RSS

Let’s talk about… die Auswertung der Bestenlisten

30 Jan

So meine Lieben. Endlich, endlich, endlich habe ich es geschafft, die fünf Bestenlisten, über die wir unter dem Motto „Let’s talk about…“ diskutiert haben, ein bisschen zu analysieren und das Ganze dann auch noch nett zu verpacken. Es hat wirklich lange gedauert, war viel Arbeit und ich hatte sehr oft keine Lust dazu, doch jetzt ist es tatsächlich vollbracht! 😀

Zur Erinnerung: im letzten Jahr haben wir uns gemeinsam fünf verschiedene Bücher-Bestenlisten angesehen: die Top 100 des Time Magazine, die Top 100 der ZEIT, die Top 100 von Le Monde, „The Big Read“ der BBC und „Das Große Lesen“ des ZDF. Mir ging es darum, euch zu zeigen, welche Bücher in unterschiedlichen Ländern unter unterschiedlichen Auswahlkriterien als lesenswert angesehen werden und welche dieser Bücher ich davon auch tatsächlich gelesen habe, welche ich noch plane zu lesen und welche ich nicht einmal mit der Kneifzange anfassen würde. Außerdem wollte ich von euch wissen, wie ihr über diese Bestenlisten denkt und wie viel Erfahrung ihr mit diesen Büchern bisher sammeln konntet. Die Ergebnisse variierten stark, was mich veranlasste, über Gemeinsamkeiten und Unterschiede nachzudenken.

Also habe ich mir vor vielen Monaten vorgenommen, herauszufinden, ob es bestimmte Trends gibt. Das Ergebnis meiner Bemühungen ist an erster Stelle eine äußerst umfangreiche Excel-Datei. 😉 Nein, Spaß beiseite. Ich habe mich auf die AutorInnen konzentriert, denn seien wir ehrlich, hätte ich auch noch versucht, das Ganze nach Genre, Alter, etc. aufzuschlüsseln, wäre ich nie fertig geworden.

Ein paar Worte dazu, wie ich die Analyse erstellt habe: ich habe mir die Nationalität jedes Autors und jeder Autorin angesehen. In meiner tollen Excel-Tabelle hab ich das dann verzeichnet. Zusätzlich habe ich nach Übereinstimmungen gesucht, also ob bestimmte AutorInnen in mehreren Listen auftauchen. Und zu guter Letzt hat mich die Geschlechterverteilung so sehr beschäftigt, dass ich unbedingt herausfinden wollte, wie viele Frauen denn nun tatsächlich vertreten sind.
Jetzt bekommt ihr erst einmal meine Ergebnisse als Infografik zu sehen, danach werde ich noch ein paar Worte dazu sagen. Bereit? Dann geht es jetzt los! 😀

Länderverteilung Bestenlisten

Tja, so sieht es aus, wenn man 5 Bücher-Bestenlisten mit je 100 Büchern filtert und aufschlüsselt.
Wie ihr seht, ist die Auswahl jeder Bestenliste extrem national geprägt, was vermutlich einfach natürlich ist. Vielleicht ist es naheliegend, dass man sich erst einmal nach AutorInnen im eigenen Land umsieht, bevor man einen Blick über die Grenze wagt. Trotzdem hätte ich nie damit gerechnet, dass es SO eindeutig ist.
Interessant fand ich, dass es in jeder Liste Ausreißer gibt. Ist euch beispielsweise aufgefallen, dass Kolumbien tatsächlich in drei Listen auftaucht? Na ja, ganz so erstaunlich ist das nicht, wenn man weiß, um welchen Autor es sich dabei handelt: Gabriel García Márquez. Es gibt einige Fälle wie diesen, in dem ein Land in mehreren Listen vertreten ist, aber nur mit einem einzelnen Autor oder – in seltenen Fällen – einer einzelnen Autorin. Chile? Was glaubt ihr, wie ich geguckt habe, als ich heraus fand, dass das die Heimat von Isabel Allende ist, die in den Top 100 des ZDF auftaucht? 😀 Wenn ihr euch die Weltkarte anseht, wird allerdings auch schnell deutlich, das diese Ausreißer doch arg begrenzt sind und lange nicht den ganzen Globus umspannen. Der afrikanische Kontinent ist völlig unterrepräsentiert, ebenso wie die gesamte arabische Welt. Das finde ich sehr schade, obwohl mich die Ausflüge nach Indien, Nigeria oder auch Ungarn ziemlich überrascht haben.

Von den fünf Bestenlisten ist die der ZEIT definitiv die speziellste. Wie ich schon im Beitrag zu diesen Top 100 schrieb, haben wir Deutschen zum Teil ein wirklich seltsames Verhältnis zur Literatur. Drei Titel ohne AutorIn (Das Nibelungenlied, Die Erzählungen aus tausendundein Nächten und die Bibel, wobei letztere auch beim ZDF auftaucht), drei Titel, deren Autoren aus dem antiken Griechenland stammen und drei Werke aus dem antiken römischen Reich. Zusätzlich sind auch ein paar mittelalterliche Bücher dabei, die in einer Zeit entstanden, in der es Deutschland noch gar nicht gab. Das war ein bisschen schwierig, aber letztendlich hat sich herausgestellt, dass alle Autoren in einem Gebiet lebten, das aus heutiger Sicht zu Deutschland gehörte, also habe ich sie kurzerhand zu den Deutschen gezählt. Was hätte ich auch sonst tun sollen?
Ähnlich war es mit dem antiken Griechenland und dem antiken römischen Reich. Letzteres war – wie ihr sicher alle wisst – riesig. Augustinus von Hippo („Bekenntnisse“) lebte in Numidien, eine Region, die heutzutage unter anderem Namen zu Algerien gehört.
Doch ich glaube, der schwierigste Fall war Homer. Man assoziiert ihn mit dem antiken Griechenland, aber eigentlich ist nicht sicher, ob es ihn überhaupt gab. Diejenigen, die daran glauben, dass es ihn gab, sind sich nicht einig, wann er gelebt hat. Es ist so gut wie nichts über ihn bekannt. Mir blieb keine andere Wahl, als ihn dem antiken Griechenland zuzuordnen, weil das zwar eine sehr allgemeine, aber immerhin die zuverlässigste Aussage ist, die ich treffen konnte. Ihr seht, die ZEIT hat RICHTIG tief in der Geschichte gewühlt. Dadurch entstand eine Zusammenstellung, die die wenigsten Übereinstimmungen mit allen anderen Bestenlisten aufweist. Die ZEIT ist der Grund, dass es kein Buch und keineN AutorIn gibt, der/die/das (*summ*) auf allen Listen auftaucht. Alle Welt ist scheinbar der Meinung, dass man „Der Herr der Ringe“ unbedingt gelesen haben muss (meine persönliche Meinung lassen wir mal außen vor *hust*), aber nein, für die ZEIT ist J.R.R. Tolkien nicht wertvoll genug. Stattdessen steht da ein Name drauf, den bislang niemand kannte, egal, wen ich fragte. Dafür brachte er aber wirklich alle zum Lachen. 😀 Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen. Wer ist das??? Selbstverständlich habe ich im Zuge meiner Recherchen den entsprechenden Wikipedia-Artikel gelesen, aber schlauer bin ich dadurch auch nicht. Ihr merkt es, die Bestenliste der ZEIT hat mich beschäftigt.

Ein weiterer Grund dafür ist, dass die ZEIT offenbar komplett ignoriert hat, dass es außer Anna Seghers tatsächlich noch ein, zwei weitere Frauen gibt, die Bücher geschrieben haben. Doch damit sind sie im Prinzip ja nicht allein. Dieser Trend zieht sich durch jede unserer Listen: Frauen sind unterrepräsentiert. Ich gebe es zu, das macht mich sehr wütend. Egal, wie das Auswahlkriterium war, ob es nun der Club der weißen Männer der ZEIT war oder die Publikumswahl der BBC, generell scheinen Schriftstellerinnen weniger im Bewusstsein verankert zu sein als Schriftsteller. 357 AutorInnen, davon gerade mal 77 Frauen. Nicht mal ein Viertel. Das ist traurig, inakzeptabel und beschämend. Es wird Zeit, dass sich das ändert. Vielleicht wird es in Zukunft bei mir Autorinnen-Portraits geben, denn irgendwie muss ich ja dazu beitragen, dass die weibliche schreibende Zunft präsenter wird. Es kommt natürlich auf die Schriftstellerin an, aber würde euch so etwas grundsätzlich interessieren?

So und damit sind wir auch schon am Ende der Auswertung angelangt, zumindest von meiner Seite. Ich bin überglücklich, dass ich diesen ausstehenden Punkt nun nach so langer Zeit endlich abhaken und mich dementsprechend auch wieder neuen Bestenlisten zuwenden kann. Es gibt da nämlich noch so einige. 😉
Vor allem interessiert es mich jetzt jedoch brennend, wie ihr über diese harten Fakten denkt. Was fällt euch positiv oder negativ auf? Welche Rückschlüsse zieht ihr daraus?
Erzählt mir, was in eurem Kopf herumspukt. Selbstverständlich bin ich auch gern bereit, euch Fragen zu beantworten, soweit es mir möglich ist. 🙂

Was haltet ihr von der Auswertung der Bestenlisten?

Ich freue mich sehr darauf, mit euch über die Bestenlisten zu diskutieren, weil wir das einfach viel zu lange schon nicht mehr getan haben. Jede Meinung, jedes Kommentar ist herzlich Willkommen und wie immer gilt: es gibt nichts, was nicht gesagt werden darf. 😉 Und jetzt:

Let’s talk about… die Auswertung der Bestenlisten!

Advertisements
 
6 Kommentare

Verfasst von - Januar 30, 2015 in Let's talk about...

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , ,

6 Antworten zu “Let’s talk about… die Auswertung der Bestenlisten

  1. Caroline

    Januar 30, 2015 at 12:14 pm

    WOW! Ich habe gerade irgendwie gar keine Meinung dazu, bis auf die, dass ich es WAHNSINN finde, was für eine Arbeit du dir gemacht hast!!! 😮

    Und ich finde es toll, dass man bei dir immer was Neues erfährt und lernt. Homer gab es angeblich gar nicht? Aha, das wusste ich gar nicht! Ist das so eine Legende wie die, dass es Shakespeare gar nicht gab und die ganzen Bühnenstücke eigentlich jemand ganz anderes geschrieben hat? 😉

    Achso, und was ich an dieser Stelle noch loswerden MUSS: also ICH kenne Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen! Zwar nicht persönlich, versteht sich, aber ich wurde in meinem Deutschunterrricht der Oberstufe mit ihm gequält. Bei uns führte der Name zwar auch zu vereinzelten Lachern, die aber schnell abebbten, als wir seine literarischen Ergüsse analysieren und interpretieren durften. Mussten.
    Ich hab den Deutschunterricht in der Oberstufe echt gehasst -.-

    Allerdings macht mich der Punkt neugierig, dass es 4 Autoren gibt, die auf immerhin 4 Listen erscheinen. Ich habe noch nichts von George Orwell und Margaret Mitchell gelesen; vielleicht sollte ich mir das mal vornehmen.

    Chapeau für soviel Mühe! 😀

    Gefällt 1 Person

     
    • wortmagieblog

      Januar 30, 2015 at 12:23 pm

      Huhu 🙂

      Danke, danke, was tut man nicht alles für die lieben Follower. 😉

      Also soweit ich das verstanden habe, ist das Problem, dass weder bekannt ist, wann genau er geboren wurde, noch wo. Ebenso wenig ist sein Sterbeort bekannt. Ich habe das jetzt so interpretiert, dass das Einzige, das wirklich auf seine Existenz hinweist, sein Werk ist. Das heißt, es ist heftiger als bei Shakespeare, denn dessen Geburtshaus kann man besichtigen, den gab es also immerhin tatsächlich. 😀 Bei Homer gibt es einfach sehr wenig Hinweise auf seine Existenz. Ich glaube aber trotzdem daran, dass es ihn gab. 😀

      Oha, interessant. Inwiefern ist sein literarisches Schaffen denn wertvoll? 😀

      Also ich werde Margaret Mitchell nicht lesen, obwohl sie auf vier Listen auftaucht. Ich denke, ich bin einfach nicht der Typ für „Vom Winde verweht“, besonders weil es das Leben in den Südstaaten romantisiert und das Thema der Sklaverei ausklammert. Aber George Orwell werde ich definitiv eine Chance geben. 😉

      Viele liebe Grüße,
      Elli

      Gefällt mir

       
      • Caroline

        Januar 30, 2015 at 1:01 pm

        Naja, der Herr Christoffel hat den „Abenteuerlichen Simplicissimus Teutsch“ (ein Bestseller im Barock, um es mal so zu sagen) geschrieben und da mussten wir uns durch Passagen lesen und arbeiten – und es war einfach nur fürchterlich öde und ich hab nur Bahnhof verstanden. Ich hab für solche Literatur echt überhaupt nichts übrig, tut mir leid, auch wenn ich da jetzt wie ein Banause erscheine. Aber für damalige Zeiten muss das ein ziemlich gutes Stück Lektüre gewesen sein 😀

        Jaaaa, lass uns an die Existenz von Homer glauben. Wär ja sonst schade 😉

        Hmnja. Ich werd mal bei meinen Eltern schauen, ob die in ihren ganzen alten Büchern so rein zufällig „1984“ oder „Vom Winde verweht“ liegen haben. Auf diese Art und Weise bin ich vor Kurzem auch zu „Unterwegs“ von Jack Kerouac gekommen – ich hab´s einfach mitgenommen *hüstel* Irgendwie bin ich schon neugierig auf „Vom Winde verweht“, was aber eher daran liegt, dass es so ein Wahnsinns-Bestseller geworden ist und einfach jeder (jeder!) schonmal davon gehört hat. Kann man immerhin nicht von jedem Buch behaupten…

        Lieben Gruß zurück.

        Gefällt 1 Person

         
  2. theRealDarkFairy

    Januar 30, 2015 at 2:56 pm

    Chapeau, liebe Elli! Du hast dir echt viel Arbeit gemacht. Sehr, sehr lobenswert!
    Lehrerin: 1 setzten.
    Mitschüler: Streberin…
    😀 😉

    Nein, ich finde es wrklich toll, was du dir für eine Arbeit gemacht hast und finde es sehr interessant, was dabei herausgekommen ist.
    Die Tatsache, dass die Listen so extrem national geprägt sind überrascht mich nicht wirklich – irgendwie war doch klar, dass die Briten eher zu Shakespeare als zu Schiller oder Goethe greifen.
    Ich muss ehrlich zugeben: Mich stört es wenig, dass kaum Frauen vertreten sind. Ehrlich gesagt weiß ich auch bei vielen (guten) Büchern gar nicht wer sie geschrieben hat. Davon abgesehen sind gerade bei den ganzen „Klassikern“ die Frauen selten, da sie zu der Zeit einfach noch nicht geschrieben haben – bzw. wenn dann nur sehr sehr wenige – kann das sein?!
    Ein gutes Beispiel dafür, dass ich Autoren selten kenne gibt es hier auch gleich wieder: Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen ist auch mir völlig unbekannt. Nie gehört. Aber lustiger Name. Dagegen habe ich irgendwann, irgendwo, irgendwie schon mal was vom „Abenteuerlichen Simplicissimus Teutsch” gehört – meine ich wenigstens 😉

    Liebe Grüße
    DarkFairy

    Gefällt 1 Person

     
    • wortmagieblog

      Januar 31, 2015 at 12:51 pm

      Huhu 🙂

      Das Argument, dass Frauen ja erst später begonnen haben, zu schreiben, kann man meiner Meinung nach nicht gelten lassen, weil keine dieser Bestenlisten eine geschichtliche Grenze vorsah (außer die des Time Magazine, hier begann die Auswahl erst ab 1923). In den Auswahlkriterien war nicht vorgesehen, eine bestimmte Epoche oder die Gegenwart auszuklammern. Das heißt, es wäre kein Problem gewesen, Frauen in Betracht zu ziehen, obwohl sie später begonnen, zu schreiben. Dass es trotzdem nicht passiert ist, deutet wie gesagt darauf hin, dass Autorinnen bisher noch nicht den gleichen Status erreicht haben wie Autoren. Ich persönlich finde das einfach sehr schade, weil ich dachte, wir wären mittlerweile weiter.

      Viele liebe Grüße,
      Elli

      Gefällt mir

       
  3. amaunet0101

    Januar 31, 2015 at 12:13 pm

    Mann oh Mann! oder besser: Frau oh Frau! Da hast du aber ein ordentliches Stück Aufwand betrieben! Toll!

    Es ist wirklich interessant, zu welchen Ergebnissen dich deine Auswertung geführt hat.
    Obwohl:
    Ich bin ja kein Freund von diesen „Bestenlisten“ (die Anführungszeichen setze ich nicht grundlos) und bin von deiner Statistik dazu nicht allzu sehr überrascht worden.
    Für meinen Geschmack war auf jeder dieser Listen mindestens eine „Gurke“ mit drauf – Grimmelshausen lässt grüßen!
    Und Bücher von Frauen kann man auch meiner Meinung nach erst recht spät in der Literaturgeschichte finden. Es wird sich noch zeigen müssen, ob sich Frauen in dieser von Männern dominierten Domäne durchsetzen können. Ich hoffe es stark.
    Vielleicht müsstest du die gleichen Listen in 50 Jahren nochmal einer Auswertung unterziehen…

    Gefällt mir

     

Kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: