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Archiv für den Monat Dezember 2013

Tennessee Williams – Endstation Sehnsucht

„Endstation Sehnsucht“

Originaltitel: A Streetcar Named Desire

Autor: Tennessee Williams

Ersterscheinung: 1947

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 150

Verlag: Fischer

Sprache: Deutsch

ISBN: 3596271207

Genre: Klassiker > Amerikanisch > Drama > Schauspiel

ausgelesen am: 22.12.2013

Bewertung:

Inhalt

„Endstation Sehnsucht“ erzählt die tragische Geschichte der ehemaligen Lehrerin Blanche DuBois, einer alternden Südstaaten-Schönheit, die durch das verschwenderische Leben ihrer Familie all ihren Besitz verliert, einschließlich der Plantage Belle Rêve. Mittellos und verzweifelt sucht sie Unterschlupf bei ihrer jüngeren Schwester Stella in New Orleans. Diese hat sich vor Jahren entschieden, das sinkende Schiff zu verlassen und ihr Glück in der Großstadt zu finden. Dort traf sie auf Stanley Kowalski, einen ehemaligen Soldaten des Zweiten Weltkriegs mit polnischer Herkunft, den sie heiratete.

Als Blanche bei ihrer Schwester eintrifft, ist sie entsetzt über die Umstände, in denen Stella lebt. Nichts deutet mehr auf ihre aristokratische Herkunft hin, Stella und Stanley hausen in einem ärmlichen Viertel in einer winzigen Wohnung mit gerade mal zwei Zimmern. Darüber hinaus kann sie sich nicht mit Stanley anfreunden, der ihrer Meinung nach primitiv und animalisch ist. Diese Abneigung beruht jedoch auf Gegenseitigkeit, Stan fühlt sich durch Blanches vornehmes, aber auch leicht gekünsteltes Verhalten permanent provoziert. Stella hingegen sitzt durch die Unstimmigkeiten zwischen ihrem Ehemann und ihrer Schwester zwischen den Stühlen. Sie versucht zu vermitteln, scheitert allerdings, da sie Stans aggressiver Art unterlegen ist und sich in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihm befindet, das durch Sexualität und Gewalt geprägt ist.

Stan ist überaus bemüht, den Eindringling in seinem Heim wieder loszuwerden. Er erkundigt sich über Blanches Leben in ihrer Heimatstadt und findet heraus, dass Blanche ein moralisch eher verwerfliches Leben führte: wechselnde Männerbekanntschaften, die am Ende in die sexuelle Beziehung zu einem ihrer (minderjährigen) Schüler gipfelten. Dieser Vorfall kostete sie ihre Anstellung als Lehrerin.

Blanche verfolgt in New Orleans vor allem das Ziel, sich selbst noch zu retten, indem sie einen Mann heiratet, der ihr Schutz und Sicherheit bieten kann. Sie bändelt mit Stans Freund Harold „Mitch“ Mitchell an, der zwar eigentlich weit unter ihren normalen Ansprüchen steht, für Blanche jedoch den letzten Ausweg aus ihrer Misere darstellt.

Die sich entwickelnde Beziehung zwischen Mitch und Blanche erfährt einen herben Rückschlag, als Stan die Informationen, die er über Blanches Vergangenheit gesammelt hat, an Mitch weitergibt. Mitch kann nicht verstehen, wieso Blanche ihn die ganze Zeit über immer auf Abstand hielt, während sie früher ein freizügiges Leben führte. Betrunken versucht er eines Abends, Blanche zu sexuellen Handlungen zu überreden; die Situation eskaliert und Blanche wirft ihn aus dem Haus.

Erneut emotional angeschlagen zieht sich Blanche in eine Fantasiewelt zurück, die auf brutale Weise erneut mit der harten Realität in Person von Stan konfrontiert wird. Allein mit ihm in der Wohnung vergewaltigt er die Schwester seiner Ehefrau, während Stella im Krankenhaus ist und das gemeinsame Baby zur Welt bringt.

Dieser Vorfall zerstört Blanche endgültig: da ihr niemand glaubt, nicht einmal Stella, wird sie in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen.

Rezension

Das Stück „Endstation Sehnsucht“ spielt Ende der 1940er Jahre, es wurde 1947 uraufgeführt. Es thematisiert den Untergang der Südstaaten-Aristokratie und deren Ablösung durch das „neue“ Amerika, personifiziert durch die Figur des Stanley Kowalski.

Ich habe lange über das Stück nachgedacht und habe versucht, dessen Bedeutung für die amerikanische Gesellschaft und Geschichte zu erfassen.

Meiner Meinung nach hat Tennessee Williams den Zeitgeist brillant erfasst und eine wirklich beeindruckende Gesellschaftskritik geschrieben.

Man merkt von Beginn an, was für eine detaillierte und umfangreiche Vorstellung Williams von seinem Stück hatte, dies wird deutlich durch sehr exakte Bühnenanweisungen. Der Leser erhält bereits vor den Dialogen eine recht genaue Vorstellung von den Figuren und den Situationen, in denen sie sich befinden.

Die Figuren selbst sind nachvollziehbare Akteure, durch die beschriebenen Charakterzüge kann sich der Leser wunderbar erklären, wie es dazu kam, dass sie sich in den dargestellten Umständen befinden.

Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind natürlich geprägt von Konflikten und Oppositionen. Blanche und Stanley verkörpern deutliche Gegensätze, während Stella und Mitch zwischen den beiden gefangen und hin und her gerissen sind.

Im Mittelpunkt steht hierbei eindeutig Blanche, das Stück wird durch das Mitleid, das man für sie empfindet, getragen. Dieses ist jedoch nicht uneingeschränkt, eine volle Identifikation wird durch ihre Affektiertheit und Irrationalität verhindert. Man erkennt, dass Blanche durchaus auch Fehler hat und zum Teil selbst zu ihrem Unglück beigetragen hat. Trotzdem sind die Angriffe von Seiten Stans so brutal, gemein und egoistisch, dass man als Leser kaum anders kann, als Bedauern für sie zu empfinden. Blanche ist eine zutiefst tragische Figur, dieser Eindruck wird noch verstärkt, weil sie nicht mal von ihrer eigenen Schwester Hilfe erwarten kann.

Stella selbst war in meinen Augen der schwächste Charakter, allerdings nicht im Sinne ihrer Konstruktion durch Williams. Sie ist als schwache Frau dargestellt, die sich nicht gegen ihren gewalttätigen Ehemann auflehnen kann. Sie ist in einer durchaus leidenschaftlichen Beziehung mit Stanley gefangen, die ihr nicht gut tut. Ich bin überzeugt, dass Stella dies auch erkannt hat, doch sie ist nicht in der Lage, Konsequenzen daraus zu ziehen. Ich würde sogar so weit gehen, zu resümieren, dass sie Stanley und seiner Aggressivität komplett verfallen ist. Sie belügt sich selbst hinsichtlich seiner Natur und ist deswegen auch nicht gewillt, Blanche bezüglich der Vergewaltigungsvorwürfe zu glauben. Ihr Schicksal als hörige und abhängige Ehefrau scheint durch die Geburt von Stans Kind besiegelt.

So gesehen sind Blanches und Stellas Schicksal nicht so verschieden, wie es an der Oberfläche erscheint. Blanche wurde durch die Ereignisse in ihrer Heimat und in New Orleans gebrochen und vollständig zerstört. Stella ist ebenfalls eine gebrochene Frau, allerdings ist dieser Umstand bei ihr weniger offensichtlich. Durch die Beziehung zu ihrem Ehemann ist sie gezwungen, die Realität zu verleugnen und die Bande zu ihrer Schwester, die einst vermutlich sehr eng waren, aufzulösen. Auf die Spitze getrieben wird dies natürlich durch Blanches Einlieferung in eine psychiatrische Anstalt; Williams deutet an, dass dieser Umstand auf Stellas Initiative zurückgeht. Dementsprechend kann man schlussfolgern, dass Blanches Einlieferung eine erzwungene symbolische Abkehr von einem wichtigen Teil von Stellas Persönlichkeit darstellt – ihrer Vergangenheit. Stellas Zukunft gehört nun völlig ihrem brutalen Ehemann Stan. Sie kann keinerlei Rettung mehr erwarten, da niemand mehr übrig ist, der die Fatalität dieser Beziehung erkennen könnte, denn all ihre Bekanntschaften und Freundinnen befinden sich in einer ähnlich prekären Lage, ohne es erfassen zu können.

So fügt sich Stella in ihr Schicksal und opfert ihre Schwester für eine zerstörerische Verbindung.

Stanley geht aus dem Stück als Sieger hervor: seine Dominanz wurde gefestigt, er konnte die Bedrohung seiner Lebensumstände erfolgreich beseitigen.

Die Tatsache, dass Blanche Stellas personifizierte Vergangenheit symbolisiert, erklärt den Umstand, dass Stan die Schwester seiner Frau so umfassend ablehnt. Blanche führt ihm vor Augen, wie unterschiedlich er und Stella eigentlich sind. Er erkennt, dass er im Grunde nicht gut genug für eine junge Frau mit aristokratischen Wurzeln ist; dass er ihr nichts bieten kann und fürchtet sich vor der Möglichkeit, dass auch Stella dies realisiert.

Zu Beginn des Stücks unterhalten sich Stella und Stan darüber, dass alles Geld, das Blanche mit dem Verkauf von Belle Rêve möglicherweise erwirtschaftet hat, automatisch auch ihm zusteht, da sie verheiratet sind. Im Nachhinein wirkte das auf mich, als wollte Stan durch diese Äußerung verdeutlichen, dass Stella keinerlei Chance hat, sich von ihm zu lösen. Dahinter scheint die Angst zu stehen, dass Stella mit genügend finanziellem Rückhalt ihre Sachen packen und ihn verlassen könnte. Obwohl sie auf mich nie den Eindruck machte, als spiele sie mit diesem Gedanken, unterdrückt Stan bereits präventiv jegliche mögliche Anwandlung in diese Richtung.

Unterdrückung ist darüber hinaus eines der Stichworte, die Stan am besten beschreiben. Er führt seine Beziehung und seinen Haushalt mit strenger Hand und stellt dadurch patriarchalische Zustände her. Weder erkennt er Stellas Selbstbestimmtheit an, noch erlaubt er ihr, sich zu entwickeln. Er hält sie klein, zwingt sie in ein Abhängigkeitsverhältnis und erstickt jegliche Emanzipation ihrerseits bereits im Keim. Dazu gehört zum Beispiel, dass sie ihn um Geld bitten muss, wenn sie etwas unternehmen möchte und kein eigenes besitzt und auch, dass er Rechnungen gern selbst bezahlt. Er lässt sie keinerlei Verantwortung übernehmen und hält sie aus den organisatorischen Prozessen des Lebens heraus. Die Motivation dahinter scheint zu sein, dass Stella auf diese Weise im Fall einer Trennung nicht allein überlebensfähig wäre, was sie daran hindert, diese überhaupt in Betracht zu ziehen.

Stanley ist der Gefängniswärter der Zelle, in die sich Stella selbst begeben hat. Er ist derjenige, der Stella daran hindert, sich aus ihrem selbstgewählten Schicksal zu befreien.

Zusammenfassend gefiel mir das Stück sehr gut. Es ist eine Tragödie menschlicher Charaktere, die durch unterschiedliche Ereignisse und Entscheidungen in verschiedene aussichtslose Lebensumstände getrieben wurden.

Es half mir, einen bestimmten Aspekt der amerikanischen Gesellschaft besser zu verstehen: den Unterschied zwischen Süd- und Nordstaaten und die daraus entstehenden Konflikte.

Für die damalige Zeit hat Tennessee Williams sowohl die Gesellschaft als Ganzes wie auch das Thema Sexualität und Gewalt innerhalb von Beziehungen mutig thematisiert und kritisiert.

Trotzdem kann ich für „Endstation Sehnsucht“ nur drei Sterne vergeben, weil mich als Deutsche die Relevanz des Stücks weniger berührt als vermutlich ein/e Amerikaner/in. Außerdem sind für das Verständnis dieses Schauspiels gewisse historische Vorkenntnisse erforderlich. Ein Leser, der von eben diesem Unterschied zwischen den nördlichen und den südlichen Staaten der USA noch nie gehört oder gelesen hat; der die geschichtlichen Ereignisse (Stichwort Bürgerkrieg) nicht kennt, kann vermutlich nicht nachvollziehen, warum es für Blanche so schwer ist, sich in ihre neue Umgebung zu integrieren und auch ihre Verzweiflung nicht verstehen.

Es ist kein Stück, das man außerhalb des Kontextes lesen kann.

Wer sich jedoch für amerikanische Geschichte interessiert und wie diese sich in der Kunst allgemein und der Literatur im Speziellen widerspiegelt, dem kann ich dieses Stück nur ans Herz legen. Wie bereits beschrieben, es ist eine brillante Gesellschaftskritik, die den Zeitgeist der späten 1940er Jahre hervorragend erfasst.

 

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Chris Beckett – Dark Eden

„Dark Eden“

Autor: Chris Beckett

Format: Tachenbuch

Seitenzahl: 404

Verlag: Corvus

Sprache: Englisch

ISBN: 1848874642

Genre: Science-Fiction > Dystopie

ausgelesen am: 20.12.2013

Bewertung:

Inhalt

Die Geschichte katapultiert den Leser auf einen anderen Planeten, einen Planeten, auf dem die Bäume geothermisch sind und brummen, die Tiere zwei Herzen haben und dunkelgrünes Blut durch ihre Adern pumpt. Ein Planet, der permanent im Dunkeln lebt – Eden.

Dort begegnen wir John Redlantern, ein 15-jähriger menschlicher Jugendlicher, der sich nichts sehnlicher wünscht als Veränderung.  Doch Veränderung ist in seiner Familie, die 532 Mitglieder zählt, nicht gern gesehen. Er und seine Verwandten warten seit 163 Jahren darauf, von Eden abgeholt und zur Erde gebracht zu werden. Daher hat in dieser langen Zeit nie jemand versucht, den bizarren und doch wunderschönen Planeten zu erkunden. Geduldig harren sie in der Nähe eines Steinkreises aus, mit dem ihre Vorfahren (Angela und Tommy) ihre Ankunft mit einem Raumschiff markierten. Alle sind überzeugt, man dürfe sich nicht zu weit von der Siedlung um den Steinkreis herum entfernen, da man sonst von Erde nicht gefunden werden könnte. Alle sind zufrieden, obwohl die Nahrungsquellen knapp werden, die Familie durch Inzucht und eine Form von freier Liebe immer weiter wächst und der Lebensraum zusehends beengter wird.

Alle, außer John. Aus Sorge um die Zukunft seiner Familie und einer eigenen inneren Unruhe heraus beginnt er zu revoltieren. Er stellt das Leben, wie die menschlichen Bewohner von Eden es kannten, komplett auf den Kopf; so sehr, dass sich eine Gruppe Jugendlicher abspaltet und ihr Glück darin sucht, die unentdeckten Territorien des Planeten zu erkunden, um eine neue Heimat zu finden.

Getrieben von dem Wunsch nach Verbesserung ihrer Lebensumstände, werden sie mit Sturheit, Wut und Ignoranz konfrontiert. Sie müssen lernen, dass es nicht leicht ist, mit alten Traditionen zu brechen und darüber hinaus, was es bedeutet, wenn die eigene Familie zum Feind wird.

Auf ihrer Reise entdecken sie völlig neue Seiten ihrer Heimat und decken dabei das große Geheimnis um die Vergangenheit und ihre Vorfahren auf…

Rezension

„Dark Eden“ ist ein Dystopie-Roman aus der Science Fiction – Ecke, wie er im Buche steht. Alles wirkt fremd und für Menschen lebensfeindlich, trotzdem aber faszinierend und wunderschön. Die Welt, die Chris Beckett beschreibt, gleicht einer giftigen Pflanze: herrlich anzuschauen, aber auf näheren Kontakt sollte man verzichten.

Die Menschen, die dort aufgrund unglücklicher Umstände leben, erscheinen wie Kinder. Fast alles Wissen, dass Angela und Tommy einst von der Erde mitbrachten, ist verloren oder vergessen. Sie wissen nicht, wie man warme Kleidung näht, der Großteil kann weder lesen noch schreiben und 163 Jahre nach der Landung ist man auch nicht mehr ganz sicher, wie Jahre überhaupt gezählt werden. Die Familie ist durch Inzucht entstanden, daher sind alle mehr oder weniger eng miteinander verwandt. Natürlich hatte dies auch über die Generationen hinweg Auswirkungen, es werden immer mehr Kinder mit schlimmen Hasenscharten oder sogenannten Klauenfüßen (clawfeet) geboren. Es ist zwar bekannt, dass man nicht mit Brüdern, Schwestern oder der eigenen Mutter schlafen sollte, doch warum das so ist, weiß niemand, geschweige denn, dass sie den Zusammenhang zwischen Missbildungen und ihrem Sexualverhalten erkennen würden. Ich muss gestehen, dass mich diese Eigenheit anfangs sehr schockiert hat, die Familie wirkt wie eine Kommune, in der im Grunde jeder mit jedem (natürlich ungeschützt) ein Nümmerchen schieben darf. Sex gehört dort einfach zum Alltag dazu, es ist nichts Außergewöhnliches und auch nichts, dass zwei Menschen auf besondere Art und Weise miteinander verbinden würde. Er hat nur zwei Funktionen: Fortpflanzung und Entspannung.

Trotzdem sind die Bewohner von Eden so menschlich, wie sie nur hätten sein können. Beckett hat die typisch humane Eigenschaft, Angst vor allem Neuen zu haben und es kategorisch abzulehnen, wunderbar herausgearbeitet. Der Widerwille, den eigenen Planeten zu erkunden; der Hass, der der Gruppe um den Protagonisten John Redlantern entgegen schlägt, ist so tiefgreifend und facettenreich beschrieben, dass die Geschichte von diesem Standpunkt aus auch hätte auf unserem Planeten spielen können.

Insgesamt empfand ich die Charaktere als sehr fein und umfangreich konstruiert. Den Hauptteil des Buches bestreitet der Leser aus der Perspektive von John Redlantern, da er trotz vielen Nebenfiguren Protagonist ist und auch bleibt. Beckett dreht die Perspektive jedoch häufiger, indem er (teilweise parallel) andere Figuren einen Teil der Geschichte erzählen lässt. Mir hat das sehr gut gefallen, es war zum Einen eine Möglichkeit, den Protagonisten aus verschiedenen Blickwinkeln kennenzulernen und dadurch einen recht vollständigen Eindruck von ihm zu bekommen, zum Anderen gab es einen hervorragenden Einblick in die Denkweise der Menschen auf Eden.

Der Protagonist John ist ein komplizierter Charakter. Tatsächlich bin ich bis jetzt immer noch nicht sicher, ob er meiner Meinung nach wirklich ein Sympathieträger ist oder nicht. Er versucht zwar, das Leben für alle zu verbessern, ich hatte aber trotzdem oft das Gefühl, dass er auch von egoistischen Motiven getrieben wird. Die bereits erwähnte eigene Unruhe scheint in ihm oft gepaart zu sein mit dem Bedürfnis, etwas Besonderes und Großes zu leisten und dabei zusätzlich noch im Mittelpunkt zu stehen. Wird ihm die zentrale Rolle in den Ereignissen abgesprochen oder von jemand anderem übernommen, fühlt er sich unwohl und trägt sich sofort mit dem Gedanken, wie er auch das zu seinem Vorteil nutzen kann, um sich wieder in den Vordergrund zu rücken. Des Weiteren ist John ein extrem vorausschauender junger Mann, manchmal sogar ZU vorausschauend und berechnend für sein angegebenes Alter von etwa 15 Jahren. Allerdings half hier die Unsicherheit, was die Zeitrechnung in Eden betrifft, da es genauso gut möglich wäre, dass er bereits etwa 18 Jahre alt ist. Der Leser kann sich nie ganz sicher sein, ebenso wenig wie die Menschen auf Eden. Daher stellte dies für mich kein Hindernis dar. Dazu passend ist sein manipulatives Wesen, eine seiner dominantesten Eigenschaften. Das ganze Buch über hatte ich den Eindruck, dass ihm zwischenmenschliche Kontakte unglaublich schwer fallen, es sei denn, er will etwas durch sie erreichen. Er scheint immer recht genau zu wissen, welche Knöpfe er bei seinen Gesprächspartnern drücken muss, um sie in die eine oder andere Richtung zu lenken. Doch sobald es um Gefühle geht oder darum, einfach nur das Leben zu spüren, versagt John komplett. Er kann nie loslassen, zerdenkt alles bis ins kleinste Detail. Außerdem ist John sehr mutig, er hat einen wachen, intelligenten Geist und betätigt sich für die dargestellten Verhältnisse relativ erfolgreich als Erfinder.

Es sind gerade seine Fehler, die ihn real erscheinen lassen. John ist kein Held aus dem Bilderbuch. Chris Beckett gab ihm einen vielschichtigen Charakter mit egoistischen Zügen, und dadurch ein durch und durch menschliches und nachvollziehbares Verhalten. Es spielt keine große Rolle, ob der Leser ihn mag oder nicht; er trägt die Geschichte, die sich eigentlich um viel größere Dinge dreht als nur um diesen einen jungen Mann.

Darüber hinaus hat Beckett seinen Roman auf erfrischende Weise durch den Einsatz unterschiedlichster Perspektiven aufgebrochen, wie bereits erwähnt. Daher weiß man nie, wer die Hauptfigur des nächsten Kapitels sein wird. Es erzeugt Spannung und eine gewisse Loslösung von John, was durch seine nicht immer sympathische Art sehr angenehm war. Manche Figuren bekommen mehrere Kapitel, um aus ihrem Blickwinkel zu erzählen, manche nur eines.

Die größte Rolle neben John spielt Tina Spiketree, eine junge Frau in Johns Alter, die ihm letztendlich auch auf seine Reise durch Eden folgt. Sie ist intelligent und scharfzüngig; mit John verbindet sie eine recht komplizierte Beziehung, die auch zu keinem Happy End findet. Dies liegt jedoch nicht an ihr, sondern an John und seinem schwierigen zwischenmenschlichen Verhalten. Tina ist für den Leser der größte und verlässlichste Faktor, um zu verstehen, wie der Protagonist auf die anderen Figuren wirkt.

Ein absolutes Highlight des Buches war für mich die Schreibweise. Die Menschen in Eden neigen dazu, Adjektive mehrfach zu wiederholen, wenn sie ausdrücken möchten, wie sehr sie etwas geärgert, gefreut, erstaunt etc. hat. Anfangs fand ich das befremdlich, es erinnerte mich erneut an die Kommunikation von Kindern, aber im Laufe des Buches habe ich diese Ausdrucksweise wirklich zu schätzen gelernt. Der Autor erlaubte seinen Figuren dadurch einen ganz eigenen Charme.

Zusätzlich verwendet Beckett hin und wieder Worte, die eindeutig ursprünglich von der Erde kommen, auf Eden in den Jahren aber verfälscht und abgeändert wurden. Aus „electricity“ wurde so beispielsweise „lecky-trickity“ und „televison“ wurde zu „telly vision“. Aus linguistischer Sicht stellt das eine absolut plausible Entwicklung dar, denn schließlich sind die einzigen Personen, die sich an diese Worte hätten erinnern können, schon seit Jahrzehnten verstorben. Ich musste über dieses Detail mehrfach schmunzeln und mochte den auflockernden Effekt.

Zusammenfassend erzählt das Buch eine eher ruhige Geschichte, die ohne große Spannungsmomente auskommt. Die Zugkraft geht völlig von der Reise der Gruppe um John Redlantern aus, man wünscht ihnen einfach so sehr, dass sie einen sicheren Platz zum Leben finden und natürlich trieb mich auch die Neugier an, zu erfahren, was die große Entdeckung um die Vorfahren der Familie darstellt.

Im Mittelpunkt stehen absolut zwischenmenschliche Beziehungen in allen ihren Facetten. Chris Beckett hat in der Konstruktion seiner Charaktere sehr viel Feingefühl und Liebe zum Detail bewiesen, wodurch sie glaubhaft und echt wirken.

Dieses Buch ist etwas für all die Leser, die Science Fiction eher kritisch gegenüber stehen, weil sie sich nicht mit der Vorstellung von Aliens anfreunden können. „Dark Eden“ braucht weder abgefahrene, ausgeflippte und eindeutig nicht menschliche Feinde, noch ein besonders umfangreiches, kompliziertes Gesellschaftssystem, um zu überzeugen. Durch und durch menschliche Konflikte, Ängste und Emotionen in einer faszinierenden und befremdlichen Natur reichen völlig aus, um eine fesselnde Geschichte zu erzählen.

Ich kann es guten Gewissens weiter empfehlen.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 20. Dezember 2013 in Dystopie, Science-Fiction

 

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