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Archiv für den Monat Februar 2014

Charlie Huston – Stadt aus Blut

„Stadt aus Blut“

StadtausBlut

Reihe: Joe Pitt #1

Originaltitel: Already Dead

Autor: Charlie Huston

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 320

Verlag: Heyne

Sprache: Deutsch

ISBN: 3453675274

Genre: Fantasy > Urban Fantasy & Horror & Thriller

ausgelesen am: 19.02.2014

Bewertung: 

Beschäftigt man sich intensiver mit dem Genre Urban Fantasy, fällt schnell auf, dass es häufig einen bemerkenswerten Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Autoren gibt. Männer schreiben in der Regel völlig andere Urban Fantasy als Frauen. Oft gehen sie wesentlich rationaler und wissenschaftlicher an die Thematik heran; außerdem spielen Romantik und Erotik eine eher untergeordnete Rolle, während die Handlung von blutigen Konflikten geprägt ist. Viele weibliche Autoren romantisieren und idealisieren die Welt des Übernatürlichen, Männer hingegen neigen dazu, deren brutale Schattenseiten darzustellen.

Dies trifft auch auf Charlie Hustons „Stadt aus Blut“ zu, der erste Roman seiner Reihe um den Protagonisten Joe Pitt. Joe ist ein unabhängiger Vampyr (ja, die Schreibweise ist beabsichtigt) in Manhattan, der sich seinen Lebensunterhalt mit kleineren Aufträgen der verschiedenen ansässigen Clans verdient. Dazu gehört auch, infizierte Zombies aufzutreiben und auszuschalten, bevor sie größeren Schaden anrichten können. Ein solcher Fall ist es, der Joes Leben erheblich verkompliziert. Plötzlich steht er zwischen den Clans und muss nebenbei noch einen von zu Hause ausgerissenen Teenager aufspüren. Doch damit nicht genug ist das Mädchen die Tochter eines des wohlhabendsten und einflussreichsten Ehepaars Manhattans. Ihr Verschwinden scheint mit ihrem Vater zusammenzuhängen, dem eine Biotech-Firma gehört, in der er auch als Chefforscher arbeitet. Für ihn sind sowohl das Zombie-Bakterium als auch das Vampyr-Vyrus hochinteressant…

Die Handlung von „Stadt aus Blut“ ist rasant, spannend und blutig; Gewalt nimmt einen erheblichen Stellenwert ein. Es ist auffällig, dass der Plot zu keinem Zeitpunkt unterbrochen wird und komplett ohne Kapitel auskommt. Charlie Huston verwendete ausschließlich Absätze, um seine Geschichte zu unterteilen. Ich mochte das, denn es passt sehr gut zu den sich schnell entwickelnden Ereignissen. Die Kombination von Vampiren und Zombies tritt in Urban Fantasy Romanen eher selten auf; mir gefiel es daher, dass die obligatorischen Werwölfe in „Stadt aus Blut“ nicht auftauchen und sich die Vampirgesellschaft stattdessen mit Infizierten des Zombie-Bakteriums auseinander setzen muss. Die Herangehensweise an Vampirismus sowie Zombiismus als Krankheiten mit verschiedenen Ursachen empfand ich ebenfalls als positiv. Zwar ist die Darstellung einer Infektion als Ursache bei Zombies nicht ungewöhnlich, doch die Entscheidung, Vampire als Opfer eines Virus zu präsentieren, ist eine gelungene Abwechslung zu den sonst üblichen magischen oder übernatürlichen Hintergründen. Zusätzlich beschreibt Charlie Huston den „Vyrus“ als lebenden, parasitären Organismus, während  die Verwandlung in anderen Vampirromanen oft mit einem Biss mehr oder weniger abgeschlossen ist.  Ein Unterschied findet sich auch in der Konstruktion der Gemeinschaft der Vampire. In der Regel strebt diese einigermaßen übereinstimmende Ziele an; optional ist sie heftig zerstritten, ihre Bemühungen entsprechen jedoch meist einheitlichen Motiven. In „Stadt aus Blut“ ist dies nicht Fall; die Clans könnten kaum unterschiedlicher sein. Ich halte die Zerrissenheit untereinander für realistisch; es ist nur natürlich, dass unterschiedliche Gruppierungen auch unterschiedliche Ziele verfolgen. Inmitten dieser verschiedenen Strömungen steht der Protagonist Joe Pitt, der ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben führen möchte ohne Anbindungen an einen der Clans. Selbstredend, dass er damit oft aneckt. Joe erzählt seine Geschichte selbst als Ich-Erzähler, dadurch offenbart sich dem Leser schnell sein sarkastischer, zynischer Charakter. Er ist keine herausragend facettenreiche Figur, doch das ist auch gar nicht nötig. Mit seiner schonungslos ehrlichen und pragmatischen Art gewann er trotz dessen meine Sympathie, darüber hinaus besticht er durch seine Menschlichkeit, die ihm auch das „Vyrus“ nicht nehmen konnte. Seine Rolle als Rebell in einer feststehenden Gesellschaft wurde von Husten noch unterstrichen, indem er ihm eine Vergangenheit als Punk gab, ein nettes Detail, das darüber hinaus auch seine Entwicklung während seines Daseins als Vampir betont. Es verdeutlicht, dass Joe als Vampir erwachsen wurde und sich seine Wünsche und Ziele verändert haben.

Insgesamt gefiel mir der Auftakt der Reihe um Joe Pitt sehr gut. „Stadt aus Blut“ ist ein Roman für Leser, die Urban Fantasy mögen, aber Abwechslung zu all den weiblichen Helden mit ihrem dominant geschilderten Liebesleben suchen. Charlie Huston verzichtet auf romantische Szenen und konzentriert sich auf das Wesentliche: das Leben der Vampire in Manhattan. Sein Protagonist Joe Pitt ist kein Held; er ist einfach nur ein Kerl, der ohne äußere Zwänge leben möchte und sich mal besser, mal schlechter über Wasser hält. Somit füllt der Autor eine realistische Nische in einem häufig idealisierten Genre. Leser, die von drastischen Gewaltbeschreibungen abgestoßen sind, sollten jedoch auf „Stadt aus Blut“ verzichten.

(Nächster Band: Joe Pitt #2 – „No Dominion“ / „Blutrausch“ – Charlie Huston – ISBN: 1841495271 / 3453433300)

 

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Cassie Alexander – Visite bei Vollmond

„Visite bei Vollmond“

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Reihe: Nightshifted #2

Originaltitel: Moonshifted

Autor: Cassie Alexander

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 368 Seiten

Verlag: Piper Taschenbuch

Sprache: Deutsch

ISBN: 3492268501

Genre: Fantasy > Urban Fantasy

ausgelesen am: 18.02.2014

Bewertung:

Meine Lektüre des ersten Bands der „Nightshifted“ – Serie („Medizin um Mitternacht“) rund um die Krankenschwester Edie Spence liegt schon ziemlich lange zurück, um genau zu sein, über ein Jahr. Dem Auftakt dieser Reihe gab ich bei amazon im November 2012 4 Sterne („Gefällt mir“).  „Medizin um Mitternacht“ empfand ich als soliden Erstlingsroman, der vor allem durch die äußerst kreative Idee überzeugt, Übernatürliches und die Medizin zu verbinden. Trotz dessen hatte ich unter anderem zu bemängeln, dass Cassie Alexander den Spannungsbogen nicht durchgängig aufrechterhalten konnte. Im zweiten Band „Visite bei Vollmond“ gelang ihr dies erfreulicherweise besser.

Wie der Titel bereits vermuten lässt, stehen dieses Mal die Gestaltwandler im Mittelpunkt der Ereignisse. Nachdem Edie Zeugin eines schrecklichen Autounfalls wird, dem ein Werwolf zum Opfer fällt, wird dieser auf Station Y4 eingeliefert und dort behandelt. Schnell stellt sich heraus, dass dieser Werwolf kein Niemand ist, sondern der König des ansässigen Rudels „Harscher Schnee“.  Während dessen Prognose denkbar schlecht ist, muss sich Edie mit seiner Familie und dem Rudel auseinandersetzen, welche genauso von Intrigen und politischen Ränkespielen geschüttelt werden wie die Gemeinschaft der Vampire. Diese spielt in „Visite bei Vollmond“ auch wieder eine Rolle; in Form von Anna, die Edie bittet, bei einer Vampirzeremonie ihre „Gesandte der Sonne“ zu sein. Edie stimmt widerwillig zu, womit die Probleme ihren Lauf nehmen. Edie wird Opfer mehrerer erfolgloser Attentate, die allesamt von Werwölfen verübt werden, doch scheinbar besteht ein Zusammenhang mit Annas Zeremonie und der Welt der Vampire. Kann Edie all die losen Fäden entwirren, zu einem Gesamtbild zusammensetzen und dadurch ihr Leben retten?

In „Visite bei Vollmond“ wird der Leser erneut in eine actiongeladene und rasante Handlung geworfen. Cassie Alexander schließt darin einige Konstruktionslücken aus dem ersten Band, indem sie sowohl auf die Gemeinschaft der Vampire als auch auf das Werwolf-Rudel eingeht und deren Verbindungen und Strukturen ausführlicher erklärt. Ich habe mich vor dem Lesen bewusst dagegen entschieden, „Medizin um Mitternacht“ noch einmal zu rekapitulieren, weil ich sehen wollte, wie viel ich von Alexanders Welt ohne eine Erinnerungshilfe verstehe. Für mich funktionierte „Visite bei Vollmond“ als Geschichte gut; wirkliche Erinnerungsstützen bietet die Autorin ihren Lesern jedoch nicht, was es einem Quereinsteiger vermutlich erschwert, sich in Edies Universum zurecht zu finden. Des Weiteren ist auch der Zugang zu Edie selbst weiterhin etwas schwierig. Zwar ist eine Identifikation mit ihr weitestgehend problemlos möglich, unter anderem auch, weil sie selbst als Erzählerin fungiert, aber teilweise sind ihre Reaktionen für mich nicht nachvollziehbar. Ich finde, diese sind merkwürdig verschoben; in Momenten, in denen ich eine aktive Reaktion erwartet hätte, ist Edie zu passiv, während sie in anderen Momenten eine unüberlegte Impulsivität an den Tag legt, die ich für nicht angemessen halte. Darüber hinaus empfinde ich Edies Promiskuität als übertrieben und aufgesetzt. Die Darstellung ihres Charakters vermittelt mir, dass sie eine verantwortungsbewusste, fürsorgliche, gutmütige und etwas naive junge Frau ist; der männerfressende Vamp will da so gar nicht ins Bild passen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass eine Frau wie Edie, die sich schnell für alles verantwortlich fühlt und ebenso schnell emotionale Bindungen aufbaut, ein Sexualleben pflegt, das von unpersönlichen One-Night-Stands geprägt ist. Ganz davon abgesehen, dass Edie anscheinend noch nie etwas von Verhütung gehört hat. Sie ist Krankenschwester, besteht aber nicht auf die Verwendung eines Kondoms, wenn sie Sex mit einem Mann haben möchte, den sie im Grunde nicht kennt? Leider sind Präservative nicht sexy; Cassie Alexander dachte offenbar, zugunsten der erotischen Momente könne man darauf verzichten. Das Thema Atmosphäre, das für mich schon im ersten Band problematisch war, bleibt unglücklicherweise auch in „Visite bei Vollmond“ aktuell. Alexander ist selbst Krankenschwester; die Szenen, die im Krankenhaus spielen, sind dementsprechend gut ausgearbeitet. Es ist sehr schade, dass sie diese Tiefe nicht völlig auf die Welt außerhalb der Klinik übertragen konnte. Immer wieder tauchten Momente auf, die ich mir nur schwer vorstellen konnte, da die Umgebungsbeschreibung nicht detailliert genug war.

Abschließend muss ich wieder darauf zurückkommen, dass ich die Idee der Serie einfach großartig finde und daher alle Kritikpunkte an „Visite bei Vollmond“ verzeihen kann. Ich werde „Nightshifted“ weiter verfolgen und mir den dritten Band „Diagnose zur Dämmerung“ definitiv noch zulegen. Bisher sind Band 4 und 5 nicht auf dem deutschen Markt erhältlich, es wird sich zeigen, ob der Verlag diese auch noch übersetzt. Der zweite Band „Visite bei Vollmond“ ist eine Lektüre für diejenigen, die bereits „Medizin um Mitternacht“ gelesen haben und die Verknüpfung von Medizin und Übernatürlichem mochten. Wer eine waffenschwingende Heldin erwartet, wird in „Nightshifted“ enttäuscht; wer jedoch Lust hat, das nette Mädchen von nebenan bei ihren Abenteuern zu begleiten, liegt mit dieser Wahl genau richtig.

 
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Verfasst von - 20. Februar 2014 in Fantasy, Rezension, Urban Fantasy

 

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Chuck Palahniuk – Fight Club

„Fight Club“

fight club

Autor: Chuck Palahniuk

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 256 Seiten

Verlag: Goldmann

Sprache: Deutsch

ISBN: 3442542103

Genre: Realistische Fiktion > Soziales & Thriller

ausgelesen am: 17.02.2014

Bewertung:

Den Film „Fight Club“ mit Brad Pitt, Edward Norton und Helena Bonham Carter in den Hauptrollen hat vermutlich jeder schon einmal gesehen. Ich bilde da keine Ausnahme, ich habe mir den Streifen mittlerweile mindestens 10 Mal angeschaut. Werde ich gefragt, welcher mein Lieblingsfilm ist, fällt mir als erstes immer dieser ein. Dass dieser Film aber nicht einfach nur vom Regisseur David Fincher und einem Drehbuchautoren entwickelt wurde, fand ich erst letztes Jahr heraus. Er basiert auf dem gleichnamigen Roman von Chuck Palahniuk, der wiederum aus einer 7-seitigen Kurzgeschichte entstanden ist.

Die Handlung des Romans kannte ich natürlich schon Großteils, denn obwohl Buch und Film nicht identisch sind, bewegten sich die Filmemacher doch sehr dicht an der Vorlage. Der Protagonist führt ein portioniertes, zielloses und rein materialistisch bestimmtes Leben. Seine einzige Ausflucht sind Selbsthilfegruppen tödlich erkrankter Menschen; sie sind der einzige Ort, an dem er sich fallen lassen kann und sich lebendig fühlt, obwohl er selbst gesund ist – nur die Schlaflosigkeit plagt ihn. Bis zu dem Tag, an dem er Tyler Durden begegnet, der sich selbst als kompromisslosen Rebellen am Rande der Gesellschaft sieht. Gemeinsam erschaffen sie den Fight Club; ein Club, in dem sich Männer hemmungslos prügeln können. Doch Tyler will mehr. Aus dem Fight Club wird das Projekt Chaos und der Protagonist findet sich plötzlich in einem gefährlichen Guerillakrieg wieder, mit dem ihn mehr verbindet, als er selbst ahnt. Kann er Tyler die Kontrolle entreißen und zur Normalität zurückkehren?

„Fight Club“ ist eine wirklich großartige Kritik an unserer heutigen Gesellschaft. Chuck Palahniuk spielt mit seinen Lesern ein Spiel, das „Was wäre wenn?“ heißt: was wäre, wenn all die jungen Männer, die niemals eine wahre Chance auf Erfolg und Glück hatten, sich gegen die Gesellschaft wendeten? Was wäre, wenn die Tellerwäscher, Klempner und Poolreiniger dieser Welt entscheiden würden, sich an der Gesellschaft zu rächen? Palahniuk stellt die Wut einer verlorenen Generation zur Schau, deren einziger Lebensinhalt aus Konsum besteht. Sie haben nichts, woran es sich zu glauben lohnt; nichts, worauf sie hoffen könnten und nichts, was ihrem Leben einen Sinn gibt. Und sie sind viele. Was bleibt, wenn alle Verfeinerungen des Lebens keine Erfüllung beinhalten? In Person des Tyler Durden präsentiert der Autor eine Antwort, die schlichter nicht sein könnte: Zerstörung. Zerstörung ist der rote Faden des Romans. Allumfassende, totale Zerstörung, die sich bis auf die Persönlichkeit des Protagonisten ausweitet, der gleichzeitig den Erzähler der Geschichte verkörpert. Ein hochinteressantes Detail des selbigen ist, dass er die ganze Zeit über für den Leser anonym bleibt. Es ist seine Geschichte, doch weder wird sein Name offenbart, noch wird sein Äußeres beschrieben. Er könnte jedermann sein. In meinen Augen wollte Chuck Palahniuk genau dieses Phänomen erreichen; der Protagonist ist im Grunde ein Stellvertreter. Er verkörpert ein Schicksal, das jedem kleinen Angestellten passieren könnte. Tyler hingegen ist der Katalysator für die Unzufriedenheit des Protagonisten. Er lenkt dessen Wut in anarchistische Bahnen und richtet sie gegen diejenigen, die es seines Erachtens nach verdienen. Ihre Abhängigkeitsbeziehung zu einander verdeutlicht auch, dass „Fight Club“ beide Figuren braucht, um als Geschichte zu funktionieren. Im Vorwort meiner Ausgabe gibt der Autor seinem eigenen Roman darüber hinaus noch eine weitere Ebene; er charakterisiert „Fight Club“ als Dreiecks-Liebesgeschichte. Die dafür notwendige dritte Figur ist die morbide Marla Singer. Es ist wahr, dass zwischen den drei Hauptcharakteren eine regelrecht Shakespeare’sche Dreiecksbeziehung besteht: der Protagonist will Tyler, Tyler will Marla und Marla will den Protagonisten. Ich halte es jedoch für ein wenig euphemistisch, „Fight Club“ deswegen als Liebesroman zu bezeichnen. Für mich fand der mehr oder minder romantische Aspekt des Buches ausschließlich am Rande statt. Ich will jedoch nicht bezweifeln, dass „Fight Club“ die Möglichkeit bietet, auf verschiedene Arten (auch von derselben Person) gelesen zu werden. Wenn sich der Blickwinkel während des Lesens verschiebt, tritt die Romanze vielleicht in den Vordergrund. Abschließend möchte ich noch anmerken, dass ich vermute, dass das Buch oft überinterpretiert wird und viele Leser glauben, sie müssten jeden Satz einzeln auseinander nehmen. Das ist nicht nötig meines Erachtens nach. Ich denke, man wird dem Autor damit nicht gerecht. Chuck Palahniuk ist durch seine knackige, scharfe Erzählweise in der Lage, sehr deutlich zu machen, wann der Leser über seine Worte nachdenken sollte und wann er das Gelesene als das akzeptieren sollte, was es ist. Ein Pinguin bleibt eben ein Pinguin, nicht mehr und nicht weniger.

Ich möchte das Buch wärmstens allen empfehlen, die zynische, beißende Gesellschaftskritik mögen und kein Problem damit haben, auch einmal selbst in den Spiegel zu blicken.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 19. Februar 2014 in Realistische Fiktion, Soziales, Thriller

 

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Joyce Carol Oates – Blonde

„Blonde“

Blonde

Autor: Joyce Carol Oates

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 738

Verlag: ECCO

Sprache: Englisch

ISBN: 0061774359

Genre: Realistische Fiktion & Biografie & Drama

ausgelesen am: 16.02.2014

Bewertung:

Bereits zu Beginn des Monats erklärte ich in Neuigkeiten & schnelle Gedanken, warum ich mir Joyce Carol Oates Roman „Blonde“ zulegte: die Faszination, die das Leben von Marilyn Monroe auf mich ausübte, gepaart mit meiner allumfassenden Bewunderung für Oates‘ beeindruckenden Schreibstil. Nun habe ich die Lektüre beendet und habe in dieser nur Bestätigung für meine Entscheidung gefunden. Dieses Buch ist eines der besten, die ich je gelesen habe. Meine emotionale Bindung an Handlung und Charaktere war so groß, dass es mir schwer fällt, überhaupt eine Rezension zu verfassen, die all die komplizierten psychologischen Prozesse während des Lesens angemessen beschreibt.

„Blonde“ von Joyce Carol Oates ist keine verlässliche Biografie, das stellt die Autorin bereits im Vorwort klar. Natürlich nutzte Oates harte Fakten aus dem Leben von Norma Jeane Baker als Gerüst, hauptsächlich ist „Blonde“ jedoch eine fiktive Interpretation der Geschehnisse. Der Leser begegnet Norma Jeane 1932, im Alter von 6 Jahren und begleitet sie 30 Jahre lang, bis zu ihrem tragischen Tod am 5. August 1962. 30 Jahre, die geprägt wurden von der immerwährenden Suche nach Liebe und Anerkennung; von Selbstzweifeln, Zurückweisung und Schmerz. Oates präsentiert in dem ihr ganz eigenen Stil des psychologischen Realismus das Mädchen hinter der Fassade der blonden Sexbombe Marilyn Monroe. Hierfür vereint sie ausgewogen zahllose Perspektivwechsel; primär agiert für den Leser ein auktorialer Erzähler, es kommen jedoch auch Zeitgenossen, Freunde und Liebschaften zu Wort. Nur in den seltensten Fällen übernimmt Norma Jeane selbst das Erzählen; ab und zu erfolgen kurze, äußerst persönliche Einwürfe ihrerseits, die eine sehr intime Situation vermitteln. So entsteht über den Großteil des Buches eine unfassbar starke Bindung an die Protagonistin, der Identifikationsgrad ist angesichts des Verlaufs ihres Lebens fast schon schmerzhaft hoch. Gegen Ende verliert sich diese enge Beziehung, was meines Erachtens nach von Oates durchaus beabsichtigt war. Je mehr Norma Jeanes Distanz zu sich selbst und zu ihrem Leben inklusive der Figur Marilyn Monroe wächst, desto mehr entfernt sie sich vom Leser und der Leser automatisch auch von ihr. Von einer nach Liebe suchenden Perfektionistin entwickelt sie sich zu einem verlorenen, anstrengenden Schatten ihres ursprünglichen Ichs, der beinahe paranoide Angst davor hat, ausgelacht und abgewiesen zu werden. Begünstigst wird diese Entwicklung sicherlich durch ihren extrem widersprüchlichen Charakter. Selten habe ich einen Protagonisten erlebt, der so innerlich zerrissen und unausgeglichen war. Es sticht hervor, dass ihre Verletzlichkeit dabei immer wieder im Fokus steht; eine Eigenschaft, die in der Regel von den Männern in Norma Jeanes Leben genannt wird. Hier zeigt sich, wie die junge Schauspielerin von der männerdominierten Welt Hollywoods gesehen wurde: als naives Fohlen, das entweder beschützt oder kinderleicht missbraucht und ausgenutzt werden konnte. Ich hatte den Eindruck, dass Norma Jeane mit dieser Sichtweise niemals zurechtkam; sie verstand nicht, wieso sie nie oder nur sehr selten für ihre Persönlichkeit und ihre Fähigkeiten geschätzt wurde. Ihre Gier nach Anerkennung hinderte sie allerdings daran, sich zu wehren. Demzufolge wurde sie von Männern erschaffen und verbraucht, die sie nie davon überzeugen konnte, dass sie weit mehr war als nur ein Sexobjekt oder eine Geldmaschine. Aus feministischer Sicht ist „Blonde“ daher die Geschichte einer Frau, die versuchte, sich in der Welt der Männer zu behaupten, aber nicht gegen die bestehenden Vorurteile ankam und deswegen unterging. Die stereotype Rolle der Marilyn Monroe wurde Norma Jeane aufgezwungen; ihr Leben lang verband sie mit dieser eine ausgeprägte Hass-Liebe. Sie hasste das Image der dummen aber kurvenreichen Blondine, die niemals ernst genommen wurde; doch sie liebte die Aufmerksamkeit, die Anerkennung und die Möglichkeiten, denn Marilyn bekam so gut wie immer das, worum sie bat. Leider war Norma Jeane nie in der Lage, das Potential dieser Rolle zu erkennen. In meinen Augen hätte Marilyn als ihr Panzer fungieren können, der ihr ein gewisses Maß an Privatsphäre sowie den Schutz ihrer Identität und ihrer wahren Persönlichkeit hätte bieten können.

Zusammenfassend kann ich von mir behaupten, dass sich mein Blick auf Marilyn Monroe durch das Buch grundlegend geändert hat. Vor allem habe ich begriffen, dass Marilyn Monroe eine Illusion war; eine Kunstfigur, die getrennt von der echten Norma Jeane Baker zu betrachten ist. Mir war bereits vor dem Lesen bewusst, dass Norma Jeanes Leben eine Tragödie war; ich war jedoch nicht darauf vorbereitet, dass mir Oates‘ biografische Interpretation so ans Herz gehen würde. Ihre Verwendung von wundervollen Metaphern und Gleichnissen verdeutlichte mir, was für eine getriebene, zutiefst traurige Frau die Ikone Monroe neben all ihrem Witz und Charme eigentlich war. Die Autorin geht so umfassend, tiefgründig und verständnisvoll auf die Psyche Norma Jeanes ein, dass es mir an einigen Stellen buchstäblich die Tränen in die Augen trieb. Ich wünschte, sie hätte gerettet werden können. Ich wünschte, sie hätte eines Tages den sicheren Hafen erreicht, den sie verdient hatte. Ich wünschte, ich hätte die Worte, um „Blonde“ so zu beschreiben, wie der Roman es eigentlich verdient.

Ich ziehe meinen Hut vor Joyce Carol Oates und Norma Jeane Baker. Lest dieses Buch, wenn ihr kein Herz aus Stein habt.

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Scott Lynch – Die Lügen des Locke Lamora

„Die Lügen des Locke Lamora“

Die Luegen des Locke Lamora von Scott Lynch

Reihe: Gentleman-Ganoven #1

Autor: Scott Lynch

Originaltitel: The Lies of Locke Lamora

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 848 Seiten

Verlag: Heyne

Sprache: Deutsch

ISBN: 3453530918

Genre: Fantasy > Low Fantasy

ausgelesen am: 01.02.2014

Bewertung:

Als ich die Rezension zu „Die Lügen des Locke Lamora“ von Scott Lynch vorbereitete, stieß ich erstmals auf die Unterscheidung zwischen High und Low Fantasy. Mir war bisher nicht bewusst, dass es hierbei Unterschiede gibt; ich dachte, alle Fantasy-Romane, die die Konstruktion einer neuen oder völlig anderen Welt beinhalten, zähle man zur High Fantasy. Tatsächlich ist dieser Punkt durchaus ein Merkmal der High Fantasy, ebenso wie das Erschaffen einer eigenen Sprache und eines eigenständigen Ökosystems; nicht zu vergessen das Auftauchen fantastischer, fiktiver Völker. Die Handlung ist meist von einer abenteuerlichen und gefährlichen Reise der heldenhaften Protagonisten geprägt, die ein bestimmtes Ziel erreichen oder verfolgen müssen, um die Welt zu retten. Als Schlüsselroman der High Fantasy wird – wie könnte es anders sein – „Der Herr der Ringe“ von J.R.R. Tolkien genannt. Die Low Fantasy hingegen bietet dem Leser weniger gradlinige Helden und Bösewichte an. Die Charaktere sind eher ambivalent; sie haben sowohl positive als auch negative Eigenschaften. Im Mittelpunkt steht in der Regel nicht die Rettung der Welt, sondern das Leben und Schicksal der Protagonisten.

In Bezug auf „Die Lügen des Locke Lamora“ musste ich dementsprechend einsehen, dass es sich hierbei eher um einen Low Fantasy Roman handelt als um einen Vertreter der High Fantasy. Der Protagonist Locke Lamora lebt nach seinen eigenen Regeln. Er ist ein Lügner, ein Dieb, ein Schuft und der Anführer der „Gentleman-Ganoven“, einer Gruppe Diebe, die sich aus ihm und seinen Freunden Jean, Bug und den Zwillingen Calo und Galdo Sanza zusammensetzt. Mit viel Charme und Witz schröpfen sie gemeinsam die Reichen und Mächtigen der Stadt Camorr um ihr Geld, obwohl dies durch den Geheimen Frieden und den Capa Camorrs eigentlich strengstens verboten ist. Als sich die Machtstrukturen innerhalb Lockes Heimatstadt verschieben, wird er vor die gefährlichste und trickreichste Aufgabe seines bisherigen Lebens gestellt; eine Aufgabe, die seinen gewitzten Verstand über alle Maßen fordert. Kann Locke diese lösen, ohne sein Leben und das seiner Freunde aufs Spiel zu setzen und damit verhindern, dass Camorr in Flammen aufgeht?

Scott Lynch teilte seinen ersten Band der Gentleman-Ganoven-Reihe in vier Bücher sowie Prolog und Epilog ein. Diese sind jeweils noch in Kapitel, Zwischenspiele und Abschnitte strukturiert. Da meine deutsche Taschenbuch-Ausgabe 848 Seiten umfasst, empfand ich diese Organisation des Buches als wirklich hilfreich; ein so dicker Schmöker liest sich doch leichter, wenn die Kapitel kürzer sind und man zwischen den Handlungssträngen ein paar Augenblicke hat, in denen man Luft holen und überlegen kann, was eigentlich auf den letzten Seiten passiert ist. Die Handlung an sich teilt sich in Gegenwart und Vergangenheit, der Leser begegnet Locke sowohl als Kind als auch als erwachsenem Mann und Dieb. Hier zeigt sich auch Scott Lynchs großes Talent, er spielt auf faszinierende Weise mit der Erwartungshaltung seiner Leser. Er nimmt sich viel Zeit, wohlüberlegte Spannungsbögen aufzubauen, arbeitet dann eine überraschende Wendung ein und kippt somit jegliche Erwartungen, die der Leser bis dahin entwickelt hatte. Ich habe noch während der Lektüre bemerkt, dass ich vom Autor manipuliert wurde; es hat unglaublich viel Spaß gemacht, mich selbst dabei zu beobachten, wie ich Lynch auf den Leim ging und seine Strategien bei mir voll und ganz griffen. Szenen und Charaktere sind den kompletten Roman über rund und detailliert gestaltet; es gab keinen einzigen Moment, in dem ich an deren Nachvollziehbarkeit und Logik zweifelte. Der Protagonist Locke Lamora ist darüber hinaus eine wirklich außergewöhnliche Figur: körperlich eher wenig beeindruckend, liegt seine Stärke in seiner bestechenden Intelligenz. Nicht umsonst ist Locke der Kopf der Gentleman-Ganoven; all ihre umfangreichen, diebischen Pläne entstammen seinem Verstand, welche er bis ins kleinste Detail ausarbeitet und dabei alle möglichen Konsequenzen einkalkuliert. Er ist ein wahres Chamäleon, ein Verkleidungskünstler, was es ihm erlaubt, die ganze Stadt Camorr zum Narren zu halten. Nicht weniger beeindruckend sind Lockes Freunde und die restlichen Charaktere des Buches gestaltet, wobei heraussticht, dass auch weibliche Figuren auftauchen, die über den für Low Fantasy typischen Status als Amazone, Sexobjekt oder Fräulein in Not hinausgehen. Ich würde mich nicht dazu hinreißen lassen, die Frauenrolle in „Die Lügen des Locke Lamora als emanzipiert zu bezeichnen, es fällt jedoch auf, dass Frauen häufiger und in wichtigeren Positionen auftreten als in vielen anderen Fantasy Romanen.

Insgesamt hat mir Scott Lynchs Erstlingswerk ausnehmend gut gefallen; ich habe mit Locke geweint, gelacht, gelitten und gebangt. Lynch hat mich komplett abgeholt und mir eine Woche lang wunderbaren Lesespaß beschert. Obwohl es ein Fantasy Roman ist, sind die fantastischen Elemente eher rar gestreut, was sicher vielen entgegen kommt, die sonst Probleme damit haben, sich eine magiegeschützte Handlung vorzustellen. Ich bewundere seine innovativen Ideen; wie kommt man beispielsweise darauf, einen Gladiatorenkampf gegen Haie in einer schwimmenden Arena stattfinden zu lassen? Ich empfehle dieses Buch an alle weiter, die zwiespältige Charaktere und eine umfangreiche, fein ausgeklügelte Handlung lieben. Die Venedig-gleiche Stadt Camorr wird euch mit offenen Armen empfangen.

(Nächster Band: Gentleman-Ganoven #2 – „Sturm über roten Wassern“ – Scott Lynch – ISBN: 3453531132)

 
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Verfasst von - 8. Februar 2014 in Fantasy, Low Fantasy, Rezension

 

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