farizan die Frage der Sexualität in einem Land wie dem Iran sensibel umgesetzt hat. Ich muss ihr vertrauen, dass die Gefühle, die Sahar und Nasrin durchleben, realistisch sind. Ich werde daher nicht versuchen, diesen Aspekt des Buches zu bewerten, denn es steht mir nicht zu.
Insgesamt fand ich „If You Could Be Mine“ interessant, aber etwas zu oberflächlich. Die sozialen Umstände im Iran klingen eher unterschwellig an, statt explizit beschrieben zu sein. Ich hatte das Gefühl, dass Sara Farizan sich einerseits um eine objektive Darstellung bemühte und sich andererseits sehr stark auf ihre Protagonistin Sahar konzentrierte. Dadurch ging sie der deutlichen Kritik, die ich erwartet hatte, aus dem Weg. Angesichts der Tatsache, dass sie ihr Werk für Jugendliche geschrieben hat, ist das vermutlich sogar gewollt. Ich denke, sie zielte darauf ab, dass sich junge Leser_innen ihre eigene Meinung bilden. Das ist natürlich völlig in Ordnung, für mich allerdings nicht ganz passend. Ich wusste über die Zustände im Iran bereits vor der Lektüre Bescheid und habe mir dazu bereits meine Gedanken gemacht. Ich wusste jedoch nicht, dass Transsexualität dort legal anerkannt ist und der Iran deswegen weltweit auf Platz zwei hinsichtlich Geschlechtsangleichungen ist (hinter Thailand). Angeregt durch „If You Could Be Mine“ habe ich ein bisschen zu diesem Thema recherchiert und dabei herausgefunden, dass Sahars Fall nicht so ungewöhnlich ist, wie ich zuerst dachte. Tatsächlich glauben Therapeut_innen, dass 40 bis 50 Prozent der Transsexuellen, die eine Operation anstreben, eigentlich homosexuell sind. Eine Geschlechtsangleichung ist ihre einzige Chance, ihre Liebe und Sexualität offen ausleben zu können. Mich erschüttert das, denn ich kann mir nicht mal ansatzweise vorstellen, was es bedeuten muss, so verzweifelt zu sein, dass man bereit ist, die eigene Identität aufzugeben. Die Frage, welche Opfer die Liebe eigentlich legitimiert, beschäftigte mich das ganze Buch über. Sahar wäre nach der OP nicht mehr sie selbst, wodurch auch die reale Möglichkeit besteht, dass Nasrin sie danach nicht mehr lieben kann. Ist es dann richtig, sich auf die Chance einer Chance einer gemeinsamen Zukunft zu verlassen? Nasrin hat sich für ein Leben in Sicherheit und gegen die Liebe entschieden – ist sie Sahars Aufopferung überhaupt wert? Meiner Meinung nach ist sie das nicht. Sie ist egoistisch, feige und bequem und nutzt Sahar bei jeder sich bietenden Gelegenheit aus. Wenn ich ehrlich bin, kann ich sie nicht besonders gut leiden. Das Schlimmste daran ist, dass Sahar genau weiß, wie Nasrin ist. Ihr ist absolut bewusst, dass ihre Beziehung unausgeglichen und dementsprechend ungesund ist. Trotzdem kann sie nicht aus ihrer Haut – sie liebt Nasrin so sehr, dass sie offenbar so ziemliches alles für sie tun würde. Schmerzhaft, aber wahr.

„If You Could Be Mine“ ist meiner Meinung nach ein interessanter, unterhaltsamer Einstieg in die Thematiken Homosexualität, Transsexualität und Lebensumstände in anderen Ländern. Es lädt zu eigenen Gedanken und weiteren Recherchen ein. Ich denke, dass besonders Jugendliche – unabhängig von ihrer eigenen Sexualität – stark davon profitieren können, dass Sara Farizan ihren Leser_innen sanft einen Einblick in eine andere Welt eröffnet und so ihren Horizont erweitert. Ich hoffe sehr, dass sie dadurch Verständnis, Toleranz und Mut sät. Ich für meinen Teil bin nach der Lektüre von „If You Could Be Mine“ äußerst dankbar dafür, in einem Land zu leben, in dem ich für meine Gefühle nicht hingerichtet werde. Schlimm genug, dass das nicht selbstverständlich ist.

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4 Antworten zu “Sara Farizan – If You Could Be Mine

  1. msmedlock

    Oktober 14, 2015 at 9:22 am

    Hallo, Elli!
    Ich gebe zu, ich kenne mich mit dem Thema Homosexualität oder Transsexualität nicht besonders gut aus. Ich weiß, es zeugt nicht gerade von Weitblick, dass ich mich nicht damit auseinander setze, nur weil ich eigentlich niemanden kenne, der homosexuell ist, und es mich somit eigentlich nicht beschäftigt. Bedeutet das, das ich meine Augen zu sehr vor der Welt verschließe? Aber man kann ja schließlich nicht über alles Bescheid wissen, was in der Welt so vor sich geht, oder?
    Du hast auf jeden Fall Recht damit, wenn du sagst, dass wir froh sein können, dass wir lieben können, wen wir wollen und wann wir wollen und warum wir wollen. Man führt sich oft gar nicht vor Augen, wofür wir eigentlich alles dankbar sein können.
    Danke für die Rezension. Jetzt habe ich wieder mal etwas, worüber ich stundenlang nachdenken kann. 🙂
    LG, m

    Gefällt 1 Person

     
    • wortmagieblog

      Oktober 14, 2015 at 9:48 am

      Huhu 🙂

      Nein, ich finde nicht. Ich setze mich mit Homo- bzw. Transsexualität auseinander, weil ich mich für Gender Studies interessiere. Dabei habe ich gelernt, dass es nicht darum geht, nun alles über die LSBTTIQ-Community und ihre Lebensrealität zu wissen. Es geht darum zu begreifen, dass man als heterosexueller Mensch privilegiert ist, weil unsere Gesellschaft heteronormativ ist und Menschen anderer sexueller Orientierung bis heute benachteiligt werden. Ich denke, wenn uns das bewusst ist, ist der entscheidende Schritt zum Verständnis und zur Toleranz anderer Lebensumstände bereits getan. Ich glaube, wenn man heterosexuell ist, sollte man sich sowieso niemals anmaßen, anzunehmen, dass man vollständig versteht, wie das Leben für jemanden ist, der/die nicht in das heteronormative Bild unserer Gesellschaft hinein passt. Meiner Meinung nach ist der entscheidende Punkt die Sensibilisierung für die Missstände unserer Gesellschaft.

      Ja, wie gesagt, privilegiert. Das vergessen wir viel zu oft. Besonders wir Deutschen, das Mecker-Völkchen. Dabei haben wir nur sehr selten Grund dazu.

      Gerne, es freut mich, dass sie dich zum Nachdenken anregt. 🙂

      Viele liebe Grüße,
      Elli

      Gefällt 1 Person

       
  2. Jacy

    Oktober 14, 2015 at 6:40 pm

    Liebe Elli,

    ich habe bisher auch noch nie Romane zu dieser Thematik gelesen, ich weiß gar nicht, warum. Vielleicht weil ich generell um als solche gekennzeichnete Liebesromane einen Bogen machen, weil sie mir zu schnell kitschig werden? Diese besondere Mischung mit den Umständen in einem anderen Land und dem Identitätsverlust, der für die Liebe riskiert werden würde, klingt jedoch nach einem möglichen Einstieg in diesen Bereich der Literaturwelt.

    Ich würde auch niemals meine Identität für die Liebe aufgeben. Abgesehen davon, dass ich gerne eine Frau bin, wäre eine Geschlechtsumwandlung ja auch kein Garant dafür, dass die Liebe fortbestehen könnte, wie du auch geschrieben hast. Und nachdem es anscheinend ohnehin ein Machtgefälle in der Beziehung gibt, wäre das für mich Grund genug, die Finger von einer OP zu lassen. Dann doch lieber auswandern.

    Obwohl vieles hier schief läuft dürfen wir wirklich dankbar für unsere Freiheiten und Möglichkeiten sein.

    Danke für die tolle Rezension!

    Liebe Grüße
    Jacy

    Gefällt 1 Person

     
    • wortmagieblog

      Oktober 15, 2015 at 9:24 am

      Hallo Jacy,

      ich bin sonst auch kein Fan von sogenannten Liebesromanen, aber „If You Could Be Mine“ klang so anders und interessant, dass ich mal eine Ausnahme gemacht habe. Bereut habe ich es nicht. 🙂

      Ich muss sagen, ich weiß es nicht. Wäre ich in Sahars Lage gewesen, hätte ich eine OP sicherlich auch nicht in Betracht gezogen, aber wäre die Beziehung ausgeglichener… ich weiß nicht. Wenn das die einzige Chance für eine gemeinsame Zukunft ist… Ich kann mich nur schwer in diese Situation hineinversetzen.

      Schön, dass dir die Rezension gefällt! 🙂

      Viele liebe Grüße,
      Elli

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