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John Irving – Gottes Werk und Teufels Beitrag

27 Jun

„Gottes Werk und Teufels Beitrag“

Gottes Werk und Teufels Beitrag

Autor: John Irving

Originaltitel: “The Cider House Rules”

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 775 Seiten

Verlag: Diogenes

Sprache: Deutsch

ISBN: 3257218370

Genre: Historisch > Nordamerika & Klassiker > Amerikanisch & Realistische Fiktion

ausgelesen am: 08.06.2015

Bewertung:

Homer Wells ist anders als die anderen Kinder im Waisenhaus von St. Cloud’s, denn er möchte nicht fort. Er versuchte mehrfach, eine neue Familie und ein neues Zuhause zu finden – ohne Erfolg. So kommt es, dass der Leiter des Waisenhauses, Dr. Wilbur Larch, Homer erlaubt zu bleiben und ihn unter seine Fittiche nimmt. Dr. Larch lehrt Homer Gottes Werk und Teufels Beitrag: Entbindungen und Abtreibungen. Für viele Frauen ist St. Cloud’s der einzige Ort, an den sie gehen können, wenn sie ungewollt schwanger werden. Während Homer älter wird, beschleichen ihn jedoch Zweifel. Hat nicht auch ein Fötus eine Seele? Er weigert sich, selbst Abtreibungen vorzunehmen und hadert mit seinem scheinbar vorbestimmten Schicksal als Arzt, trotz seines unbestrittenen Talents. Als ein junges Paar St. Cloud’s besucht, ist Homers Chance auf eine andere Zukunft gekommen. Candy und Wally nehmen Homer mit sich auf die Apfelplantage Ocean View der Familie Worthington, wo er sich fortan als Hilfskraft verdingt. Hier, zwischen Äpfeln und verwirrenden Beziehungen, begreift Homer, dass das Leben sich nicht um Moralvorstellungen schert. Und dass er seiner Bestimmung nicht entkommen kann.

Das ist es also, das große Werk von John Irving. Ich denke, ich habe selten ein Buch gelesen, das „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ an Detailreichtum übertrifft. Ich halte diese Eigenschaft des Romans sowohl für seine größte Stärke als auch für seine größte Schwäche zugleich. John Irving ist ein Schriftsteller, der jeder einzelnen Figur seiner Geschichte eine eigenständige, individuelle Biografie zugesteht und sich für jeden dieser Werdegänge brennend interessiert. Auf diese Weise entsteht ein dichtes Geflecht persönlicher Schicksale, die mal außergewöhnlich, mal durchschnittlich sind und faszinierend ineinander greifen und mit einander interagieren. Die Beziehungen seines Romans sind skurril und zum Teil wahrhaft ungesund, nichtsdestotrotz aber realistisch. Während des Lesens fiel es mir gar nicht so auf, doch jetzt im Nachhinein bin ich überzeugt, dass Kommunikation eines der Schlüsselthemen ist. All die Dinge, die nicht gesagt werden – aus Stolz, aus Angst, aus Rücksicht, aus der verdrehten Vorstellung heraus, dass es sich ethisch oder moralisch nicht schickt. Seine moralischen Vorstellungen und Ansprüche sind die größten Hindernisse, die Homer im Weg zu einem glücklichen Leben stehen. Dadurch zwingt er seine Gefühle in ein enges, straffes Korsett, das es ihm verbietet, mit der Frau zusammen zu sein, die er liebt und das ihn daran hindert, seine wahre Bestimmung zu akzeptieren: ein Leben als Arzt, der ungewollt schwangeren Frauen die Möglichkeit zur Entscheidung schenkt, obwohl es illegal ist. Irving outet sich in „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ unmissverständlich als Befürworter von Abtreibungen und meines Erachtens nach argumentiert er durch die Figur des Dr. Larch lückenlos. Ungewollte Schwangerschaften führen zu ungewollten Kindern, die zu Waisenkindern werden. Manchmal ist eine Abtreibung die beste Option für alle Beteiligten. Nehmen wir als Beispiel Melony, die gemeinsam mit Homer in St. Cloud’s aufwächst, aber einen völlig anderen Weg einschlägt und mit ihrer harten, spröden Art einen scharfen Kontrast zu seinem sanften, nachdenklichen Wesen darstellt. Schon als Kind ist sie verbittert, permanent zornig und überzeugt, dass das Leben niemals etwas Gutes für sie bereithalten wird. Sie war niemals unschuldig, weil sie zu früh grausam enttäuscht wurde. Es mag zynisch klingen, doch hätte ihre Mutter eine Abtreibung in Betracht ziehen können; wäre Melony niemals geboren worden, hätte sie auch nie all den Hass, all den Schmerz und das Leid ertragen müssen. Melony ist von Beginn an eine Einzelgängerin, unfähig, anderen zu vertrauen und überwindet ihren Zorn ihr ganzes Leben lang nicht. Ich könnte stundenlang über sie schreiben, weil sie – wenn auch zutiefst unsympathisch – wahnsinnig kompliziert ist. Eine Analyse von Irvings Charakteren könnte wohl ein gesamtes Buch füllen – das ändert jedoch nichts daran, dass ich mit ihnen allen so meine Probleme hatte. Ich mochte niemanden so richtig, weil sie alle grenzwertige Entscheidungen treffen, doch ich denke, das spielt gar keine Rolle. Irving versucht nicht, den ersten Preis für Sympathie zu gewinnen, sondern zeichnet Figuren, die facettenreich und lebensnah sind. Natürlich hat mich das beeindruckt, allerdings erwähnte ich ja bereits, dass der Detailreichtum seines Schreibstils durchaus auch einen negativen Aspekt für mich hatte. Irving schwafelt. Er ergeht sich in Kleinigkeiten und kommt nicht zielgerichtet genug auf den Punkt. Ich halte ihn für einen tollen Schriftsteller, bin als Leserin jedoch eher ein gradliniger Typ. Ich hätte die unzähligen Schnörkel aus den Leben von Nebenfiguren nicht gebraucht, um mich für die Geschichte begeistern zu können. So erforderte es zu viel Geduld und Durchhaltevermögen, um mich uneingeschränkt darin wohl zu fühlen.

„Gottes Werk und Teufels Beitrag“ ist gleichermaßen Gesellschaftskritik wie Dokumentation des Lebens. Ich kann verstehen, warum John Irving von vielen LeserInnen leidenschaftlich verehrt wird, da er mutig und sensibel Tabuthemen anspricht, einen feinsinnigen, subtilen, oftmals tragikomischen Humor vermittelt und darüber hinaus meisterhaft facettenreiche Charaktere gestaltet. Trotz dessen bin ich mir noch nicht sicher, ob er tatsächlich der richtige Autor für mich ist. Ich werde wohl noch mindestens ein weiteres Buch von ihm lesen müssen, bevor ich das entscheiden kann.
Ich kann „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ durchaus empfehlen, weil es wirklich brillant konstruiert ist und es zu den Werken gehört, die man einfach mal gelesen haben sollte. Ihr solltet jedoch darauf vorbereitet sein, dass John Irving äußerst detailverliebt schreibt und ihr weit mehr über seine Figuren erfahren werdet, als ihr vielleicht erwartet habt.

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4 Antworten zu “John Irving – Gottes Werk und Teufels Beitrag

  1. Caroline

    Juni 27, 2015 at 4:02 pm

    Ging mein Kommentar von eben jetzt irgendwo verloren? Ich seh ihn nirgendwo… 😦
    Also schreib ich einfach nochmal einen und hoffe, dieses Mal kommt er an.
    Diese „ungesunden Beziehungen“, die du hier erwähnst, findest du ungelogen in jedem Buch von John Irving, er scheint ein Faible dafür zu haben. Am „krassesten“ ist das meiner Meinung nach der Fall in „Hotel New Hampshire“, denn da gehen wirklich kranke ungute Dinge ab in der Story. Trotzdem ist das Buch ja ein echter Hit geworden und hat dafür gesorgt, dass Irving sehr bekannt wurde. Keine Ahnung warum, ich mag das Buch eher nicht. Eins meiner absoluten Lieblingsbücher von ihm dagegen ist „Die wilde Geschichte vom Wassertrinker“, allerdings kann ich wirklich nicht erklären, warum das so ist (die Story ist etwas … naja, eigen). Und manche schauen mich schräg an, wenn ich sage, dass ich das Buch sehr mag… 😀

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    • wortmagieblog

      Juni 28, 2015 at 10:58 pm

      Huhu 🙂

      Ja, leider ist dein Kommentar irgendwie im Spam-Ordner gelandet und ich hab ihn erst jetzt gefunden. Aber besser spät als nie, nicht wahr? 😉
      Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, worum es in den beiden Büchern geht, ich müsste mir also erst einmal die Klappentexte ansehen, bevor ich eines dieser beiden in Betracht ziehe als nächstes Irving-Experiment. Ich behalte aber mal im Kopf, dass dir „Die wilde Geschichte vom Wassertrinker“ besonders gut gefällt. 🙂
      Ich denke, die ungesunden Beziehungen in Kombination mit all dem Ungesagten, das permanent unheilsschwanger über ihnen schwebt, hat wohl auch seinen Teil dazu beigetragen, dass ich nicht restlos begeistert war von dem Buch. Ich fühlte mich teilweise so hilflos, weil ich sehen konnte, wie sehr die Beteiligten darunter leiden, dass sie ihre Gefühle unterdrücken oder für sich behalten, konnte ihnen aber natürlich nicht helfen. Schriftstellerisch ist das meisterhaft, aber rein gefühlsmäßig war es brutal. Ich hätte gern eingegriffen und alle mal einen großen runden Tisch gesetzt, damit sie endlich mit einander reden.

      Viele liebe Grüße,
      Elli

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  2. amaunet0101

    Juni 29, 2015 at 10:59 am

    Irving hat definitiv ein Faible für außergewöhnliche Charaktere, Beziehungen und Situationen. Daher kommt es meiner Meinung nach auch, dass er sich gerne in Nebensächlichkeiten verwickelt, die in „Geschwafel“ ausarten können.
    Ich mag Irving genau wegen der „etwas anderen“ Figuren, die sich in einem Umfeld (das meine ich im weitesten Sinne) bewegen, das meilenweit von mir und meiner (gedanklichen) Welt entfernt und teilweise richtiggehend absurd ist.
    Ich hoffe, du findest noch DEN Irving, der dir das gleiche Vergnügen am Lesen beschert wie mir.

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  3. AnjaFrieda

    Februar 2, 2016 at 10:47 am

    Irving mag man, oder mag man nicht. Auf der einen Seite findet man ihn genial, auf der anderen fragt man sich, ob er noch alle Latten am Zaun hat. Mein erstes Buch von ihm war „Die vierte Hand“. Die Geschichte an sich hat mich gar nicht vom Hocker gehauen, aber es war sein Schreibstil, der mich überzeugt hat und eben diese Detailverliebtheit. Von „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ war ich gefesselt. Vielleicht findest du noch zu Irving. Er ist schon ein schwieriger Charakter, damit muss man erstmal zurecht kommen. Vielleicht hättest du nicht gleich mit seinem „großen Werk“ anfangen sollen … es gibt andere Bücher von ihm, bei denen der Einstieg leichter fällt.

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