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Archiv für den Monat März 2014

Christoph Marzi – Grimm

„Grimm“

Grimm - Christoph Marzi

Autor: Christoph Marzi

Format: Hardcover

Seitenzahl: 560

Verlag: Heyne

Sprache: Deutsch

ISBN: 3453266617

Genre: Fantasy > Urban Fantasy & Märchen

ausgelesen am: 30.03.2014

Bewertung:

Ich kann mir vorstellen, dass es für einige meiner LeserInnen sonderbar wirkt, dass ich für diesen Beitrag eine neue Kategorie hinzugefügt habe, die Kategorie „Märchen“. Dieses Genre ist eines der ganz wenigen, das für mich nicht der gängigen, offiziellen Definition folgt, sondern eine rein emotionale Klassifizierung darstellt. Der Begriff der Fantasy ist in meinen Augen für bestimmte Bücher nicht ausreichend. Märchen sind für mich weit mehr als nur Fantasy, sie sind eine Form der Literatur, die eine bestimmte gefühlsmäßige Resonanz bei mir erzeugt. Entdecke ich bei mir diese Reaktion, die ich mangels eines besseren Ausdrucks „Bezauberung“ nennen möchte, betrachte ich die Lektüre als Vertreter des Märchen – Genres. Dementsprechend ist meine Kategorie „Märchen“ vermutlich weitgefasster, als generell angenommen wird. Ich zähle die üblichen bekannten Erzählungen hinzu, aber eben auch Romane wie „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ von Walter Moers oder Brandon Mulls „Fabelheim“ – Reihe.

Warum Christoph Marzis „Grimm“ meines Erachtens nach ebenfalls ein Märchen ist, wird anhand des Inhalts schnell klar: Vesper Gold ist 17 Jahre alt, als sich ihr Leben und die Welt von heute auf morgen radikal verändern. Sie muss erfahren, dass ihr Vater eines rätselhaften Todes gestorben ist; kurz darauf verscheidet ihre Mutter ebenso mysteriös. Die beiden Todesfälle werden von seltsamen Begebenheiten begleitet; es scheint, als wären die Märchen aus Vespers Kindheit lebendig und real geworden. Wölfe werden in Großstädten gesichtet, Kinder fallen überall in Europa zeitgleich in einen tiefen Schlaf und immer wieder tauchen Wesen auf, die es eigentlich nicht geben sollte. Die Welt steht Kopf und alles, was Vesper dem entgegen setzen kann, ist das Vermächtnis ihres Vaters: ein Ring mit einem grünen Stein und ein antiker Schlüssel, von dem Vesper nicht weiß, was er öffnet. Trotzdem begibt sie sich in ein fantastisches Abenteuer, das die Grenzen der Realität schwanken lässt und Vesper zeigt, dass in den Geschichten, denen sie als Kind so oft lauschte, eine andere Wahrheit steckt, als sie immer dachte.

Die Bewertung von „Grimm“ fiel mir recht schwer, da das Buch auf mich so unfertig wirkte. Zwar war ich wie üblich bezaubert von Marzis besonderem Erzählstil, der einerseits flüssig und andererseits poetisch ist, doch die Handlung wies meines Erachtens nach Defizite auf und gestaltete das Buch weniger märchenhaft, als ich erwartet hätte.
Marzi strickt seine Geschichte um eine Geheimgesellschaft herum, die „Bohemia“. Sie ist dementsprechend ein wirklich wichtiger Faktor des Romans, nur leider erfahren die LeserInnen von selbiger reichlich wenig. Es gibt eine Szene, in der Vesper und LeserInnen kurz davor stehen, die Geheimnisse der „Bohemia“ aufzudecken, der Autor bricht diese Szene jedoch kurzer Hand ab und ersetzt sie später durch eine enttäuschend bruchstückhafte Erklärung. Er eliminiert zielsicher alle Figuren, die den LeserInnen einen echten Bezug zu dem Geheimbund hätten verschaffen können. Was bleibt, ist das Gefühl, unwissend durch den ganzen Roman zu stolpern; Hand in Hand mit der Protagonistin.
Darüber hinaus bringt Marzi zwar den Mut auf, eine seiner Hauptfiguren sterben zu lassen, was mir gefiel, allerdings stimmte mich dieser Todesfall keineswegs traurig – ein wirklich schlechtes Zeichen, da es bedeutet, dass er mich nicht ausreichend berührt hat. Ich schätze, das lag vor allem daran, dass dieses Ereignis am Ende des Buches eingebaut war, welches ich generell als absolut unbefriedigend empfand. Während der Rest der Lektüre oft langgezogen und unnötig aufgebauscht wirkte, sind die letzten 50 Seiten eine überhastete Abfertigung, die auf totale Gleichgültigkeit bezüglich des Spannungsbogens hindeutet.
Gleichermaßen schwierig gestaltet sich die Einschätzung der ProtagonistInnen. Vesper erschien mir zu Anfang des Buches als unerträgliche, verzogene Rotzgöre, gewann dann jedoch zunehmend meine Sympathie, weil sie sich – wie so oft – nicht ihrem Alter entsprechend verhält. Sie trägt Meinungen, Vorlieben und ein Verantwortungsbewusstsein zur Schau, das einer 17 – jährigen meines Erachtens nach nicht angemessen ist. Dadurch begann ich zwar einerseits, sie zu mögen, doch andererseits enttäuscht mich, dass Marzi offenbar nicht genug Einfühlungsvermögen besitzt, um eine Jugendliche realistisch darzustellen. Vespers männlicher Gegenpart Leander hingegen ist für mich noch immer ein verschwommenes Rätsel. Er war von der ersten Sekunde seines Auftretens an sympathisch; das Problem mit ihm besteht eher darin, dass er viel zu mangelhaft und abstrakt beschrieben ist. Ich konnte ihn mir äußerlich nicht vorstellen, ich konnte sein Verhalten nicht einschätzen und insgesamt konnte ich nicht das Gefühl entwickeln, ihn zu kennen.

Wenn ich ehrlich bin, fehlt es mir an jeglichem Verständnis für Christoph Marzis Entwicklung als Autor. Ich liebe seine Romane rund um die „Uralte Metropole“, doch seit diesen vier Büchern war ich bisher enttäuscht von seinem Schaffen. Das war bei „Fabula“ so, ebenfalls bei der Fortsetzung „Lyra“ und nun bei „Grimm“ erneut. All diese Romane wirkten unvollständig, als wäre die Geschichte nicht zu Ende erzählt worden, obwohl ich WEIß, dass er es eigentlich besser kann. Marzis große Stärke liegt noch immer im Aufbau der Atmosphäre – ich hatte während „Grimm“ oft das Gefühl, die salzige Meeresluft Hamburgs zu riechen oder den Schnee unter Vespers Schuhen knirschen zu hören – und seine Ideen sind einfach großartig. Aber bei der Umsetzung hapert es dermaßen, dass ich besorgt bin, dass ihm seine Muse abhandenkam.
Es ist schwer, für eine mittelprächtige Lektüre eine Empfehlung auszusprechen. Nach reichlicher Überlegung kam ich zu dem Schluss, dass „Grimm“ zum einen etwas für LeserInnen ist, die Marzis Arbeit verfolgen möchten und zum anderen nicht zu streng auf Spannungsbögen und Handlungsentwicklung schauen. Wer sich beim Lesen einfach nur treiben lassen und abschalten möchte, dem kann „Grimm“ sicher viel Spaß machen.

 
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Verfasst von - 31. März 2014 in Fantasy, Märchen, Rezension, Urban Fantasy

 

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Lauren Oliver – Panic

„Panic“

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Autor: Lauren Oliver

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 416

Verlag: HarperCollins

Sprache: Englisch

ISBN: 0062295144

Genre: Realistische Fiction > Young Adult & Thriller > Young Adult

ausgelesen am: 28.03.2014

Bewertung:

Lauren Oliver zählt zu meinen liebsten AutorInnen von Young Adult Romanen; ich verfolge ihr Schaffen recht aufmerksam. Meiner Auffassung nach kann sie sich unheimlich gut in die Gefühls- und Lebenswelten Jugendlicher hineinversetzen und diese den LeserInnen nachvollziehbar vermitteln. Bisher habe ich vier ihrer Romane mit Begeisterung gelesen: „Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ („Before I Fall“), welcher sich mit dem Tod und der Nachhaltigkeit unserer Handlungen auseinander setzt, sowie ihre dystopische „Delirium“ – Trilogie, die international viel positive Kritik erhalten hat. Als ihr neustes Werk „Panic“ angekündigt wurde, war es für mich keine Frage, dass ich dieses sofort auf meine Wunschliste setzen musste.

Panic ist ein Spiel. Ein Spiel, das sich gelangweilte Jugendliche der Kleinstadt Carp im Bundesstaat New York irgendwann ausdachten, um den Sommer herum zu bekommen. Wann und wer, das weiß niemand mehr. Die Teilnehmer müssen verschiedene furchteinflößende und gefährliche Aufgaben bewältigen; der Sieger bekommt eine enorm hohe Geldsumme, für die das ganze Schuljahr über gesammelt wird. Jeder kann teilnehmen, oder zumindest jeder, der in der Abschlussklasse ist. Heather Nill wollte eigentlich nicht mitspielen. Es war eine Kurzschlussentscheidung. Für den Außenseiter Dodge Mason hingegen stand schon lange fest, dass er teilnehmen würde. Im Verlauf des Spiels, das Stück für Stück immer mehr außer Kontrolle gerät, müssen die beiden lernen, dass es weit mehr Gründe gibt, bei Panic mitzumachen, als nur den schnöden Mammon. Jeder hat Geheimnisse; Panic bringt diese ans Licht.

„Panic“ ist eine wunderbare Geschichte von Angst und Mut. Sie verdeutlicht einmal mehr aufs Neue, dass Mut nicht die Abwesenheit von Angst ist, sondern zu handeln, OBWOHL man Angst hat. Das Spiel Panic fungiert hierbei eigentlich nur als Katalysator für das Potential, dass in den Protagonisten des Romans sowieso schon vorhanden war. Es schafft den Rahmen, um Heather und Dodge zu zeigen, dass in ihnen mehr steckt, als sie bis dahin annahmen. Auf diese Weise ist „Panic“ auch ein Roman über das Erwachsenwerden, ein perfekter Vertreter der Initiationsliteratur.
Die Idee des Spiels an sich mochte ich wirklich sehr, da diese so vorstellbar und realistisch ist. Wer hat nicht schon einmal einen Sommer verbracht, in dem man einfach nichts zu tun hatte, außer in den Tag hinein zu leben und sich fürchterlich zu langweilen? Außerdem beschleunigt es Heathers und Dodges Entwicklung fesselnd und mitreißend; die Ungewissheit von Panic, die dauerhafte Anspannung der Teilnehmer überträgt sich auch auf den Leser und schürt die Neugier, wissen zu wollen, was die nächste Aufgabe ist, wer sie besteht, wer scheitert und somit rausfliegt. Es erscheint unausweichlich, denn die Mitspieler brauchen Panic aus ganz unterschiedlichen Motiven. Es füllt eine entscheidende Lücke in dem Gefüge der Kleinstadt Carp.
Müsste ich die Hauptfigur des Romans benennen, würde ich ohne zu zögern Heather auswählen. Obwohl Lauren Oliver ihre Geschichte abwechselnd aus Heathers und Dodges Perspektive erzählt, liegt der Fokus doch eher auf der jungen Frau und weniger auf dem undurchsichtigen Außenseiter. Zwar fühlte ich mich Dodge sehr nahe, doch Heather nimmt das ganze Buch über mehr Raum ein, was die Bindung an sie intensiver gestaltet. Sie gefielen mir trotzdem beide, waren sympathische Protagonisten, die gut ausgearbeitet sind. Das Ende des Romans empfand ich hinsichtlich Dodge jedoch als etwas enttäuschend, denn Heather steht erneut im Mittelpunkt und die LeserInnen erfahren nichts über seine Zukunft. Diese Fixierung auf Heather wirkte sich leider auch auf die Nebencharaktere aus, die ein wenig blass blieben und über die ich gern mehr erfahren hätte. Besonders Heathers beste Freundin Natalie, die gleichermaßen an Panic teilnimmt, hätte meines Erachtens nach mehr Aufmerksamkeit verdient. Sie verfolgt ebenfalls eigene Ziele und schreckt nicht vor der Manipulation ihrer Freunde zurück, um diese zu erreichen; ihre emotionale Motivation für dieses Verhalten hätte mich brennend interessiert.

Mit „Panic“ konnte Lauen Oliver meine Meinung von ihr als sehr einfühlsame Young Adult Autorin erneut bestätigen. Sie neigt dazu, ihre Protagonisten in Extremsituationen zu katapultieren und kombiniert diese mit den alltäglichen Problemen des Erwachsenwerdens. Diese Mischung ist es, die mich immer wieder überzeugt; zusätzlich zu ihrem flüssigen, packenden Schreibstil. Ich kann „Panic“ guten Gewissens an alle Freunde des Genres empfehlen.
Olivers nächster Roman „Rooms“ wird laut Beschreibung eine Lektüre für Erwachsene mit übernatürlichen Elementen sein. Ich bin schon sehr gespannt, wie sich die Autorin schlagen wird, wenn sie sich an eine andere Zielgruppe wendet.

 

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Brian McClellan – Promise of Blood

„Promise of Blood“

The Powder Mage #1 - Promise of Blood - Brian McClellan

Reihe: The Powder Mage #1

Autor: Brian McClellan

Format: Hardcover

Seitenzahl: 545 Seiten

Verlag: Orbit

Sprache: Englisch

ISBN: 0316219037

Genre: Fantasy > Low Fantasy

ausgelesen am: 26.03.2014

Bewertung:

Ende letzten Jahres veranstaltete Goodreads die Reader’s Choice Awards, die LeserInnen konnten hierbei selbst entscheiden, welche Bücher des Jahres 2013 aus den verschiedensten Genres es verdienten, ausgezeichnet zu werden. Ich wollte mich an den Awards natürlich auch beteiligen; allerdings fiel mir das überraschender Weise schwer, da ich die meisten nominierten Bücher weder kannte noch gelesen hatte, denn zu großen Teilen handelte es sich dabei um Bücher, die auf dem deutschen Markt noch gar nicht erschienen waren. Auch hatte ich gerade erst begonnen, mir englische Originalversionen zuzulegen, daher war ich hauptsächlich ratlos, welcher Lektüre ich meine Stimme geben sollte. Stattdessen nutzte ich die Awards als übersichtliche Quelle für neuen Lesestoff. So stieß ich auf „Promise of Blood“ von Brian McClellan, das mich in erster Linie durch den Titel und das tolle Cover anzog.

„Promise of Blood“ ist der erste Band der ThePowderMage – Trilogie und spielt in dem postrevolutionären Land Adro. Es ist die Geschichte einer gestürzten Monarchie; ausgelöscht durch Feld Marschall und Pulver Magier Tamas, der sein Land davor bewahren möchte, zu einer Kolonie des Nachbarlandes Kez zu werden. Es ist auch die Geschichte eines drohenden Krieges, denn die Kez geben sich nicht damit zufrieden, dass ihre Pläne zur vertraglichen Übernahme Adros nun gescheitert sein sollen. Zu guter Letzt ist es eine Geschichte von rivalisierenden Formen der Magie und von Göttern, die auf Erden wandeln. Tamas bewegt sich in einem dichten Dickicht aus Intrigen, Lügen und Geheimnissen und muss herausfinden, was das Beste für seine Heimat ist, ohne über einen der vielen Steine in seinem Weg zu stolpern und somit sein Leben und die Zukunft Adros zu riskieren. Zur Seite stehen ihm dabei sein extrem talentierter Sohn Taniel, ebenfalls ein Pulver Magier, der an der Grenze zu Kez sein Land verteidigt und Jagd auf königstreue Zauberer macht und der ehemalige Polizist Adamat, der nun als privater Ermittler arbeitet und von Tamas beauftragt wurde, die Geheimnisse aufzudecken, die Tamas selbst nicht ans Licht bringen kann.

Wie ich schon sehr oft schrieb, bin ich immer begeistert, wenn mir AutorInnen begegnen, die neue, frische Ideen in ihren Romanen verarbeiten. Brian McClellan ist so ein Autor. Es beginnt schon damit, dass mir noch kein Fantasy Buch untergekommen ist, das direkt nach einem erfolgreichen Putsch beginnt. McClellan schafft damit eine Atmosphäre, die dem Leser vermittelt, nicht genau zu wissen, wie es jetzt weitergehen soll für Adro; eine Atmosphäre, die perfekt all die Ungewissheiten der Umbruchsstimmung erfasst. Dabei entstand eine hochpolitische Handlung, die sich meines Erachtens nach sehr dicht an der Realität bewegt. Es ist durchaus vorstellbar, dass in einer Situation wie der, in der sich Adro und Tamas als militärischer Führer des Lands befinden, tatsächlich jedes noch so kleine Detail oder Ereignis eine politische Sphäre bekommt. Darüber hinaus liebte ich das Netz aus Intrigen, das Brian McClellan seinen LeserInnen anbietet. Alles ist irgendwie miteinander verbunden; ich konnte keine losen Fäden entdecken.
Zusätzliche Würze erhält „Promise of Blood“ durch den Konflikt zwischen regulären Zauberern, die die Elemente beeinflussen können und den Pulver Magiern, deren Fähigkeiten sich auf Schießpulver beziehen. Letztere sind in der Lage, Schießpulver durch einen Gedanken zu entzünden, Kugeln in ihrer Flugbahn zu manipulieren und auch ansonsten einen erheblichen Einfluss auf Schusswaffen auszuüben, die mit Schießpulver funktionieren, was sie natürlich zu perfekten Soldaten und Attentätern macht. Diese Idee ist meinem Empfinden nach so anders und neu, dass ich gar nicht anders konnte, als McClellan dafür zu bewundern. Durch die beiden Gruppen Zauberkundiger sind exotischere Völker völlig überflüssig; „Promise of Blood“ braucht keine Zwerge, Elben oder ähnliches und ich bin froh, dass der Autor darauf verzichtete.
In der Konstruktion der Charaktere zeigte sich viel Liebe zum Detail; ich hatte das Gefühl, alle Figuren wirklich kennenzulernen, oder zumindest soweit, wie McClellan es bis zum Ende des ersten Bandes seiner Trilogie zuließ. Die zentrale Figur des Romans ist Feld Marschall Tamas; obwohl auch andere Figuren eine Rolle spielen (z.B. sein Sohn Taniel oder der Ermittler Adamat), bündeln sich bei ihm jegliche Erzählstränge. Es ist erstaunlich, dass Tamas sich zu einem so sympathischen Charakter entwickelt, denn zu Beginn des Buches erscheint er kalt und brutal, schließlich ist er derjenige, der den kompletten Adel Adros auslöscht.

Brian McClellan erscheint mir nach der Lektüre des ersten Bandes der ThePowderMage – Trilogie als äußerst innovativer und kontrollierter Autor, der eine sehr komplexe Handlung mit runden Charakteren kombiniert. Er überlässt nichts dem Zufall und überwacht alle Entwicklungen genauestens. Ich war von „Promise of Blood“ wirklich beeindruckt, obwohl es sich teilweise ein wenig zäh liest, was ich allerdings besagter Komplexität zuschreibe. Ich bin unheimlich gespannt, wie es weitergeht, der zweite Band „The Crimson Campaign“ soll im Mai dieses Jahres erscheinen. Ich empfehle den Trilogie – Auftakt allen LeserInnen, die ein Geflecht aus Intrigen lieben und in der Lage sind, auf den Autor zu vertrauen, dass er alle Erzählstränge aufklären und zusammen führen wird.

 
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Verfasst von - 27. März 2014 in Fantasy, Low Fantasy, Rezension

 

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Barb & J.C. Hendee – Halbblut

„Halbblut“

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Reihe: Dhampir #1

Originaltitel: Dhampir (The Noble Dead Saga #1)

Autor: Barb & J.C. Hendee

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 380

Verlag: Egmont LYX

Sprache: Deutsch

ISBN: 3802581458

Genre: Fantasy > Low Fantasy

ausgelesen am: 17.03.2014

Bewertung:

Die mythische Gestalt des Dhampirs entstammt der südosteuropäischen Folklore und bezeichnet das Kind eines Vampirs und eines Sterblichen. Meist bezieht sich die Vorstellung auf einen vampirischen Vater und eine menschliche Mutter. Dhampiren wird nachgesagt, geborene Vampirjäger zu sein und einige übernatürliche Fähigkeiten der vampirischen Linie zu besitzen, zu denen unter anderem zählt, Vampire trotz ihrer teils unsichtbaren Erscheinungsform sehen zu können, aber auch der Blutdurst. Diese Legende wurde von verschiedenen Autoren in der Fantasy Literatur verarbeitet; auch mir ist der Dhampir bereits in Markus Heitz‘ „Kinder des Judas“ begegnet.

Barb und J.C. Hendee widmeten der Legende des Dhampirs eine ganze Serie; wobei sich die Protagonistin Magiere im ersten Band „Halbblut“ noch nicht über ihr Erbe im Klaren ist. Zusammen mit ihrem Partner, dem Halbelfen Leesil, verdient sie sich ihren Lebensunterhalt damit, Dorfbewohnern eine erfolgreiche Vampirjagd vorzugaukeln und sie so um ihr sauer verdientes Geld zu betrügen. Nach sechs Jahren des „Spiels“ ist es Magiere jedoch leid, heimatlos durch die strawinischen Wälder zu ziehen und erwirbt in dem Hafenstädtchen Miiska eine Taverne, die sie gemeinsam mit Leesil führen möchte. Leider ist Miiska weit entfernt von der Idylle, die sich Magiere vorstellte; die Stadt wird von drei mächtigen Vampiren heimgesucht. Plötzlich wird aus dem „Spiel“ bitterer Ernst und Magiere entdeckt an sich und ihrem Partner Fähigkeiten, die sie nie für möglich gehalten hätte.

Ehrlich gesprochen bin ich enttäuscht vom ersten Band der Dhampir – Reihe. Ich hatte einen weit lockereren Roman erwartet, der den Umstand, dass aus Magieres und Leesils „Spiel“ nun Realität wurde, humoristischer verarbeitet und die Ironie dessen verdeutlicht. Leichtigkeit fehlt diesem Buch leider völlig, die Handlung wirkt konstant verbissen und betont ernst. Darüber hinaus entwickelt sich der Handlungsverlauf eher zäh; ich fühlte mich nicht abgeholt und musste mich zwingen, um weiterzulesen. Das stärkste Defizit wiesen für mich die Kampfszenen auf, diese erschienen mir oft wie vorzeitig abgebrochen. Dadurch entstand der Eindruck einer Reihe von kleineren Scharmützeln, die die Handlung unnötig in die Länge ziehen. Das zeugt meines Erachtens nach von Ideenarmut; statt Magiere und Leesil immer und immer wieder kämpfen zu lassen, hätten die Autoren der Handlung mehr Gehalt zugestehen sollen. Auch ist es ihnen nicht gelungen, die Absurdität des Kampfes zwischen Jägern und Vampiren an sich angemessen darzustellen. Beide Parteien wollen lediglich in Ruhe und Frieden leben; dafür sind sie bereit, sich gegenseitig auszulöschen, weil sie die Motive des Gegners falsch einschätzen. Diese erneute Ironie taucht nur am Rande der Erzählung auf, was mir persönlich zu schwach war. „Halbblut“ konnte sich zusätzlich auch nicht über die Charaktere retten. Magieres starke Abneigung gegen Aberglauben und ihr komplettes Unverständnis für die Ängste der einfachen Dorfbewohner hinterließen bei mir den schalen Geschmack ungerechtfertigter Arroganz. Gepaart mit ihrer andauernden Weigerung, ihre eigene Identität anzuerkennen und sich den Tatsachen zu stellen, resultierte das darin, dass ich immer wieder von ihr genervt war. Prinzipiell müssen Protagonisten natürlich nicht sympathisch sein, solange der Leser sich trotzdem mit ihnen identifizieren und in sie hinein versetzen kann. Für mich war das bei Magiere jedoch nicht möglich, sie blieb den ganzen Roman über distanziert und unnahbar, sowohl für den Leser als auch für die Bewohner von Miiska. Zwischenzeitlich fragte ich mich sogar, warum sie sich dort überhaupt niedergelassen hat, zeigte sie doch keinerlei Willen, sich richtig in die Gemeinschaft zu integrieren. Umso erstaunlicher fand ich dementsprechend ihre enge Freundschaft mit dem Halbelfen Leesil, der eine äußerst positive Überraschung darstellte. In diesem seltsamen Duo war Leesil derjenige, der meine Sympathien mit seiner sarkastischen, herzlichen und freundlichen Art wie ein Magnet anzog. Ihre Beziehung zu einander war für mich nicht nachvollziehbar; mir ist nicht klar, auf welcher Basis sie ihre Freundschaft aufbauen konnten, da sie im Grunde fast nichts voneinander wissen und sich auf den jeweils anderen scheinbar nie richtig eingelassen haben.

Das Fazit der Lektüre von „Halbblut“ besteht für mich darin, dass ich die Dhampir – Serie nicht weiter verfolgen werde. Zwar habe ich mir durchaus angesehen, worum es im nächsten Band „Seelendieb“ geht, die Beschreibung auf amazon konnte mich jedoch nicht überzeugen. Offenbar wird sich Magiere auch im zweiten Teil weiterhin weigern, ihr Erbe als Dhampir und Vampirjägerin anzunehmen; es wird wieder eine Vampirjagd geben. Ich befürchte, dass dort die gleichen Kritikpunkte erneut auftauchen: eine nervige Protagonistin, zu der ich als Leser keine echte Beziehung aufbauen kann und eine Menge kleiner überflüssiger Kämpfe, die eine eher schwache Handlung verdecken sollen. Ich möchte „Halbblut“ nicht weiterempfehlen, nutzt eure kostbare Lesezeit lieber für andere Bücher.

 

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Kathy Reichs – Der Tod kommt wie gerufen

„Der Tod kommt wie gerufen“

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Reihe: Temperance Brennan #11

Originaltitel: Devil Bones

Autor: Kathy Reichs

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 366

Verlag: Heyne

Sprache: Deutsch

ISBN: 3453434625

Genre: Krimi & Thriller

ausgelesen am: 11.03.2014

Bewertung:

In meinem letzten Beitrag zu „Knochen zu Asche“ von Kathy Reichs erteilte ich den Rat, zwischen zwei Bänden der Temperance – Brennan – Reihe einige Zeit verstreichen zu lassen, damit deren starres Gerüst nicht ins Gewicht fällt. Wie dieser Beitrag zeigt, habe ich mich ausnahmsweise nicht an meinen eigenen Rat gehalten und direkt begonnen, Band 11 zu lesen. Ich hatte einfach das Gefühl, mit Tempe noch nicht fertig zu sein und wollte einen weiteren ihrer spannenden Fälle kennenlernen. Es war eine impulsive Entscheidung, die ich zwar glücklicherweise nicht bereut habe, es zeigt sich aber deutlich, dass die zeitliche Nähe Auswirkungen auf meine Einschätzung des elften Bandes hat.

In „Der Tod kommt wie gerufen“ ist Tempe gezwungen, sich mit mehreren Morden in Charlotte, North Carolina, auseinander zu setzen, die allem Anschein nach Ritual – Charakter haben. Zuerst wird in einem Keller ein Altar entdeckt, zu dessen Bestandteilen menschliche sowie tierische Knochen gehören. Kurz darauf taucht an einem Strandabschnitt eine Leiche auf, in deren Haut satanische Symbole geritzt sind. Unglücklicherweise ist es weder Tempe noch den ermittelnden Polizisten möglich, die Funde vor der Presse geheim zu halten; so werden diese zu einem gefundenen Fressen für einen lokalen Politiker, der die Öffentlichkeit kurzerhand zu einer Hetzjagd auf die Täter aufruft. In der aufgeheizten Stimmung muss Tempe nun versuchen, den Opfern einen Namen zu geben und herauszufinden, wer die schrecklichen Taten begangen hat.

Ich werde mich hier nicht erneut zu den Charakteren äußern, da der Leser es mit denselben Protagonisten wie bereits zuvor zu tun bekommt und sich diese nicht verändert haben. Der Handlungsverlauf entspricht natürlich grob dem bereits genannten Rahmen, Tempe begibt sich durch die Ermittlungen erneut in Gefahr. Die Details der Handlung unterscheiden sich jedoch stark von „Knochen zu Asche“. Kathy Reichs streift in Band 11 der Temperance – Brennan – Serie mehrere alternative Religionen wie den Wicca – Kult, Santería und Palo Mayombe, was ich zwar als sehr interessant empfand, aber bei mir auch den Eindruck hinterließ, dass „Der Tod kommt wie gerufen“ weniger tief und detailliert ausgearbeitet ist als dessen Vorgänger. Reichs streift diese Religionen eben nur, statt intensiver auf sie einzugehen. Dem Hintergrundwissen gestattet sie zu wenig Raum; die Ermittlung ist wesentlich dominanter. Ich fand das schade, da sie an dieser Stelle einiges Potential verschenkt, das den Roman lehrreich hätte auflockern können. So empfand ich die Aufklärung der Fälle als etwas zu verbissen; eine Tendenz, zu der Tempe als Protagonistin ohnehin neigt. Diese Verbissenheit gipfelt in einer persönlichen Konfrontation zwischen ihr und dem Täter (damit verrate ich sicher nicht zu viel), die ich als völlig unnötig und überflüssig einschätzte. Ich wusste bereits vorher, dass es auf diese Situation hinauslaufen wird, einfach, weil Reichs ihre Romane immer auf diese Weise enden lässt, aber dieses Mal störte es mich. Der direkte Angriff auf Tempe war mir einfach zu weit hergeholt, genau wie ihre permanente Involvierung in die Ermittlungen. Wie stark die freundschaftlichen, kollegialen Bande zwischen ihr und den betreffenden Polizisten auch sein mögen, es erscheint mir nicht realistisch, dass eine forensische Anthropologin zu jeder Hausdurchsuchung und Befragung eingeladen wird. Sie ist eine Spezialistin ohne jegliche polizeiliche Ausbildung, ergo letztendlich auch nur eine Zivilistin, wie wahrscheinlich ist es dann, dass jeder Detective sie diskussionslos in Kontakt mit Verdächtigen kommen lässt? Ansonsten ist die Handlung natürlich spannend wie eh und je, auch das hatte ich nicht anders erwartet. Tempe bekommt von Reichs einige Male die Gelegenheit, ihre weniger angenehmen Charaktereigenschaften zu zeigen; Situationen, die ich persönlich sehr zu schätzen weiß, da sie die Protagonistin menschlich und real werden lassen. Ich bin stets begeistert, wenn Romanfiguren nicht perfekt sind, sondern auch Fehler haben.

Bis zum nächsten Band der Temperance – Brennan – Reihe werde ich definitiv wieder mehr Zeit verstreichen lassen. Die Ähnlichkeit der Entwicklungen zwischen den einzelnen Romanen ist meines Erachtens nach zu frappierend, als dass ich diese nach einer zeitnahen Lektüre einfach ignorieren könnte. Mein Urteil über „Der Tod kommt wie gerufen“ hat dementsprechend ein wenig darunter gelitten, dass ich direkt davor bereits „Knochen zu Asche“ gelesen habe. Es ist ein guter, solider Thriller, dessen Thematik ich an sich sehr genossen habe und den ich ohne Bedenken weiterempfehlen kann. Man darf von Kathy Reichs anscheinend jedoch nicht erwarten, dass sie von der (offenbar funktionierenden) Struktur ihrer Romane abweicht.

(Nächster Band: Temperance Brennan #12 – „Das Grab ist erst der Anfang“ – Kathy Reichs – ISBN: 3453435508 – ACHTUNG: bereits gelesen!)

 
 

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Kathy Reichs – Knochen zu Asche

„Knochen zu Asche“

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Reihe: Temperance Brennan #10

Originaltitel: Bones to Ashes

Autor: Kathy Reichs

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 384

Verlag: Blanvalet

Sprache: Deutsch

ISBN: 3442372836

Genre: Krimi & Thriller

ausgelesen am: 08.03.2014

Bewertung:

 

Kathy Reichs‘ Temperance – Brennan – Reihe verfolge ich schon seit einigen Jahren. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ungläubig und begeistert ich war, als ich meinen ersten Roman aus dieser Serie las. Noch nie war mir eine Autorin untergekommen, die sich erstens nicht ausschließlich auf die Ermittlungsarbeit der Polizei konzentrierte und zweitens so viel Wissen in eine spannende Geschichte verpackte. Sie war die erste, die mir erklärte, wie die Forensik funktioniert und hat mich dementsprechend ehrlich bereichert.

In Band 10 „Knochen zu Asche“ bearbeitet Tempe als forensische Anthropologin einen Fall, der sehr persönliche Ausmaße annimmt: in ihrer frühen Jugend verlor sie unvermittelt den Kontakt zu ihrer Freundin Évangéline; nun liegt eine Leiche auf ihrem Untersuchungstisch, die diese Erinnerung äußerst bildhaft zurückbringt. Ist es möglich, dass es Évangéline ist, die vor 40 Jahren verschwand? In welcher Weise steht die Leiche des jungen Mädchens mit den anderen verschwundenen Mädchen in Montreal in Verbindung? Tempe beginnt zu ermitteln und begibt sich damit in höchste Gefahr…

Alle Temperance – Brennan – Romane sind auf gewisse Weise schematisch. In der Regel engagiert sich Tempe in jedem Buch ein bisschen zu sehr und gerät dadurch in Gefahr. „Knochen zu Asche“ ist da keine Ausnahme; wieder einmal muss die Forensikerin um ihr Leben fürchten. Obwohl der Rahmen der Bände starr ist, lese ich sie unglaublich gern, weil die Fälle so ungewöhnlich sind und ich Tempe einfach mag. In „Knochen zu Asche“ bezieht sich der Fall auf die Geschichte Akadiens, ein Gebiet in Kanada, von dem ich vorher noch nie etwas gehört hatte, trotz meines ausbildungsbedingten Wissens über die nordamerikanische Kolonialgeschichte. So konnte ich wieder einmal etwas lernen während des Lesens, zusätzlich zu den verschieden anthropologischen Untersuchungen, die Reichs in jedem Roman detailliert beschreibt. Diesen wissenschaftlichen Aspekt muss man natürlich mögen, um die Geschichten rund um Tempe uneingeschränkt genießen zu können; genauso, wie man Tempes Charakter entweder mag oder eben nicht. Sie ist eine intelligente, ehrgeizige, sarkastische (fast schon zynische) Frau, die zu impulsiven Reaktionen neigt und sich schnell in ihren Fällen emotional verstrickt. Ihre Arbeit nimmt einen so wichtigen Stellenwert in ihrem Leben ein, dass ihr Privatleben des Öfteren zu kurz kommt. Für Quereinsteiger ist das sehr positiv; da ihre persönlichen Belange eher am Rande stattfinden, findet man sehr schnell einen Zugang zu „Knochen zu Asche“ und all den anderen Bänden. Trotz dessen lernt der Leser sie durch die Ich-Erzählperspektive gut kennen; man wird auf Augenhöhe in ihre Gedanken einbezogen. Ein Highlight ist dabei für mich jedes Mal Tempes Humor, ich liebe ihren trockenen Witz. In „Knochen zu Asche“ ist die Identifikation mit ihr in meinen Augen auch besonders leicht, da die Frage nach Évangélines Schicksal für Tempe eine Herzensangelegenheit ist.

Abschließend kann ich sagen, dass mir Kathy Reichs erneut ein paar schöne Lesestunden beschert hat. Natürlich verhält sich Tempe zum Teil irrational und überstürzt; eine Kritik, die ich nun schon oft von anderen Lesern der Romane gelesen habe. Für mich war das jedoch nie hinderlich, auch in „Knochen zu Asche“ nicht. Ich muss allerdings gestehen, dass ich mir in der Regel zwischen zwei Kathy – Reichs – Romanen viel Zeit lasse, daher fällt es mir leicht, über bestimmte Kritikpunkte einfach hinweg zu sehen. Diese Vorgehensweise möchte ich als Rat an Interessierte weitergeben. Das starre Schema der Temperance – Brennan – Reihe fällt kaum ins Gewicht, wenn man sie nicht direkt nacheinander liest. Dann bleibt genau das übrig, was mich dazu bewegt, Tempe immer wieder bei ihren Ermittlungen zu begleiten: ein spannender und ungewöhnlicher Kriminalfall, ein hoher Lerneffekt und eine intelligente Protagonistin, die mit viel Witz und Charme überzeugt.

(Nächster Band: Temperance Brennan #11 – „Der Tod kommt wie gerufen“ – Kathy Reichs – ISBN: 3453434625)

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 12. März 2014 in Krimi, Rezension, Thriller

 

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Linda Castillo – Die Zahlen der Toten

„Die Zahlen der Toten“

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Reihe: Kate Burkholder #1

Originaltitel: Sworn to Silence

Autor: Linda Castillo

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 432

Verlag: Fischer

Sprache: Deutsch

ISBN: 3596184401

Genre: Krimi & Thriller

ausgelesen am: 07.03.2014

Bewertung: 

Ich mag keine Krimis. Sie sind mir einfach zu langweilig. Das liegt vermutlich daran, dass Polizeiarbeit weitaus weniger spannend ist, als es einschlägige Fernsehserien behaupten. Überwachungen sind langwierig und erfordern Geduld. Der Papierkram, den ein Polizist regelmäßig abliefern muss, ist umfangreich. Detaillierte Recherchen sind das tägliche Brot des Ordnungshüters. Um mich trotzdem bei der Stange zu halten, braucht ein literarischer Kriminalfall für mich einen wirklich brutalen Mörder, der im besten Fall noch mit einer psychischen Störung ausgestattet ist. Die Psychologie des Abnormen ist der Grund, warum ich Thriller gern lese, obwohl ich Krimis ablehne. In den letzten Jahren nahm mein Konsum dieses Genres jedoch stark ab, weil ich feststellte, dass es mir wenig Neues zu bieten hat. Auch für Thriller scheint es ein prinzipielles Rezept zu geben, das bestimmt, welche Zutaten unbedingt zusammen gerührt werden müssen, um einen gewissen Erfolg zu garantieren. Das mündete bei mir in dem Gefühl, schon alles gelesen zu haben und nicht mehr überrascht werden zu können.

Da ich allerdings vorerst keine Lust auf Fantasy im weitesten Sinne hatte, versuchte ich es trotzdem mit „Die Zahlen der Toten“ von Linda Castillo. Dieser Thriller spielt im tiefsten Winter in dem verschlafenen Nest Painters Mill, Ohio. Painters Mill zeichnet sich durch einen erheblichen Anteil amischer Bewohner aus, zu denen einst auch der Chief of Police, Kate Burkholder zählte. Doch ein grausamer Vorfall in ihrer Jugend trieb sie aus den Armen ihrer Gemeinde, hinein in die „englische“ Welt. 16 Jahre später geht ein sadistischer Frauenserienmörder in Painters Mill um, dessen Vorgehensweise Kate auf erdrückende Weise an ihre Vergangenheit erinnert. Als Polizeichefin muss sie nun den Mörder finden und gleichzeitig versuchen, ihr dunkles Geheimnis zu bewahren. Kann Kate den Balanceakt zwischen Verpflichtung und Vertuschung meistern?

Wie ich es erwartet hatte, weist auch „Die Zahlen der Toten“ die üblichen Handlungsstränge und Charaktere auf, die in den meisten Thrillern zu finden sind. Im Vordergrund steht Kate, aus deren Ich-Erzählperspektive Linda Castillo den Großteil der Geschichte stemmt. Aufgelockert wird diese Strategie durch kurze Sequenzen, in denen ein auktorialer Erzähler einspringt und die Perspektive anderer Figuren schildert, darunter natürlich auch der zunächst anonyme Mörder. Auf dieser Ebene hält der Roman also nichts Neues bereit und setzt auf eine altbewährte Praxis. Ungewöhnlich ist hingegen das Setting, wobei ich hierbei nicht auf die Kleinstadtidylle anspiele, sondern auf die amische Gemeinde. Die Idee, in dieser Umgebung bestialische Morde passieren zu lassen, fand ich erfrischend und begründet überhaupt erst meine Entscheidung, mir diesen Thriller zuzulegen. Während der Lektüre kam mir zu Gute, dass ich mich bereits lange vor dem Roman mit der amischen Glaubensgemeinschaft auseinander gesetzt hatte und dementsprechend wusste, in welchem Rahmen Castillo schreibt. Lesern, die noch nicht in diese Richtung recherchiert haben, rate ich, das unbedingt VOR dem Griff zu „Die Zahlen der Toten“ zu tun, denn die Autorin setzt einiges Wissen voraus. Wer noch nie von den Glaubensgrundsätzen der Amischen gehört oder gelesen hat, wird nur einen kleinen Einblick in deren Leben erhalten, der den Leser unter Umständen unbefriedigt zurück lässt. Ich bin der Ansicht, dass Castillo aus diesem Detail ihres Thrillers noch weit mehr hätte herausholen können und die Amischen als zu selbstverständlich und nebensächlich darstellt. Grade außerhalb den USA ist diese Glaubensrichtung recht unpopulär; ich hätte mir daher eine intensivere Beschäftigung mit diesem Thema gewünscht. Die Konstruktion des Charakters der Protagonistin ist regelrecht bilderbuchhaft: Kate ist ungeduldig, explosiv, ehrgeizig, aufopfernd und fast schon obsessiv hinsichtlich der Lösung des Falls. Komplettiert wird die Gestaltung durch eine schwierige Vergangenheit, die Kate isoliert leben lässt und dadurch die Beziehung zu ihrem männlich Gegenstück, Agent John Tomasetti, schon von Beginn an vorzeichnet. Diese Entwicklung war absolut vorhersehbar; ich habe bis heute nicht begriffen, warum ein Thriller offenbar partout eine romantisch-erotische Facette braucht. Ich hätte darauf auch sehr gut verzichten können. Der Fall an sich ist spannend und ziemlich verzwickt; ich konnte die Identität des Mörders nicht allein aufdecken, was ich in diesem Genre immer als positiv einschätze.

Im Fazit lässt sich sagen, dass „Die Zahlen der Toten“ einen soliden Thriller darstellt, der für Kenner des Genres jedoch wenige Überraschungen bereithält. Der Kriminalfall ist spannend und das Setting wie bereits erwähnt ungewöhnlich, die Charaktere sind allerdings definitiv genretypisch. Ich schätze diesen Roman als entspannten page-turner für Zwischendurch ein, der dem Leser nicht viel abverlangt und sich daher beispielsweise gut als Urlaubslektüre eignet.

(Nächster Band: Kate Brukholder #2 – „Blutige Stille“ – Linda Castillo – ISBN: 3596184517)

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 11. März 2014 in Krimi, Rezension, Thriller

 

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Jodi Picoult – Die Macht des Zweifels

„Die Macht des Zweifels“

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Originaltitel: Perfect Match

Autor: Jodi Picoult

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 432

Verlag: Piper

Sprache: Deutsch

ISBN: 3492263151

Genre: Drama & Realistische Fiktion > Soziales

ausgelesen am: 05.03.2014

Bewertung: 

Es gibt Autoren, von denen man als Leser bereits im Voraus weiß, was man erwarten kann. Das kann sowohl gut als auch schlecht sein. Die positiven Fälle enden bei mir schnell damit, dass ich mir Stück für Stück alle Werke des Autors oder der Autorin zulege. Jodi Picoult ist so ein Fall. Ich begann mit ihrem 2009 verfilmten Drama „Beim Leben meiner Schwester“, das sicher viele kennen. Von diesem Buch war ich so begeistert und berührt, dass ich mir drei weitere Romane aus ihrer Feder besorgte. Ich wurde von keinem der Bücher enttäuscht.

„Die Macht des Zweifels“ war nun vorerst der letzte noch ungelesene Jodi Picoult – Roman, der in meinem Regal zu finden ist. In diesem begleitet der Leser die erfolgreiche Staatsanwältin Nina Frost, die zwar ein stressiges, aber glückliches Leben mit ihrem Mann Caleb und ihrem 5 – jährigen Sohn Nathaniel führt. Doch eines Tages verliert Nathaniel von heute auf morgen die Fähigkeit zu sprechen. Nina und Caleb klappern mit ihrem Sohn verschiedene Ärzte ab, bis sich bei einer Psychologin herausstellt, dass das Undenkbare geschehen ist: Nathaniel wurde sexuell missbraucht. Nina ist außer sich; ist sie als Staatsanwältin doch auf die Verurteilung von Sexualstraftätern spezialisiert und weiß um die (Un-)Möglichkeiten des Rechtssystems. Zwischen der Suche nach dem Täter und dem Ringen mit einem unzulänglichen System steht Nina nun nicht mehr als Vertreterin des Staates, sondern als verzweifelte Mutter, die sich die Frage stellen muss, was sie bereit ist zu tun, um ihren kleinen Sohn zu schützen.

Jodi Picoult hat die unglaubliche Fähigkeit, den Leser bereits mit dem ersten Satz in ihre Geschichten hinein zu saugen und ihn/sie nicht mehr loszulassen, bis diese zu Ende erzählt ist. Die Handlung von „Die Macht des Zweifels“ ist von der ersten Sekunde an spannend und fesselnd, weil sie so realistisch ist. Außerdem schildert Picoult die Geschehnisse mit einer beeindruckenden Autorität, so dass ich nie auch nur auf die Idee kam, die Abläufe in Frage zu stellen. Dies wird dadurch unterstützt, dass sie kontroverse Themen generell nie eindimensional betrachtet, sondern sich immer bemüht, alle Seiten ausgewogen zu beleuchten. Sie zeigt die vielen Graustufen einer Welt, die wir allzu gern leichter Hand in schwarz und weiß einteilen möchten. In meinem Fall führte das während der Lektüre von „Die Macht des Zweifels“ dazu, dass ich mich oft selbst dabei erwischte, mich zu fragen, wie ich gehandelt hätte, wäre ich in die gleiche Situation geraten wie Nina. Ich betrachtete die Handlung des Buches nie distanziert; war nie nur Zaungast, sondern fühlte mich in die Ereignisse eingebunden und konnte Verständnis für die Positionen und Meinungen aller Charaktere entwickeln. Darüber hinaus gefiel es mir (wieder einmal) sehr gut, dass Picoult wahre Freude an Perspektivwechseln zu haben scheint, die nicht nur die Charaktere betreffen, sondern auch die Herangehensweise an eine Straftat wie den sexuellen Missbrauch Minderjähriger. Der Leser erfährt sowohl wie so ein Fall von der Polizei betrachtet wird – welche Vorschriften beispielsweise einzuhalten sind – als auch die Sichtweise des Justizsystems. Doch auch bezüglich der Figuren bietet die Autorin ein breites Spektrum an Identifikationsmöglichkeiten an. Alle Frontdarsteller bekommen durch einen auktorialen Erzähler einen gleich hohen Stellenwert eingeräumt. Die Ausnahme bildet Nina, da sie der einzige Charakter ist, dessen Erlebniswelt aus der Perspektive eines Ich-Erzählers geschildert wird. Die Bindung an sie ist daher am intensivsten; der Leser ist aufgefordert, sich in sie hinein zu versetzen. Das ist problemlos möglich und geschieht fast automatisch; hier zeigt sich meines Erachtens nach Jodi Picoults größte Stärke: sie erschafft sensibel und einfühlsam so tiefe und runde Charaktere, dass ich das Gefühl hatte, sie könnten jederzeit zwischen den Seiten hervor springen. Dementsprechend sind auch die dargestellten zwischenmenschlichen Beziehungen überaus real und lebendig. Die Bindung zwischen Nina und Nathaniel konnte sogar mir, die noch nicht einmal einen Kinderwunsch entwickelt hat, die Gefühle einer verzweifelten Löwin von Mutter nahe bringen. Selbst ich konnte Ninas Entscheidungen und Handlungen nachempfinden und habe mit ihr gefühlt und gelitten.

In meinen Augen liegen Leser mit einem Roman von Jodi Picoult niemals daneben, wenn sie sich sehr realistische, vielschichtige Handlungen und Charaktere wünschen, die zum Nachdenken anregen. In ihrem Schreibstil meine ich einige Parallelen zu Joyce Carol Oates erkannt zu haben; auch in ihren Werken findet sich eine erstaunliche psychologische Tiefe, wenn auch nicht die gleiche sprachliche Eleganz und Fantasie. Ich kann „Die Macht des Zweifels“ dementsprechend nur wärmstens empfehlen; persönlich habe ich bereits direkt nach der Lektüre den nächsten Roman aus Jodi Picoults Feder auf meine Wunschliste gesetzt.

 

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Andreas Brandhorst – Seelenfänger

„Seelenfänger“

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Autor: Andreas Brandhorst

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 637 Seiten

Verlag: Heyne

Sprache: Deutsch

ISBN: 3453529707

Genre: Science Fiction & Mystery & Philosophie

ausgelesen am: 04.03.2014

Bewertung:

Ich gehöre zu den Lesern, die ein Buch nicht einfach abbrechen, wenn es mir nicht gefällt. Für mich gibt es nur drei akzeptable Gründe, eine Lektüre vorzeitig zu beenden: entweder A, ich bemerke beim Lesen, dass ich doch lieber ein anderes Genre lesen würde oder B, ich stelle fest, dass ich für dieses Buch noch nicht bereit bin (ein Beispiel hierfür ist James Joyce’s „Ulysses“) oder schließlich C, die Lektüre wurde mir aufgezwungen und gefällt mir nicht. Letzteres passierte mir in meiner Ausbildungslaufbahn schon mehrfach; „Nathan der Weise“ von Lessing habe ich beispielsweise nie auch nur angefangen und Norman Mailers „The Armies of the Night“ habe ich nach 130 Seiten zurück ins Regal gelegt. Doch beginne ich ein Buch völlig freiwillig, kämpfe ich mich in der Regel bis zum Ende durch, weil ich glaube, man kann eine Lektüre nur dann angemessen beurteilen.

Im Fall von Andreas Brandhorsts „Seelenfänger“ biss ich mich daher auch durch, obwohl ich spätestens auf der Hälfte merkte, dass mir der Roman nicht gefällt. Die Handlung spielt in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft, in der der Leser dem Traveller Zacharias Calm begegnet, der in der Lage ist, die Gedankenwelten anderer Menschen zu betreten. In der sogenannten Foundation des Philanthropischen Instituts ist es seine Aufgabe, mithilfe seiner Fähigkeit psychisch kranke Patienten zu behandeln, indem er Traumata aus ihren Gedanken entfernt. Als er diese Vorgehensweise bei einem Prioritätspatienten anwenden möchte und gemeinsam mit seiner Therapeutin und Kognitorin Florence dessen Kopf betritt, laufen die Dinge jedoch plötzlich aus dem Ruder. Die Grenzen zwischen Realität und Illusion verschwimmen und Zacharias und Florence müssen erkennen, dass Schein und Sein vielleicht dichter bei einander liegen, als sie bisher glaubten.

In „Seelenfänger“ vereint Andreas Brandhorst sowohl Science Fiction als auch Mystik und Philosophie. Was dabei entsteht, ist eine Handlung, die unglaublich kompliziert, abstrakt und verwirrend ist. In meinen Augen hat Brandhorst versucht, zu viele Komponenten unter einen Hut zu bringen. Dadurch gelang es ihm nicht, mich anhaltend zu fesseln; gegen Ende musste ich mich wirklich zusammen reißen, um weiterzulesen. Meine Abneigung resultierte sicher auch daher, dass ich eine andere Handlungsentwicklung erwartet hatte; ich ging davon aus, dass die Story in etwa dem Film „The Cell“ mit Jennifer Lopez in der Hauptrolle entspricht. Darüber hinaus bin ich auch mit dem Protagonisten Zacharias absolut nicht warm geworden. Ich konnte keinerlei Sympathie für ihn entwickeln, mir erschien er konstant als anmaßend, hochmütig und herablassend. Florence gefiel mir bedeutend besser, allerdings empfand ich auch die Beziehung zwischen den beiden als seltsam. Schon von Natur aus sollte niemand eine Liebschaft mit seiner/m Therapeutin/en eingehen (in Deutschland ist das übrigens auch bei Strafe verboten); dadurch, dass Zach und Florence es doch tun, ist ihre Dynamik äußerst merkwürdig. Zach wirkt jünger als er ist, weil er immer wieder von Florence ermahnt wird. Erstaunlicherweise gefiel mir das Ende des Romans dann trotz allem gut, da es offen gehalten ist und dementsprechend gut zur Handlung passt.

Normalerweise scheue ich nicht vor anspruchsvollen Büchern zurück; ich habe nichts dagegen, meine Intellekt anstrengen zu müssen und durch eine Lektüre gefordert zu werden. Doch in „Seelenfänger“ war es mir eindeutig zu viel des Guten. Ich bin überzeugt (und eine kurze Überprüfung im Internet bestätigte dies), dass es viele Leser gibt, die Brandhorsts Roman mögen, aber ich gehöre leider nicht dazu. Es ist sehr schade, dass meine erste Erfahrung mit diesem Autor so negativ war; ich befürchte, dass ich nun Hemmungen haben werde, einen weiteren Roman von Andreas Brandhorst zu lesen. Trotzdem möchte ich von diesem Buch nicht abraten, denn sicher gibt es Leser, die Spaß an den komplizierten Gedankenspielen haben, die in „Seelenfänger“ behandelt werden.

 

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Mike Mullin – Ashfall

„Ashfall“

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Reihe: Ashfall #1

Autor: Mike Mullin

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 476 Seiten

Verlag: Tanglewood Press

Sprache: Englisch

ISBN: 1933718749

Genre: Science Fiction > Dystopie > Young Adult

ausgelesen am: 25.02.2014

Bewertung:

Auf dem Cover meiner Ausgabe von „Ashfall“ von Mike Mullin findet sich folgendes Zitat vom Autor Michael Grant:

„The scariest apocalypse is one that could really happen. “

Ich kann dieser Aussage nur zustimmen; ihr Inhalt ist einer der Gründe, warum ich eine so ausgeprägte Schwäche für Dystopien habe. Es ist schwer zu erklären, was mich an negativen Zukunftsvisionen so fasziniert, doch ich schätze, dass die Vorstellbarkeit hierbei eine erhebliche Rolle spielt. Dystopien loten die verschiedenen Möglichkeiten aus, wie sich unsere Gesellschaft unter bestimmten Umständen entwickeln könnte; es gefällt mir, mir vorzustellen, wie ich selbst innerhalb dieser Entwicklung überleben könnte und mich verhalten würde.

„Ashfall“ von Mike Mullin beleuchtet eine sehr realistische Variante einer möglichen Apokalypse: bekanntermaßen befindet sich unter dem Yellowstone – Nationalpark im Westen der USA ein Supervulkan. Dieser bricht unvorhergesehen aus und überzieht das gesamte Land mit Dunkelheit, giftiger Asche und Chaos. Damit ruiniert die Eruption auch die Wochenendpläne des 15-jährigen Alex Halloran aus Cedar Falls in Iowa, den seine Eltern allein zu Hause ließen, während sie mit seiner kleinen Schwester seinem Onkel Paul im Nachbarstaat Illinois einen Besuch abstatten wollten. Nachdem das Haus der Familie von einem riesigen Felsbrocken getroffen wurde, beschließt Alex, sich auf eigene Faust zu Fuß auf den Weg nach Illinois zu machen. Seine Reise ist lang, beschwerlich und gefährlich, doch glücklicherweise begegnet Alex der 18-jährigen Darla, die ihm mehrfach das Leben rettet und ihn auf seinem Marsch nach Warren, Illinois begleitet. Gemeinsam müssen sie sich den Auswirkungen der Eruption stellen; können sie in der postapokalyptischen Welt überleben und Alex‘ Familie ausfindig machen?

Während der Lektüre von „Ashfall“ bemerkte ich, dass ich durchgängig Probleme hatte, meine Konzentration aufrecht zu erhalten. Ich habe lange gerätselt, woran das lag, denn eigentlich gefiel mir der Roman gut. Ich kam zu folgendem Schluss: der Spannungsbogen der Handlung ist konstant niedrig. Es gibt in „Ashfall“ wenig überraschende Momente, da Mike Mullin sich hauptsächlich auf die Darstellung des alltäglichen Kampfes in der postapokalyptischen Welt nach der Eruption konzentrierte. So sind die Protagonisten Alex und Darla eher selten zwischenmenschlichen Konflikten ausgesetzt, was in einen recht unspektakulären Handlungsverlauf resultiert. Der Fokus liegt auf den Folgen des Vulkanausbruchs; das heißt, der Leser begleitet Alex und Darla bei ihrem Kampf gegen Kälte, Durst, Hunger und toxische Asche. Hinzu kommen natürlich noch die von der Asche ausgelöste Dunkelheit (bzw. das Zwielicht) und die Isolation von der Welt. Vor diesem Hintergrund ist „Ashfall“ wirklich toll geschrieben; Mullin demonstriert eindrucksvoll, wie das Leben nach dem Ausbruch eines Supervulkans aussehen könnte. Seine Interpretation der möglichen Konsequenzen ist gut recherchiert, im Anhang meiner Ausgabe gibt er sogar eine kurze Übersicht über seine Quellen. Tatsächlich bin ich geneigt, mir eines der Bücher zuzulegen und mehr über die Materie Supervulkane zu lernen. Die Charaktere des Romans sind Sympathieträger; an Alex mochte ich besonders, dass er so herrlich normal ist. Er ist ein Durchschnittsjugendlicher, der im Grunde keine speziellen Überlebensfähigkeiten hat, von seiner Ausbildung in Taekwondo mal abgesehen. Dadurch wirken seine Reaktionen real und nachvollziehbar. Eine Figur, die so alltäglich ist, läuft schnell Gefahr, stereotyp zu sein; Alex ist es jedoch nicht, seine Normalität lässt ihn stattdessen lebendig wirken. Dem gegenüber steht die super toughe Darla, die schon seit Jahren eine Farm allein bewirtschaften musste. Darla ist handwerklich begabt und praktisch veranlagt; obwohl ich die Erklärung für ihre Fähigkeiten ein wenig dünn fand, behindert das die Identifikation mit ihr nicht. Die Beziehung zwischen dem Leser und Alex ist zwar deutlich intensiver, doch Darla fügt der Geschichte eine handfeste Facette hinzu und darüber hinaus fungiert sie als Alex‘ Lehrerin.

Insgesamt gefiel mir „Ashfall gut, meine Konzentrationsschwierigkeiten rührten vermutlich daher, dass ich eine aufregendere Geschichte erwartet hatte. Mike Mullins Roman überzeugt dementsprechend weniger durch die Handlung, sondern eher durch den Realismus der dargestellten Umstände. Ich kann dieses Buch daher Lesern empfehlen, die konkrete Dystopien mögen und bereit sind, dafür auf eine rasante Handlung zu verzichten.

(Nächster Band: Ashfall #2 – „Ashen Winter“ – Mike Mullin – ISBN: 1933718986)

 
3 Kommentare

Verfasst von - 3. März 2014 in Dystopie, Science-Fiction, Young Adult

 

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