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Archiv für den Monat April 2014

Thomas Jeier – Das Lied der Cheyenne

„Das Lied der Cheyenne“

Das Lied der Cheyenne

Autor: Thomas Jeier

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 304 Seiten

Verlag: Heyne

Sprache: Deutsch

ISBN: 3453093089

Genre: Realistische Fiktion & Historisch > Nordamerika

ausgelesen am: 23.04.2014

Bewertung:

[Anmerkung: Ich habe versucht, mich in diesem Beitrag respektvoll und politisch korrekt auszudrücken. Ich lehne jegliche Form der Diskriminierung nachdrücklich ab und bin überzeugt, dass diese bereits in der Sprache beginnt. Sollten sich LeserInnen an meiner Diktion stören, sollte ich Redewendungen genutzt habe, die weniger respektvoll sind, als ich es beabsichtigt hatte, so bitte ich meine LeserInnen eindringlich, mich darauf hinzuweisen.]

„Das Lied der Cheyenne“ von Thomas Jeier wurde mir von meinem Schwager empfohlen und ausgeborgt. Anlässlich meines Interesses für Feminismus und Emanzipation habe ich mich mit ihm darüber unterhalten, wie die Rolle der Frau innerhalb der indigenen Völker Nordamerikas definiert und ausgeprägt war; glücklicherweise interessiert er sich seit vielen Jahren für deren Kultur und hat dementsprechend eine Menge Wissen und Literatur angehäuft. „Das Lied der Cheyenne“ sollte mir einen ersten groben Eindruck vermitteln, sowohl von Kultur, Bräuchen, Lebensweise und eben auch der Position der Frauen bei den Cheyenne.

Der Roman ist die Geschichte von Büffelfrau, die als Schamanin der Cheyenne geboren wird und deren magische Kräfte ihr Volk durch eine dunkle Zeit führen sollen. Als sie alt genug ist, geht sie bei Sieht-hinter-die-Berge in die Lehre, doch das ist Büffelfrau nicht genug: sie möchte eine unerschrockene Kriegerin und Jägerin sein. Tatsächlich gelingt es ihr, ihre Wünsche zu realisieren; sie erarbeitet sich einen Ruf als erfolgreiche Jägerin, Kriegerin und weise Frau. Als die heiligen Pfeile ihres Volkes von den Pawnee gestohlen werden, muss sie ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Ganz allein reitet sie ins Feindesland, um ihr Volk vor dem Zorn der Geister zu bewahren und die Pfeile zurückzubringen. Ihre Träume weisen Büffelfrau den Weg, doch sie zeigen ihr auch verwirrende Bilder von einem weißen Mann mit blauen Augen…

Ich brauchte einige Zeit, um einen Einstieg in „Das Lied der Cheyenne“ zu finden, da Thomas Jeier einen für mich eher ungewohnten Schreibstil pflegt. Er schreibt unglaublich ruhig; bemühen sich andere AutorInnen um einen hohen Spannungsbogen und sich rasant entwickelnde Ereignisse, setzt Jeier auf eine ausgeglichene Schilderung des Lebens seiner Protagonistin. Damit harmonieren Erzählstil und Erzähltes sehr gut, der gesamte Roman strahlt Gefasstheit und Würde aus. Ich hatte nicht das Gefühl, dass Jeier nur bekannte Klischees reproduziert und ein Blick in das Nachwort bestätigte, dass er offenbar umfangreiche Recherchen durchführte, was eine respektvolle Darstellung ermöglichte. Büffelfrau ist eine fiktive Figur, beruht aber auf historischen Kriegerinnen der Cheyenne. Obwohl mir der Einstieg etwas schwer fiel, konnte ich im Laufe des Buches eine Verbindung zu Büffelfrau und ihrem Volk aufbauen. Ihr Schicksal begann mich zu fesseln; ich wollte wissen, wie die Geschichte ausgeht und wünschte der jungen Schamanin aus tiefstem Herzen ein Happy End. Am meisten imponierte mir das Gespür der Cheyenne für das Leben; ihre Fähigkeit, es in jeder Form zu schätzen, zu respektieren und zu genießen.
Wie bereits beschrieben, wollte ich mehr über die Rolle der Frau in der Kultur nordamerikanischer indigener Völker lernen und ich denke, ich war erfolgreich. „Das Lied der Cheyenne“ veranschaulicht, wie Frauen in die Gesellschaft der Cheyenne eingebunden waren, welchen sozialen Erwartungen sie ausgesetzt waren und inwieweit sie ihr Leben frei gestalten konnten. Offenbar gab es keine fest definierte Arbeitsaufteilung; es gab keine Aufgabe, die Frauen oder Männer nicht übernehmen durften, bestimmte Lebensweisen waren für das eine oder andere Geschlecht nur ungewöhnlich. Nach Jeiers Darstellung waren die Cheyenne in der Lage, jegliches Verhalten zu respektieren und tolerieren, solange es bestimmte Tabus nicht verletzte, was ihrer Ansicht nach die Geister hätte verärgern können (z.B. Jungfräulichkeit bis zur Ehe).
Selbstverständlich ist ein einzelner Roman nicht ausreichend, um einen verlässlichen Rückschluss auf das komplexe soziale Gefüge einer Gesellschaft wie die der Cheyenne zuzulassen; es wird weitere Literatur von Nöten sein, um das Bild, das in „Das Lied der Cheyenne“ beschrieben ist, zu bestätigen oder zu revidieren.

Thomas Jeiers Roman empfand ich insgesamt als guten Einstieg in die Kultur der indigenen Völker Nordamerikas, denn obwohl die Geschichte fiktiv ist, halte ich sie dennoch für realistisch. Es ist eine Geschichte, die in sich ruht und mir die Faszination für die beeindruckende Kultur und Lebensweise der Cheyenne verständlicher machte. Es ist kein Buch, das ich allen LeserInnen empfehlen würde, ein Grundinteresse an der Thematik muss vorhanden sein. Doch wer sich vom Volk der Cheyenne angezogen fühlt, wird in „Das Lied der Cheyenne“ eine eindrucksvolle Schilderung ihrer Lebensumstände vorfinden und darüber hinaus die Möglichkeit haben, in das Leben einer faszinierenden, mutigen jungen Frau einzutauchen.

 

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Veronica Roth – Allegiant

„Allegiant“

Divergent #3 - Allegiant - Veronica Roth

Reihe: Divergent #3

Autor: Veronica Roth

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 526 Seiten

Verlag: Katherine Tegen Books

Sprache: Englisch

ISBN: 0062287338

Genre: Science Fiction > Dystopie > Young Adult

ausgelesen am: 21.04.2014

Bewertung:

Das Ende einer guten Reihe oder Trilogie ist für mich immer eine recht emotionale Angelegenheit. Ein angemessener Abschluss ist essentiell wichtig, um lieb gewonnene Charaktere befriedigt verlassen zu können, doch selbst dann fällt mir das in der Regel ziemlich schwer, weil ich mich oft stark mit den Figuren identifiziere. Im Fall der Divergent – Trilogie hoffte ich daher, dass noch alle offenen Fragen geklärt werden und die Figuren eine echte Chance auf ein friedliches Leben bekommen.

Das Finale „Allegiant“ beginnt kurz nach der Veröffentlichung des Edith Prior – Videos: Evelyn und die Fraktionslosen haben die Stadt übernommen und das Fraktionssystem abgeschafft. Doch was in der Theorie Freiheit bedeuten sollte, bedeutet nun in der Praxis Zwang. Evelyn führt die Gesellschaft mit harter Hand und bestraft schonungslos jedes Anzeichen von Sympathie mit dem ehemaligen System. Darüber hinaus weigert sie sich, die Anweisungen Edith Priors umzusetzen; niemand darf die eingezäunte Stadt verlassen. Doch Tris, Tobias und ihre Freunde wollen das nicht hinnehmen und schließen sich der Rebellengruppe Allegiant an, die sowohl das Fraktionssystem wiederherstellen und Evelyn stürzen als auch die Welt außerhalb der Stadt erkunden will. In einer abenteuerlichen Flucht gelingt es ihnen, die Grenze zu überwinden. Außerhalb der Stadt werden sie bereits erwartet und darüber aufgeklärt, was es mit ihrer umzäunten Heimat und den Divergents auf sich hat. Die Antworten auf ihre Fragen sind jedoch weniger zufriedenstellend, als es sich Tris und Tobias erhofft hatten…

Bezüglich der Bewertung von „Allegiant“ geriet ich innerlich in einen ziemlich starken Konflikt. Auf der einen Seite stand mein Rationalismus, der mir sagte, dass Veronica Roth‘ Aufklärung ihrer Dystopie und des Phänomens der Divergents für mich nicht einhundertprozentig überzeugend war. Auf der anderen Seite beharrten meine Emotionen darauf, dass der Roman mich tief berührte und eine nachhaltige Identifikation mit den Figuren auslöste, sodass es mir wie üblich schwer fiel, mich von ihnen zu verabschieden. Wie sollte ich diesen Zwiespalt in einer konkreten Anzahl von Sternen erfassen?
Zwar wurden alle noch bestehenden Unklarheiten in einen größeren Zusammenhang gebracht, aber ich fand die Hintergründe des Divergent – Universums eher weniger befriedigend. Ich hatte erhebliche Zweifel daran, dass Veronica Roth‘ Erklärung der bestehenden Umstände wirklich realistisch ist. Natürlich hat sie als Autorin einen gewissen Spielraum hinsichtlich künstlerischer Freiheit und der literarischen Umsetzung umstrittener Theorien; doch ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Menschen und vor allem Regierungen sich so verhalten würden, wie sie es schildert. Ansonsten ist die Handlung durchaus spannend, wird jedoch hauptsächlich von den sympathischen Figuren getragen und bewegt sich in einer sehr kleinen räumlichen Dimension. Die Geschichte spielt ausschließlich im Großraum Chicagos, den LeserInnen wird kein wahrhafter Eindruck der Dystopie außerhalb dieses Gebiets vermittelt, sodass sich das Gefühl entwickelt, sich in einer Art Quarantäne zu bewegen.
All diese Bedenken hinderten mich allerdings nicht daran, die schon bestehende Beziehung zu den Figuren noch zu vertiefen. Diese verhalten sich ab und an auch mal ein wenig unrealistisch, aber Roth hat ihnen trotz dessen so viel Leben eingehaucht, dass mich ihr Schicksal wirklich interessierte und auch berührte. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass Tris und Tobias allen Widerständen zum Trotz wieder zueinander finden und habe getrauert, da Roth die Sterbefreudigkeit ihrer Charaktere weiter beibehält. Ganz am Ende sind bei mir sogar ein paar Tränchen geflossen, weil die letzten Ereignisse unheimlich emotional sind.

Letztendlich habe ich bei der Bewertung die Emotionalität über den Rationalismus siegen lassen und mich für vier Sterne entschieden. Wenn mich ein Buch wie „Allegiant“ zu Tränen rührt, kann ich jegliche Kritik hinsichtlich Handlung und Realismus verzeihen. Dementsprechend empfand ich das Finale der Divergent – Trilogie als würdig, denke aber auch, dass drei Bände absolut ausreichend waren. Für mich ist die Geschichte beendet.
LeserInnen, die bereits „Divergent“ und „Insurgent“ gelesen haben, sollten unbedingt auch „Allegiant“ lesen, da hier nun endlich alle Geheimnisse aufgedeckt werden und einen Sinn bekommen. Die Dystopie ist weniger realistisch, als ich gehofft hatte, doch die Charaktere sind liebevoll konstruiert, wodurch sie mir wirklich ans Herz wuchsen und ich bin mir sicher, dass interessierte LeserInnen eine ähnliche Erfahrung machen können.

 

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Veronica Roth – Insurgent

„Insurgent“

insurgent

Reihe: Divergent #2

Autor: Veronica Roth

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 529 Seiten

Verlag: Katherine Tegen Books

Sprache: Englisch

ISBN: 0062127845

Genre: Science Fiction > Dystopie > Young Adult

ausgelesen am: 16.04.2014

Bewertung:

Da ich die „Divergent“ – Trilogie als komplettes Boxset gekauft habe, war es für mich noch vor der Lektüre des ersten Bandes selbstverständlich, dass ich alle drei lesen werde. Der Auftakt „Divergent“ gefiel mir dann so gut, dass ich auch weiterlesen wollte, obwohl ich gedanklich ein bisschen mit dem Fraktionssystem zu kämpfen hatte. Bevor ich mit „Insurgent“ begann, warf ich einen Blick auf Goodreads, weil ich wusste, dass meine liebste Rezensentin zu dem zweiten Teil bereits eine Einschätzung veröffentlicht hatte. Was ich dort lesen musste, hat mich wirklich beunruhigt. Sie vergab für „Insurgent“ nur einen mickrigen Stern und schrieb von ihrer tiefsitzenden Enttäuschung. Ich konnte es nicht glauben, denn „Divergent“ hatte von ihr vier Sterne erhalten; ein solcher Abfall innerhalb einer Trilogie ist doch sehr ungewöhnlich. Ich gebe zu, ich widmete mich „Insurgent“ mit eher gemischten Gefühlen.

Nach dem Überfall der Erudite auf die Fraktion Abnegation mithilfe gedankengesteuerter Dauntless – Soldaten stehen die Zeichen im „Divergent“ – Universum nun auf Krieg. Tris und Tobias konnten zwar die Simulation beenden und die Mitglieder der Dauntless aus der Kontrolle von Jeanine Matthews befreien, doch die Ereignisse haben die Fraktion komplett gespalten. Darüber hinaus führt Jeanine ihren Feldzug gegen Abnegation und Divergents weiter; Tris und Tobias müssen Verbündete finden, um dem ein Ende zu setzen. Unglücklicherweise sind weder Amity noch Candor bereit, sich in den Konflikt einzumischen und so bleibt dem jungen Paar und ihren Mitstreitern nur eine Wahl: die Fraktionslosen. Diese Allianz birgt jedoch hohe Risiken, denn in einer Gesellschaft, die auf einem Fraktionssystem aufgebaut ist, haben diejenigen, die ohne Fraktion leben müssen, ganz eigene Vorstellungen von Veränderung…

Ich bin so froh, dass ich das Urteil besagter Goodreads – Rezensentin nicht bestätigen kann. Mir gefiel „Insurgent“ sehr gut, obwohl auch ich finde, dass der Roman ein wenig unter dem „Zweites – Buch – einer – Trilogie – Phänomen“ leidet. Ich empfinde es aber als normal, dass der zweite Band oft der schwächste ist, weil er zwischen den aufregenden Ereignissen zu Beginn und dem Finale überbrücken muss.
„Insurgent“ ist unruhiger als Band 1 und für eine Lektüre der Young Adult Literatur recht politisch, schließlich sind Tris und Tobias auf der Suche nach Verbündeten. Ich kann verstehen, dass einige LeserInnen davon abgeschreckt sein mögen, doch ich liebe es, auszuloten, wer wohl welche Interessen verfolgt und welche Partei wie weit zu gehen bereit ist.
Angesichts der Spannungen innerhalb der Gesellschaft in der „Divergent“ – Trilogie wunderte es mich nicht, dass Tris‘ und Tobias‘ Beziehung ins Wanken gerät. Sie distanzieren sich voneinander, kommunizieren nicht wirklich und streiten viel. Ich war in Streitsituationen meistens auf Tobias‘ Seite, weil Tris im zweiten Band nicht einfach zu ertragen ist, obwohl Veronica Roth die Geschichte aus ihrer Perspektive erzählt. Ich fühlte mich ihr sehr nah; ihr Kummer, ihre Trauer und Erschöpfung berührten mich, aber nach dem Tod ihrer Eltern und dem Tod ihres Freundes Will durch ihre eigene Hand entwickelt sie in „Insurgent“ so etwas wie eine Todessehnsucht. Sie sucht die Gefahr und ein Motiv, sich selbst opfern zu können für das große Ziel. Ihr Selbsterhaltungstrieb scheint völlig ausgeschaltet zu sein und das fand ich wirklich nervig. Ich hatte oft das Gefühl, Tris schütteln und anschreien zu wollen, um sie aufzuwecken. Meines Erachtens nach hat Veronica Roth Tris sich hier ein wenig zu sehr im Elend suhlen lassen, denn dadurch verhält sie sich in einem Großteil des Buches übertrieben heroisch; etwas weniger hätte es auch getan.
Ich bin absolut nicht zimperlich und begrüße es normalerweise sehr, wenn AutorInnen den Mut aufbringen, Figuren sterben zu lassen. Doch ganz ehrlich, in „Insurgent“ sterben sogar mir zu viele sympathische Charaktere. Veronica Roth schreibt immer wieder diejenigen aus der Geschichte heraus, mit denen Tris gerade eine Freundschaft begonnen hat und das finde ich einfach schade. Sie braucht Freunde neben Tobias; mir hätte es besser gefallen, hätte Roth auf ein bisschen Dramatik verzichtet und Tris stattdessen etwas Halt zugestanden.

„Insurgent“ fällt nach „Divergent“ ein wenig ab, das lässt sich nicht leugnen. Trotz actionreicher Handlung fehlt der große Knall, dafür wird den LeserInnen einiges politisches Taktieren geboten sowie ein Cliffhanger am Ende, der sich gewaschen hat. Die Erklärung der Dystopie allgemein und der Eigenschaft „divergent“ im Speziellen hebt sich Veronica Roth offenbar für den nächsten Band „Allegiant“ auf, was mir jedoch recht sein soll.
LeserInnen, denen „Divergent“ gut gefallen hat, sind meiner Meinung nach gut damit beraten, auch „Insurgent“ eine Chance zu geben, dabei aber im Hinterkopf zu behalten, dass es eben der zweite Band einer Trilogie ist.

 

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Veronica Roth – Divergent

„Divergent“

divergent

Reihe: Divergent #1

Autor: Veronica Roth

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 487 Seiten

Verlag: Katherine Tegen Books

Sprache: Englisch

ISBN: 0062024035

Genre: Science Fiction > Dystopie > Young Adult

ausgelesen am: 14.04.2014

Bewertung:

„Divergent“ ist der erste Band einer Dystopie – Trilogie, in deren Mittelpunkt die Jugendliche Beatrice / Tris steht. An ihrem 16. Geburtstag muss sie sich entscheiden, welche Werte ihr Leben in Zukunft bestimmen sollen. Dafür absolviert sie einen Test, der festlegen soll, mit welcher der fünf Fraktionen, in die die Gesellschaft unterteilt ist, sie am ehesten konform geht: Dauntless, Abnegation, Candor, Erudite oder Amity. Doch Tris‘ Testergebnis ist nicht eindeutig; es stellt sich heraus, dass sie „divergent“ ist. Sie wird davor gewarnt, dieses Resultat jemals jemandem mitzuteilen und entscheidet sich für einen Fraktionswechsel. Sie wird eine Initiantin der Dauntless und verlässt ihre Abnegation – Familie. In ihrer neuen Fraktion muss Tris nun drei Phasen der Initiation durchlaufen, an deren Ende sie entweder zu einem vollwertigen Mitglied wird oder fraktionslos ist. Während sie mit der Überwindung ihrer Ängste kämpft, findet sie heraus, dass hinter der Tatsache, dass sie „divergent“ ist, mehr steckt, als sie dachte. Ein gefährliches Geheimnis umringt diese Eigenschaft, das scheinbar mit den politischen Beziehungen zwischen den Fraktionen zusammenhängt. Tris versucht das Rätsel zu lösen und deckt dabei eine haarsträubende Intrige auf.

Was mir als Erstes in „Divergent“ auffiel, war, dass die Geschichte dieser Trilogie wohl von Anfang an auf mehrere Bände ausgelegt war. Veronica Roth lässt sich dementsprechend im ersten Band viel Zeit, bevor die Handlung wirklich Fahrt aufnimmt. In einem angenehm ruhigen Erzählstil vermittelt sie ihren LeserInnen erst einmal einen Eindruck von Tris‘ Charakter und den Umständen in den Fraktionen, wobei die Dauntless natürlich im Fokus stehen. Mir gefiel das sehr gut, obwohl es ein wenig Geduld und Vertrauen erfordert, für die ich meiner Meinung nach aber belohnt wurde, denn in der zweiten Hälfte des Buches steigt der Spannungsbogen rasant an.
Die Idee der Fraktionen an sich fand ich sehr interessant; ich habe jedoch eine Weile gebraucht, um eine Theorie zu entwickeln, die den Gedanken hinter diesem System möglicherweise erklären kann. Ich glaube, Veronica Roth wollte durch die Fraktionen verdeutlichen, wie sehr Menschen dazu neigen, zu kategorisieren und wie unsinnig diese Tendenz im Grunde ist, da Menschen oft viel facettenreicher und vielschichtiger sind, als dass ein System wie das des „Divergent“ – Universums es erfassen könnte. Dafür spricht unter anderem auch Tris‘ Entwicklung, denn sie erkennt im Laufe ihrer Erfahrungen bei den Dauntless, dass Mut, Intelligenz, Ehrlichkeit, Freundschaft und Selbstlosigkeit viel dichter bei einander liegen, als es ihr beigebracht wurde und dass keiner dieser Werte einen anderen ausschließt. Ihr eigener Status als „divergent“ ist in diesem Sinne eine Kritik am gesamten herrschenden Gesellschaftssystem in der Trilogie, denn sie führt den Anspruch der Kategorisierung ad absurdum. So sehr mir die Idee der Fraktionen gefällt, kritisieren muss ich trotzdem die Erklärung, warum diese sich überhaupt gebildet haben. Laut dieser ging es den Fraktionen darum, die eine Eigenschaft zu bekämpfen, die sie jeweils als Geißel der Menschheit ansehen. Bei Dauntless ist das beispielsweise Feigheit, bei Abnegation Egoismus. Das ist in meinen Augen unlogisch. Eine zwangsmäßige Arbeitsaufteilung, aus der sich fraktionstypische Werte entwickelt hätten, wäre wesentlich überzeugender. Insgesamt bin ich noch nicht zufrieden mit den Hintergründen von Roth‘ Dystopie. Bisher fehlt jegliche Erläuterung, wie es zu den aktuellen Umständen kam; ich bin jedoch zuversichtlich, dass diese noch folgt.
Bei „Divergent“ handelt es sich im Untergenre um einen Vertreter der Young Adult Literatur, es ist daher nicht verwunderlich, dass die Charaktere leicht stereotype Eigenschaften und Verhaltensweisen aufweisen. Ich finde jedoch, dass Roth sich erfolgreich bemüht hat, diese nicht zu klischeehaft werden zu lassen, indem sie sie mit immer neuen Herausforderungen konfrontiert. Unvermeidlich war sicher auch die Liebesgeschichte zwischen Tris‘ und Four; ich muss hier aber gestehen, dass ich diese Form jugendlicher Romantik wirklich mag, weil sie so unschuldig und rein ist.

„Divergent“ ist meines Erachtens nach ein starker Start in eine spannende Dystopie – Trilogie, die neben bereits bekannten Elementen einige neue Ideen aufweist. Ich hoffe darauf, dass im Laufe der nächsten beiden Bände offene Fragen geklärt werden; vor allem, was es mit der Eigenschaft „divergent“ wirklich auf sich hat, denn bis jetzt erscheint mir Roth‘ Auslegung unvollständig.
Ich denke, „Divergent“ ist eine Lektüre für LeserInnen, die sowohl Dystopien als auch Young Adult Literatur mögen und ein wenig Geduld aufbringen können, da nicht alle losen Fäden sofort zusammen geführt werden.

(Nächster Band: Divergent #2 – „Insurgent“ – Veronica Roth – ISBN: 0007442912)

 
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Verfasst von - 15. April 2014 in Dystopie, Science-Fiction, Young Adult

 

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Kim Harrison – Blutkind

„Blutkind“

blutkind

Reihe: Rachel Morgan / The Hollows #7

Originaltitel: White Witch, Black Curse

Autor: Kim Harrison

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 784 Seiten

Verlag: Heyne

Sprache: Deutsch

ISBN: 3453533526

Genre: Fantasy > Urban Fantasy

ausgelesen am: 11.04.2014

Bewertung:

Nachdem ich mit „Vampirmelodie“ das Finale der Sookie – Stackhouse – Reihe von Charlaine Harris gelesen hatte, beschlich mich das Gefühl, unbedingt einen Band aus einer anderen Reihe lesen zu müssen, um Charakteren zu begegnen, die ich schon kannte und die mich den Abschiedsschmerz vergessen lassen. Die Rachel – Morgan – bzw. The – Hollows – Serie von Kim Harrison kam mir da nur recht. Als ich 2012 mit dem ersten Band „Blutspur“ begann, hatte ich noch ein paar Probleme mit Rachel, weil sie eine vergleichsweise anstrengende Protagonistin ist, doch ich las weiter und das zahlte sich aus. Trotzdem konnte ich die Reihe nicht am Stück lesen, da ich nach sechs Bänden erst einmal genug von Rachel und ihrem Universum hatte. Nun stieg ich also nach einer kurzen Rekapitulation der vergangenen Handlungsstränge bei Band 7 „Blutkind“ wieder ein.

In diesem schlittert Rachel wie üblich an der Seite ihrer Mitbewohner Ivy und Jenks von einer Katastrophe zur nächsten. Glenn, der Sohn des FIB – Captains, wurde Opfer eines brutalen Angriffs; nach der Untersuchung des Tatorts deutet alles darauf hin, dass eine Banshee in die Tat verwickelt ist; eine Inderlander – Spezies, die sogar der abgebrühten Hexe Rachel eine gehörige Portion Angst einjagt. Trotz dessen macht sie sich auf die Suche nach ihr, denn eine außer Kontrolle geratene Banshee bedeutet eine Gefahr für Cincinnatis gesamte Bevölkerung. Darüber hinaus kämpft Rachel noch immer mit dem Tod ihres Freundes Kisten, dessen Mörder auch nach sechs Monaten unauffindbar bleibt. So muss die taffe Hexe wieder einmal mit vielen Bällen gleichzeitig jonglieren und riskiert damit ein ums andere Mal ihr Leben.

Eins möchte ich direkt klarstellen: ich mag die Rachel – Morgan – Serie. Wirklich. Obwohl Rachel ein schwieriger Charakter ist; ungeduldig, aufbrausend und unheimlich leicht reizbar. Sie verliert extrem schnell die Fassung und kann selten über etwas hinwegsehen, ihr fehlt Gelassenheit. Aber genau diese Eigenschaften sind es auch, die ich an ihr mag. Urban Fantasy Heldinnen neigen oft dazu, sich auch in Extremsituationen gut unter Kontrolle zu haben, doch auf Rachel trifft das nicht zu. Wenn sie wütend wird, wird sie regelrecht fuchsteufelswild und verhält sich dann auch mal unüberlegt und emotionsgeladen. Sie trägt ihr Herz auf der Zunge und ich finde, dadurch wirkt sie real und echt.
Doch leider ist mir in „Blutkind“ ein gravierendes Problem aufgefallen: meines Erachtens nach sind Kim Harrisons wunderbare Ideen mittlerweile größer als ihr Können. Ihre Fantasie übersteigt ihre Fähigkeiten. Ich konnte erkennen, was Harrison erreichen wollte, doch aufgrund der mangelhaften sprachlichen Umsetzung wirkte ihre Handlungslinie teilweise ungelenk und wirr, obwohl diese in der Basis spannend und actiongeladen ist. Es war, als würde ich einer Freundin zuhören, die mir eine komplizierte Geschichte von Menschen erzählt, die ich nicht kenne; ich versuchte zu folgen, hatte aber Schwierigkeiten, da Harrison ab und zu Gedankensprünge macht und mir das Gefühl vermittelte, nicht zu wissen, worauf sie sich bezieht. Sie versuchte, elegant Erklärungen einfließen zu lassen, doch das gelingt ihr einfach nicht problemlos. Ich musste für „Blutkind“ Geduld aufbringen und mir bestimmte Zusammenhänge selbst zusammenreimen. Ich möchte nicht ausschließen, dass dies auch der deutschen Übersetzung geschuldet ist, aber ich bezweifle, dass das der einzige Grund ist.
Interessant fand ich hingegen, dass Kim Harrison nicht auf die traditionelle Beschreibung einer Banshee zurückgegriffen hat. Sie gab der Spezies eine ganz eigene Interpretation; in ihrer Vorstellung sind Banshees keine Todesomen, sondern eine Art Gefühlsvampire. Es gibt aus Harrisons Feder eine Kurzgeschichte namens „Schmutzige Magie“ (in meiner Ausgabe von „Blutkind“ als Bonusmaterial enthalten), die einen intensivieren Einblick in das Leben einer Banshee bietet und die ich interessierten LeserInnen wirklich an Herz legen möchte, da sie die etwas einseitige Betrachtung der Antagonistin aus „Blutkind“ relativiert.

Der siebte Band der Rachel – Morgan – Reihe wird mich trotz meiner Kritik bezüglich der Erzählweise nicht davon abhalten, weiterhin Abenteuer mit Rachel zu erleben. Dafür finde ich sie einfach zu erfrischend. Allerdings werde ich meine Erwartungen hinsichtlich sprachlicher Eleganz definitiv herunter schrauben. Ich kann meinen LeserInnen nur raten, es mir gleich zu tun, denn die Romane rund um die Hexe sind wirklich aufregend und stellen solide Unterhaltungsliteratur dar, die (zumindest bei mir) durchaus eine emotionale Resonanz erzeugen. Es wäre einfach zu schade, auf die Welt der Hollows zu verzichten und Kim Harrisons Ideen keine weitere Chance zu geben.

(Nächster Band: Rachel Morgan / The Hollows #8 – „Bluteid“ – Kim Harrison – ISBN: 345352750X)

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 14. April 2014 in Fantasy, Rezension, Urban Fantasy

 

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Charlaine Harris – Vampirmelodie

„Vampirmelodie“

Vampirmelodie

Reihe: Sookie Stackhouse #13

Originaltitel: Dead Ever After

Autor: Charlaine Harris

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 384

Verlag: dtv

Sprache: Deutsch

ISBN: 3423215003

Genre: Fantasy > Urban Fantasy

ausgelesen am: 08.04.2014

Bewertung:

Sookie Stackhouse war nach Anita Blake erst meine zweite Urban Fantasy Heldin. Meine Güte, was war ich positiv überrascht. Mir war nicht klar, dass es weder Anitas Härte noch ihre Skrupellosigkeit braucht, um einen guten Urban Fantasy Roman zu schreiben. Sookie, die gedankenlesende Kellnerin aus Bon Temps, Louisiana lehrte mich, dass sich auch eine warmherzige, fröhliche und etwas naive Protagonistin in der Welt der Supras behaupten kann. Die Autorin Charlaine Harris zeigte mir, dass es so etwas wie ein Spektrum der Urban Fantasy Heldinnen gibt, auf dessen Skala Anita das eine Ende darstellt und Sookie das andere. Folglich begleitete ich Sookie eifrig und erlebte mit ihr Abenteuer, die sowohl aufregend und gefährlich als auch witzig waren.

„Vampirmelodie“ ist nach 14 Jahren nun das fulminante Finale der Serie. Nachdem Sookie im vorangegangenen Band das Cluviel Dor, das ihr von ihrer Großmutter hinterlassen wurde, opferte, um Sam nach einem brutalen Kampf ins Leben zurückzuholen, herrscht zwischen ihr und ihrem vampirischen Freund Eric dicke Luft. Doch damit nicht genug, wird vor dem Merlotte’s die Leiche von Sookies ehemaliger Freundin Arlene entdeckt und alle Indizien deuten darauf hin, dass Sookie selbst den Mord begangen hat. Im Folgenden muss Sookie alles daran setzen, sich von dem Verdacht zu befreien und deckt dabei einen perfiden Rachefeldzug gegen sie auf…

Band 13 der Sookie – Stackhouse – Reihe verdient meines Erachtens nach ohne weiteres eine 5 – Sterne – Bewertung aufgrund Charlaine Harris‘ unglaublichem Mut, die Serie enden zu lassen. Es gehört viel dazu, sich nach 14 Jahren von einer Protagonistin und ihrem Universum zu verabschieden und sie endlich ein friedfertiges, glückliches Leben führen zu lassen. Diese Courage nötigt mir großen Respekt ab und überzeugt mich davon, dass Sookie für Harris auf gewisse Weise zu einer Freundin geworden ist, der sie nur das Beste wünscht. Natürlich war ich traurig, die gedankenlesende Kellnerin nun gehen lassen zu müssen, aber ich halte es für die richtige Entscheidung. Außerdem empfand ich Harris‘ Finale als absolut angemessen und würdig, was für mich den Abschied leichter gestaltete. Die Handlung ist gewohnt spannend und mitreißend, wobei ich es sehr erfrischend fand, dass die Vampire eine eher untergeordnete Rolle spielten. Sookies Leben steht komplett im Fokus; sie stellt sich die Frage, wie ihre Zukunft aussehen soll und erkennt, dass diese nicht auf ewig von vampirischer Politik bestimmt sein darf. Dementsprechend fand ich auch, dass Sookie sich in „Vampirmelodie“ recht erwachsenen verhält und wesentliche Entscheidungen weniger impulsiv fällt. Obwohl sie weiterhin eine Figur ist, die eher auf ihr Bauchgefühl hört, als rationalen Pragmatismus dominieren zu lassen, hatte ich durchaus das Gefühl, dass Sookie eine überzeugende Entwicklung durchgemacht hat, die natürlich auch mit dem Finale der Serie nicht abgeschlossen ist.
Darüber hinaus war ich sehr beeindruckt, dass Charlaine Harris tatsächlich eine Möglichkeit gefunden hat, alle relevanten noch lebenden oder zumindest untoten Charaktere der Reihe noch einmal auftreten zu lassen und so ein Ende zu schaffen, das allen gerecht wird.

Sookie Stackhouse wird in meinem Bücher – Herzen immer einen Platz haben und ich werde mir auf jeden Fall die Zeit nehmen, die komplette Serie noch einmal am Stück zu lesen. Ich gönne Sookie ein glückliches Leben und so verabschiede ich mich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Sie hat nun endlich ihren Platz in der Welt gefunden; hat erkannt, wer sie ist und dass sie nicht allein gegen die Widrigkeiten ihrer Existenz kämpfen muss.
Meines Erachtens nach sollten alle LeserInnen, die Sookies Entwicklung über die Jahre hinweg verfolgt haben, dieses großartige Finale ebenfalls lesen und erfahren, dass sie nun endgültig angekommen ist, denn nichts geringeres verdient sie.

 
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Verfasst von - 12. April 2014 in Fantasy, Rezension, Urban Fantasy

 

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Tom Wolfe – Ich bin Charlotte Simmons

„Ich bin Charlotte Simmons“

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Originaltitel: I am Charlotte Simmons

Autor: Tom Wolfe

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 960

Verlag: Heyne

Sprache: Deutsch

ISBN: 3453405064

Genre: Realistische Fiktion

ausgelesen am: 07.04.2014

Bewertung:

Der amerikanische Autor Tom Wolfe ist eher für seine zahlreichen Reportagen und Essays bekannt als für seine Romane. Das ist nicht verwunderlich, gehört er doch zu den Mitbegründern des New Journalism der 60er Jahre, neben so schillernden Persönlichkeiten wie Norman Mailer und Hunter S. Thompson. Wolfe hat in seiner literarischen Laufbahn bis heute nur vier Romane verfasst; „Ich bin Charlotte Simmons“ stellt hierbei das dritte rein fiktionale Werk dar und erschien 2004.

Der Roman ist die Geschichte eines jungen Mädchens vom Lande, das sich in der ordinären, vulgären Welt der weltberühmten (und fiktionalen) Dupont Universität in Pennsylvania zu behaupten versucht. Charlotte erlebt einen Kulturschock allererster Güte, muss sie doch feststellen, dass sie mit ihren christlichen Werten wie Enthaltsamkeit ziemlich allein dasteht. Während ihrer Bemühungen, sich in einem für sie akzeptablen Maße zu integrieren, umwerben sie drei äußerst verschiedene junge Männer: Hoyt Thorpe, der vermutlich coolste Student auf dem ganzen Campus; Adam Gellin, der sich als intellektuelle Speerspitze der Universität versteht und der Basketballstar Joseph „JoJo“ J. Johanssen. Charlotte muss sich entscheiden, doch ihre Wahl fällt auf den Falschen, was die junge Frau in eine tiefe Depression stürzt. Kann Charlotte in den Scherben ihres Ichs einen letzten Rest Kampfeswillen auftreiben, um in Dupont endlich ihren Platz zu finden?

Tom Wolfe bemüht sich um eine sehr detaillierte Erzählweise und gibt den Ereignissen im Leben der Charlotte Simmons und ihren Verehrern viel Raum, um sich zu entwickeln. Dabei entstand eine meines Erachtens nach realistische Schilderung des amerikanischen Universitätslebens, allerdings kann ich als deutsche Studentin natürlich nur ein begrenztes Urteil abgeben. Besser abschätzen lässt sich für mich die Denkweise moderner Jugendlicher an der Schwelle zu Erwachsenen; diesbezüglich war ich zutiefst beeindruckt von Wolfes Einfühlungsvermögen, denn die Darstellung der „Was kostet die Welt?“ – Einstellung selbiger gelang dem 1931 geborenen Autor hervorragend. Für seine Figuren konnte mir Tom Wolfe kein konkretes visuelles Bild vermitteln, in meiner Vorstellung blieben diese äußerlich verschwommen. Überraschenderweise störte mich dies allerdings überhaupt nicht, da meine bildliche Vorstellung von einem sehr greifbaren Gefühl für sie ersetzt wurde und ich mich trotzdem in sie hineinversetzen konnte.
Die Identifikation mit Charlotte fiel mir am schwersten, was vermutlich daran liegt, dass mein eigener Charakter sich von ihrem so massiv unterscheidet. In meinen Augen empfindet Charlotte oft paradox. Einerseits ist sie selbstgerecht und arrogant, sie bildet sich unglaublich viel auf ihren Intellekt ein und fühlt sich prinzipiell allen anderen überlegen. Andererseits ist ihr durchaus bewusst, dass sie aufgrund ihrer Erziehung altmodisch und verklemmt ist und möchte unbedingt dazugehören. Sie ist besessen von der Meinung anderer über sie und ist trotz ihres Selbstbewusstseins hinsichtlich ihrer Intelligenz nicht in der Lage, mutig die Unterschiede zu anderen StudentInnen auszuleben. Während ihrer Depression empfand ich sie als unerträglich, da sie in dieser Zeit paranoid auf mich wirkte und sie sich im Selbstmitleid suhlte. Die Eigenschaft, die sie meiner Meinung nach am deutlichsten auszeichnet, ist ihre Unfähigkeit zu entscheiden, was sie eigentlich will. Dadurch ist sie nie zufrieden, nicht einmal am Ende des Buches.
Die jungen Männer in Charlottes Leben sind in all ihrer Unterschiedlichkeit brillant gezeichnet. Ihre Charaktere sind so deutlich ausgearbeitet, dass Wolfes LeserInnen schon weit vor Charlotte wissen, welcher die falsche Wahl sein wird, die ihr das Leben schwer macht. Erstaunlich sind auch die Parallelen zwischen Hoyt und Adam, die, obwohl sie völlig verschiedene Ansprüche und Motive haben, beide unverbesserliche Aufschneider sind. Für mich stach JoJo leuchtend heraus, da er auf seine ganz eigene Weise kindlich naiv und unschuldig ist und darüber hinaus tiefe Einblicke in das System des amerikanischen Hochschulsports bietet. Er ist der einzige, der Charlotte nicht zu beeindrucken versuchte und dafür liebte ich ihn.
Zusätzlich sei noch gesagt, dass Wolfe auch den vielen Neben- und Randfiguren seiner Geschichte liebevoll Leben und Charakter eingehaucht hat. Ich möchte interessierte LeserInnen bitten, besonders mit Camille Geduld zu haben, denn keine andere Figur spricht so schöne Beleidigungen aus wie sie.

Tom Wolfe hat mich mit „Ich bin Charlotte Simmons“ definitiv von seinem Können überzeugt; dieses Einzelwerk funktionierte für mich als Annährung an den Autor sehr gut. Charlottes Geschichte ist eine eindringliche, bissige Schilderung der Zustände an amerikanischen (Elite-) Universitäten, in der sich amerikanische Studenten sicherlich wiederfinden können. Mir gefiel die Lektüre gut, allerdings hindert mich meine persönliche Distanz zu Charlotte an einer besseren Bewertung des Buches. Die 3 – Sterne – Bewertung darf folglich nicht als Kritik am Autor und seinem Werk aufgefasst werden, sondern als Ausdruck meines Befremdens bezüglich der Protagonistin.
Ich denke, Tom Wolfes Roman ist vor allem etwas für LeserInnen, die selbst studieren und für bereits der Pubertät Entwachsene, die sich noch einmal an jugendliches Denken zurück erinnern möchten, mit all seiner Oberflächlichkeit, Lebenslust und Verunsicherung.

 
2 Kommentare

Verfasst von - 8. April 2014 in Realistische Fiktion

 

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Natasha Walter – Living Dolls

„Living Dolls: Warum junge Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen“

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Originaltitel: Living Dolls: The Return of Sexism

Autor: Natasha Walter

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 336

Verlag: Fischer

Sprache: Deutsch

ISBN: 3596189969

Genre: Non-Fiction > Feminismus & Gender

ausgelesen am: 01.04.2014

Bewertung:

Ich interessiere mich nun schon seit längerer Zeit für Feminismus, Sexismus, Gender Studies und alles, was mit der Gleichstellung der Geschlechter im weitesten Sinne zu tun hat. Und ja, ich würde mich durchaus als Feministin bezeichnen, denn beginnt Feminismus nicht genau dann, wenn man erkennt, dass ein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern besteht und sich nicht damit abfinden möchte? Trotzdem stehe ich noch ganz am Anfang, ich lerne erst noch verschiedene feministische Ansätze kennen, die meiner eigenen Meinung mal mehr, mal weniger entsprechen.
„Living Dolls“ ist mein erstes eindeutig feministisches Buch, bisher habe ich mich eher auf Artikel und/oder Blog-Einträge verlassen; am Ende dieses Beitrags findet ihr ein paar Links zu Websites und Blogs, die ich euch sehr empfehlen kann, wenn ich ihr euch ebenso wie ich für dieses Thema interessiert. Ich bin mir nicht mehr sicher, wie ich über Natasha Walters Analyse des aktuellen wiederkehrenden Sexismus unserer Gesellschaft gestolpert bin, aber ich weiß noch ganz genau, dass der deutsche Titel (obwohl er eher unglücklich gewählt ist, vergleicht man ihn mit dem Originaltitel) eine Fragestellung ansprach, die mir schon lange Kopfzerbrechen bereitete. Um es mit den Worten der Sängerin P!NK zu sagen: „What happened to the dreams of a girl president?“ (Zitiert aus: P!NK, “Stupid Girls“).

Die Journalistin Natasha Walter hat viel Zeit und Recherche aufgewendet, um diese Frage zu beantworten. Ihrer Ansicht nach ist die Problematik darin begründet, dass die feministische Revolution feststeckt, denn nach den Erfolgen der ersten und zweiten feministischen Welle, die für eine höhere Emanzipation der Frauen sorgten, wurde dieses Konzept von unserer Gesellschaft (vor allem von der Wirtschaft, Stichwort Werbebranche) in eine beängstigend sexualisierende Richtung gedrängt. Somit wird jungen Frauen heute vermittelt, mit der Zurschaustellung ihres Körpers könnten sie sehr schnell sehr erfolgreich werden; die Degradierung vom Subjekt zum Objekt sei ein sicheres Erfolgsrezept. Gerechtfertigt wird dies regelmäßig mit der Entscheidungsfreiheit: Frauen würden dies ja freiwillig tun, niemand würde sie zwingen. Natasha Walter zeigt jedoch auf, dass diese Entscheidungsfreiheit oft eine Illusion ist. Wie frei kann eine Frau noch entscheiden, sich auf ihre Körperlichkeit reduzieren zu lassen, wenn sie kaum andere Chancen für sich sieht, einen bestimmten Status zu erreichen? Dementsprechend ist unsere ihres Erachtens nach hypersexualisierte Kultur lange nicht so gleichberechtigt, wie wir es uns gern einreden und einreden lassen, denn die „umfassende Sexualisierung von Frauen in der Öffentlichkeit [behindert] ihre Emanzipation.“[1] Begünstigt wird dieses Ungleichgewicht durch den wiedererstarkenden biologischen Determinismus, der davon ausgeht, dass es eben einfach biologische Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt, gegen die unsereins nicht ankommt. Walter argumentiert gegen eine rein biologische Analyse der Geschlechter und kritisiert, dass Studien, die diese Motivation auszeichnet, oft soziale, kulturelle Faktoren nicht beachten. Darüber hinaus betont sie, dass die Forschungsergebnisse aus den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen weit weniger eindeutig sind, als es uns vor allem die Medien gern weismachen möchten.

„Living Dolls“ hat mir ausnehmend gut gefallen. Besonders beeindruckt war ich davon, dass Natasha Walter ihre Kritik niemals an die Personen richtet, die in unserer ungleichen Gesellschaft leben (müssen), sondern immer an das System, das dahinter steckt. Sie verurteilt keine einzige Frau, die sich für Geld auszieht; sie verurteilt keine einzige Mutter, die sich entschieden hat, daheim für die Kinder zu sorgen; doch sie verurteilt das System, das Frauen in die eine oder andere Rolle drängt. Sie ruft ihre LeserInnen auf, kritischer mit den Lebensumständen von Frauen umzugehen, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken und zu erkennen, dass das Weibliche noch immer in einen Käfig aus Stereotypen gesteckt wird und dies darüber hinaus auch auf Männer zutrifft. Sie verlangt nach einer Gesellschaft, in der wir wahrhaft frei entscheiden können, wie wir unser Leben gestalten möchten, unabhängig vom Geschlecht. Natasha Walter gehört nicht zu den Feministinnen, die prinzipiell alles Männliche verdammen; müsste ich ihre Position mit zwei Worten beschreiben, würde ich sie als solidarisch – humanistisch bezeichnen. Sie sucht die Fehler unserer Gesellschaft nicht in einem bestimmten Teil selbiger, sondern in ihr als Ganzes, mit all den komplexen Prozessen, die sie ausmacht.

„Living Dolls“ passt ausnehmend gut zu der Mission, die ich mir selbst auch auf die Fahnen geschrieben habe: Sensibilisierung für (Alltags–) Sexismus. Auf der Rückseite meiner Ausgabe steht folgender Kommentar aus Psychologie heute: „Ein kluges und wichtiges Buch.“
Ich kann dieses Urteil voll und ganz und ohne zu zögern unterschreiben. Ich möchte „Living Dolls“ allen meinen LeserInnen empfehlen, denn es betrifft uns alle. Wir alle sollten reflektierter darüber nachdenken, wie wir uns im Alltag verhalten und wie wir durch die Öffentlichkeit manipuliert werden, überholte Stereotype immer und immer wieder zu reproduzieren. Persönlich hat mir „Living Dolls“ die Argumente geliefert, die ich meinem eigenen Empfinden nach so dringend brauchte, um biologisch – deterministischen Ansichten entgegen zu treten. Ich möchte interessierten LeserInnen unbedingt dazu raten, auch die Anmerkungen und Quellen des Buches gewissenhaft durchzuarbeiten, da hier einige faszinierende Studien und Artikel verzeichnet sind, die noch tiefer in die Materie eintauchen.


[1] Natasha Walter: Living Dolls – Warum junge Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen. Frankfurt am Main (Fischer) 2012, S. 261


Links zur Thematik:

Mädchenmannschaft

mädchenblog

Die Featurette

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